Pressestimmen
"Ein faszinierendes, düsteres, bildgewaltiges Fantasy-Epos. Alan Campbell öffnet hier eine neue Tür im Fantasy-Genre - bitte eintreten und wohlfühlen". (Bild am Sonntag )
Kurzbeschreibung
Seit Hunderten von Jahren hängt die Stadt Deepgate an unzähligen schweren Eisenketten über einem finsteren, dämonischen Abgrund. Dort tobt ein erbitterter Kampf um die Seelen der Verstorbenen. Dill ist der letzte aus dem einst mächtigen Geschlecht der Erzengel und dazu auserwählt, tote Seelen an den schrecklichen Gott dieses Höllenschlundes zu übergeben. Als er das Ritual zum ersten Mal vollzieht, schwört der Vater einer entseelten Tochter blutige Rache und löst damit einen infernalen Kampf aus …
Der erste Teil einer atemberaubenden Fantasy-Trilogie
Klappentext
Trudi Canavan
"Ein beeindruckendes Buch und ein echter Page-turner."
SFFWORLD
"Die beste und innovativste Fantasy-Geschichte die ich seit einiger Zeit gelesen haben."
Neal Asher
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Presbyter Scrimlock kraxelte keuchend und schnaufend durch die Ketten. Seine Laterne schwankte hin und her, stieß gegen Kettenglieder, Schweißnähte und Gott weiß was und warf gitterartige Schattenmuster auf die glänzenden Pflastersteine. Wenn er aufblickte, sah er sternenfunkelnde Vierecke und Dreiecke. Seine Sandalen rutschten wie auf geschmolzenem Glas. Die Ketten, die er streifte, waren feucht. Als er endlich den Spine-Adepten erreichte, der am Tor des Wachtturms auf ihn wartete, begriff er, warum.
»Blut«, flüsterte er entsetzt. Hektisch rieb er über die Soutane, aber das geronnene Blut ließ sich nicht mehr entfernen.
Der Adept blickte den Priester mit leblosen Augen an. Die Haut über den Wangenknochen war so straff gespannt, dass sein Kopf an einen Totenschädel erinnerte. »Von den Toten«, erklärte er. »Sie wirft sie aus dem Turm. Sie will sie nicht bei sich da oben haben.« Er legte den Kopf auf die Seite.
Unter den Ketten lagen zahllose Spine-Leichen in einem formlosen Haufen übereinander, ihre ledernen Rüstungen schimmerten wie Gift.
»Ulcis sei uns gnädig«, sagte Scrimlock. »Wie viele hat sie getötet?«
»Elf.«
Scrimlock holte tief Luft. Die Nacht schmeckte nach Feuchtigkeit und Rost wie die Luft in einem Kerker. »Ihr macht alles noch schlimmer«, wandte er ein. »Seht Ihr denn nicht, dass sie nur noch wütender wird?«
»Wir haben sie verwundet«, erwiderte der Adept. Sein Gesicht war unergründlich, als er eine blasse Hand gegen die Verriegelung am Tor des Wachtturms presste, wie um sie zu verstärken.
»Was?« Das Herz des Presbyters raste. »Ihr habt sie verwundet? Das ist … Wie konntet Ihr …?«
»Ihre Wunden heilen schnell.« Der Adept sah auf. »Aber wir dürfen jetzt keine Zeit verlieren.«
Scrimlock folgte dem Blick des Mannes und fragte sich einen Augenblick, was er beobachtete. Dann entdeckte er sie: Silhouetten, die sich vor dem funkelnden Nachthimmel abhoben, schlanke Gestalten, die an den Ketten emporkletterten. Schnell und lautlos bewegten sie sich auf das einzige Fenster des Wachtturms zu. Mehr Spine als Scrimlock je auf einmal gesehen hatte. Es mussten fünfzig oder sechzig sein. Wie war es möglich, dass er sie zuvor nicht bemerkt hatte?
»Alle Adepten sind dem Aufruf gefolgt.«
»Alle?«, zischte Scrimlock und senkte die Stimme. »Das ist Wahnsinn! Wenn sie entkommt …« Er rang die Hände. Die Kirche konnte es sich nicht leisten, so viele ihrer Assassinen zu verlieren.
»Sie kann nicht entkommen. Das Fenster ist zu schmal für ihre Flügel, das Dach ist abgedichtet, das Tor fest verriegelt.«
Scrimlock warf einen Blick auf das Tor des Wachtturms. Die eisernen Verstrebungen schienen robust genug zu sein, um ein ganzes Heer aufzuhalten. Trotzdem beruhigte es ihn nicht. Er suchte in den Augen des Adepten nach Bestätigung, aber natürlich war dort nichts, nur eine tiefe Leere, die der Priester bis ins Mark spürte. Ob sie sie wirklich verwundet hatten? Wie teuer könnte das die Kirche zu stehen kommen? Wie würde sie sich rächen? Bei Gott, das war zu viel.
»Ich kann das nicht gutheißen«, wandte er ein. Er deutete auf den Leichenhaufen und das Blut, das immer noch auf die Pflastersteine tropfte. »Ulcis wird die verstümmelten Körper nicht annehmen, sie sind alle verflucht.«
»Wir haben genügend Adepten zur Verstärkung.«
»Auch sie werden umkommen!«, fauchte der Presbyter. Doch er spürte, dass es seiner Stimme an Überzeugung mangelte. Sie haben es geschafft, sie zu verwunden. Das war in tausend Jahren niemandem gelungen.
»Opfer sind unvermeidbar.«
»Opfer? Seht Euch das Blut an! Seht nur!« Scrimlock trat einen Schritt zurück und hob die Soutane aus der Blutlache um seine Knöchel. »Für dieses Blut erhebt sich die Hölle, all diese Seelen sind verloren. Dieser Hof ist verflucht! Das Böse wird hier jahrhundertelang sein Unwesen treiben. Nicht einmal hundert Priester könnten Irils Schatten von diesen Steinen tilgen. Hier gibt es nichts mehr zu retten. Alles ist verloren.«
Der Priester wusste nicht, was ihn mehr entsetzte, die Vorstellung, dass man ihrem Herrn Ulcis, Gott der Ketten, so viele Seelen der besten Assassinen der Kirche vorenthielt, oder dass die Hölle ihnen so nahe kommen konnte. Waren die Seelen der Körper, die ausbluteten, nicht dazu verurteilt, auf ewig durch das große Labyrinth zu irren? Scrimlock spähte fieberhaft in die Finsternis ringsum. Waren sie vielleicht bereits in der Hölle? Traten die Seelen in diesem Augenblick durch irgendein schattiges Tor in Irils endlosen Irrgarten? Wenn ja, was käme einem von der anderen Seite entgegen? Und was könnte entkommen?
»Beendet die Jagd«, sagte er. »Lasst sie entkommen. Es ist zu gefährlich.«
»Ihr wünscht, dass sie überlebt?«, entgegnete der Adept.
»Nein, ich …« Etwas berührte den Priester an der Schulter. Er drehte sich erschrocken um. Eine Kette. »Ich will nur, dass die Spine überleben«, antwortete er und fasste sich an die Brust. »Ruft Eure Männer zurück, ehe es zu spät ist.«
In diesem Augenblick erklang von oben lautes Gelächter.
»Die Verstärkung hat das Fenster erreicht«, erklärte der Adept.
Scrimlock sah auf. Aus dem zerklüfteten Dach des Wachtturms stieg Rauch und legte sich wie ein Fettfilm über die Sterne. Die steinernen Falken und Zinnen waren, wie die Sappeure es vorausgesagt hatten, nach innen eingebrochen und hatten den Zugang zum Dach und damit den Fluchtweg versperrt. In der Luft hing der schwefelige Geruch nach Schwarzpulver. Auf halber Höhe des Turms zwängte sich der erste Assassine durch das Fenster.
Ein lauter Schwerthieb hallte wider.
Scrimlock befeuchtete seine Lippen. »Sie ist bewaffnet«, rief er. »Gott steh uns bei! Sie verteidigt sich mit Stahl.«
»Nein«, antwortete der Adept. »Die Treppen und Gänge von Barraby sind schmal. Der Kampf in solcher Enge ist tückisch. Das war nur das Schwert eines Spine, das auf Stein schlug. Sie ist immer noch unbewaffnet.«
»Das verstehe ich nicht.« Der Priester warf erneut einen Blick auf den Leichenhaufen. »Es muss im Innern des Turms noch alte Waffen geben. Ihr könnt sie nicht alle in Sicherheit gebracht haben. Warum benutzt sie sie nicht?«
Im gleichen Moment unterbrach ihn ein lauter Schrei, gefolgt von schrecklichem Gelächter. Scrimlock wurde schwindlig. Der Schrei und das Lachen schienen aus derselben Kehle zu stammen.
»Wir glauben, dass sie bezwungen werden will«, sagte der Adept.
»Aber das ergibt keinen Sinn. Sie …«
Da lenkte ihn ein Geräusch von oben ab; er sah auf und bekam gerade noch mit, wie eine Gestalt durch das schmale Fenster gestoßen wurde. Knochen knirschten, und dann stürzte der leblose Körper herab, bis er gegen eine Kette prallte. Arme und Beine verfingen sich in den mächtigen Gliedern. Einen kurzen Augenblick lang hing der Körper reglos wie eine Strohpuppe in der Luft. Dann löste er sich, streifte weitere Ketten unterhalb und prallte schließlich auf dem Boden auf. Die Eisenträger spannten sich und vibrierten. Vier weitere Spine hatten sich zum Fenster des Wachtturms vorgearbeitet. Sie hielten sich an den Haken und Ösen fest, mit denen die Ketten in den Wänden verankert waren. Andere kletterten hinterher. Der erste Assassine, ein hagerer Mann, zwängte sich mit dem Schwert in der Hand durch das schmale Fenster.
Dann rief er hinunter: »Sie ist verletzt. Sie ist …«
Ein Geheul, halb Klage, halb rasende Wut, bohrte sich in Scrimlocks Herz. Man hörte...
Auszug aus Scar Night. Die Kettenwelt-Chroniken von Alan Campbell , Roberto de Hollanda. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Presbyter Scrimlock kraxelte keuchend und schnaufend durch die Ketten. Seine Laterne schwankte hin und her, stieß gegen Kettenglieder, Schweißnähte und Gott weiß was und warf gitterartige Schattenmuster auf die glänzenden Pflastersteine. Wenn er aufblickte, sah er sternenfunkelnde Vierecke und Dreiecke. Seine Sandalen rutschten wie auf geschmolzenem Glas. Die Ketten, die er streifte, waren feucht. Als er endlich den Spine-Adepten erreichte, der am Tor des Wachtturms auf ihn wartete, begriff er, warum.
»Blut«, flüsterte er entsetzt. Hektisch rieb er über die Soutane, aber das geronnene Blut ließ sich nicht mehr entfernen.
Der Adept blickte den Priester mit leblosen Augen an. Die Haut über den Wangenknochen war so straff gespannt, dass sein Kopf an einen Totenschädel erinnerte. »Von den Toten«, erklärte er. »Sie wirft sie aus dem Turm. Sie will sie nicht bei sich da oben haben.« Er legte den Kopf auf die Seite.
Unter den Ketten lagen zahllose Spine-Leichen in einem formlosen Haufen übereinander, ihre ledernen Rüstungen schimmerten wie Gift.
»Ulcis sei uns gnädig«, sagte Scrimlock. »Wie viele hat sie getötet?«
»Elf.«
Scrimlock holte tief Luft. Die Nacht schmeckte nach Feuchtigkeit und Rost wie die Luft in einem Kerker. »Ihr macht alles noch schlimmer«, wandte er ein. »Seht Ihr denn nicht, dass sie nur noch wütender wird?«
»Wir haben sie verwundet«, erwiderte der Adept. Sein Gesicht war unergründlich, als er eine blasse Hand gegen die Verriegelung am Tor des Wachtturms presste, wie um sie zu verstärken.
»Was?« Das Herz des Presbyters raste. »Ihr habt sie verwundet? Das ist ... Wie konntet Ihr ...?«
»Ihre Wunden heilen schnell.« Der Adept sah auf. »Aber wir dürfen jetzt keine Zeit verlieren.«
Scrimlock folgte dem Blick des Mannes und fragte sich einen Augenblick, was er beobachtete. Dann entdeckte er sie: Silhouetten, die sich vor dem funkelnden Nachthimmel abhoben, schlanke Gestalten, die an den Ketten emporkletterten. Schnell und lautlos bewegten sie sich auf das einzige Fenster des Wachtturms zu. Mehr Spine als Scrimlock je auf einmal gesehen hatte. Es mussten fünfzig oder sechzig sein. Wie war es möglich, dass er sie zuvor nicht bemerkt hatte?
»Alle Adepten sind dem Aufruf gefolgt.«
»Alle?«, zischte Scrimlock und senkte die Stimme. »Das ist Wahnsinn! Wenn sie entkommt ...« Er rang die Hände. Die Kirche konnte es sich nicht leisten, so viele ihrer Assassinen zu verlieren.
»Sie kann nicht entkommen. Das Fenster ist zu schmal für ihre Flügel, das Dach ist abgedichtet, das Tor fest verriegelt.«
Scrimlock warf einen Blick auf das Tor des Wachtturms. Die eisernen Verstrebungen schienen robust genug zu sein, um ein ganzes Heer aufzuhalten. Trotzdem beruhigte es ihn nicht. Er suchte in den Augen des Adepten nach Bestätigung, aber natürlich war dort nichts, nur eine tiefe Leere, die der Priester bis ins Mark spürte. Ob sie sie wirklich verwundet hatten? Wie teuer könnte das die Kirche zu stehen kommen? Wie würde sie sich rächen? Bei Gott, das war zu viel.
»Ich kann das nicht gutheißen«, wandte er ein. Er deutete auf den Leichenhaufen und das Blut, das immer noch auf die Pflastersteine tropfte. »Ulcis wird die verstümmelten Körper nicht annehmen, sie sind alle verflucht.«
»Wir haben genügend Adepten zur Verstärkung.«
»Auch sie werden umkommen!«, fauchte der Presbyter. Doch er spürte, dass es seiner Stimme an Überzeugung mangelte. Sie haben es geschafft, sie zu verwunden. Das war in tausend Jahren niemandem gelungen.
»Opfer sind unvermeidbar.«
»Opfer? Seht Euch das Blut an! Seht nur!« Scrimlock trat einen Schritt zurück und hob die Soutane aus der Blutlache um seine Knöchel. »Für dieses Blut erhebt sich die Hölle, all diese Seelen sind verloren. Dieser Hof ist verflucht! Das Böse wird hier jahrhundertelang sein Unwesen treiben. Nicht einmal hundert Priester könnten Irils Schatten von diesen Steinen tilgen. Hier gibt es nichts mehr zu retten. Alles ist verloren.«
Der Priester wusste nicht, was ihn mehr entsetzte, die Vorstellung, dass man ihrem Herrn Ulcis, Gott der Ketten, so viele Seelen der besten Assassinen der Kirche vorenthielt, oder dass die Hölle ihnen so nahe kommen konnte. Waren die Seelen der Körper, die ausbluteten, nicht dazu verurteilt, auf ewig durch das große Labyrinth zu irren? Scrimlock spähte fieberhaft in die Finsternis ringsum. Waren sie vielleicht bereits in der Hölle? Traten die Seelen in diesem Augenblick durch irgendein schattiges Tor in Irils endlosen Irrgarten? Wenn ja, was käme einem von der anderen Seite entgegen? Und was könnte entkommen?
»Beendet die Jagd«, sagte er. »Lasst sie entkommen. Es ist zu gefährlich.«
»Ihr wünscht, dass sie überlebt?«, entgegnete der Adept.
»Nein, ich ...« Etwas berührte den Priester an der Schulter. Er drehte sich erschrocken um. Eine Kette. »Ich will nur, dass die Spine überleben«, antwortete er und fasste sich an die Brust. »Ruft Eure Männer zurück, ehe es zu spät ist.«
In diesem Augenblick erklang von oben lautes Gelächter.
»Die Verstärkung hat das Fenster erreicht«, erklärte der Adept.
Scrimlock sah auf. Aus dem zerklüfteten Dach des Wachtturms stieg Rauch und legte sich wie ein Fettfilm über die Sterne. Die steinernen Falken und Zinnen waren, wie die Sappeure es vorausgesagt hatten, nach innen eingebrochen und hatten den Zugang zum Dach und damit den Fluchtweg versperrt. In der Luft hing der schwefelige Geruch nach Schwarzpulver. Auf halber Höhe des Turms zwängte sich der erste Assassine durch das Fenster.
Ein lauter Schwerthieb hallte wider.
Scrimlock befeuchtete seine Lippen. »Sie ist bewaffnet«, rief er. »Gott steh uns bei! Sie verteidigt sich mit Stahl.«
»Nein«, antwortete der Adept. »Die Treppen und Gänge von Barraby sind schmal. Der Kampf in solcher Enge ist tückisch. Das war nur das Schwert eines Spine, das auf Stein schlug. Sie ist immer noch unbewaffnet.«
»Das verstehe ich nicht.« Der Priester warf erneut einen Blick auf den Leichenhaufen. »Es muss im Innern des Turms noch alte Waffen geben. Ihr könnt sie nicht alle in Sicherheit gebracht haben. Warum benutzt sie sie nicht?«
Im gleichen Moment unterbrach ihn ein lauter Schrei, gefolgt von schrecklichem Gelächter. Scrimlock wurde schwindlig. Der Schrei und das Lachen schienen aus derselben Kehle zu stammen.
»Wir glauben, dass sie bezwungen werden will«, sagte der Adept.
»Aber das ergibt keinen Sinn. Sie ...«
Da lenkte ihn ein Geräusch von oben ab; er sah auf und bekam gerade noch mit, wie eine Gestalt durch das schmale Fenster gestoßen wurde. Knochen knirschten, und dann stürzte der leblose Körper herab, bis er gegen eine Kette prallte. Arme und Beine verfingen sich in den mächtigen Gliedern. Einen kurzen Augenblick lang hing der Körper reglos wie eine Strohpuppe in der Luft. Dann löste er sich, streifte weitere Ketten unterhalb und prallte schließlich auf dem Boden auf. Die Eisenträger spannten sich und vibrierten. Vier weitere Spine hatten sich zum Fenster des Wachtturms vorgearbeitet. Sie hielten sich an den Haken und Ösen fest, mit denen die Ketten in den Wänden verankert waren. Andere kletterten hinterher. Der erste Assassine, ein hagerer Mann, zwängte sich mit dem Schwert in der Hand durch das schmale Fenster.
Dann rief er hinunter: »Sie ist verletzt. Sie ist ...«
Ein Geheul, halb Klage, halb rasende Wut, bohrte sich in Scrimlocks Herz. Man hörte ein Schluchzen, wie das eines ängstlichen Kindes, und dann einen entsetzlichen Schrei. Der verstümmelte und blutüberströmte Körper des Assassinen erschien wieder im Fenster und fiel einige Meter in die Tiefe, bevor er mit dem Genick an einem der hervortretenden Bolzen des Wachtturms hängen blieb.
Ein weiterer Spine spähte ins Fenster hinein: »Sie kommt herunter.«
»Wie?« Presbyter Scrimlock wich einen Schritt vom Tor des Turms zurück. »Wir müssen hier weg. Sofort, schnell, wir ...«
»Sie kommt nicht durch dieses Tor«, sagte der Adept. »Das würde niemandem gelingen.«
Scrimlocks Sandalen glitten auf den blutverschmierten Pflastersteinen aus. Seine Laterne schwankte, erlosch beinahe, flammte dann wieder auf. Schatten zogen sich zusammen und zuckten ringsum. Über ihnen kletterten die Spine durch das Fenster, einer nach dem anderen. Drei, sechs, acht.
»Jetzt wird sie sterben«, sagte der Adept mit ausdrucksloser Stimme.
Bumm.
Irgendetwas schlug von innen gegen das Tor, mit der Wucht eines Rammbocks. Staub wirbelte von den dicken Balken auf, und der Adept der Spine stemmte sich gegen die eiserne Verstrebung.
»Geht ihr aus dem Weg«, rief Scrimlock. »Lasst sie in Ruhe, ich bitte Euch. Es ist ihre Nacht.«
»Ihre letzte Nacht«, erwiderte der Adept.
Bumm.
Die Verstrebungen brachen. Das Holz krachte und splitterte. Der Adept wurde zurückgeschleudert, machte einen Satz vorwärts und stemmte sich mit ganzer Macht gegen das Tor. Scrimlock sah sich nach einem Fluchtweg um. »Die Tür hält nicht stand«, keuchte er. »Sie wird ...«
Im Innern des Turms klirrte der Stahl: scharfe, wütende Hiebe, wie von einem erfahrenen Metzger, der Fleisch hackt. Die Assassinen waren unten bei der Tür angekommen. Wieder ein Schrei. Immer neue Erschütterungen, wenn die Klingen auf Stein trafen. Scrimlock hielt sich die Ohren zu und fiel auf die Knie. Er zitterte am ganzen Körper. Dann begann er zu beten.
»Ulcis, o Herr, mach dem Ganzen ein Ende, ich flehe dich an. Lass deine Diener überleben.« Mach, dass das Tor hält. »Rette diese Seelen vor dem Irrgarten, rette uns alle, rette mich, rette mich.«
Stille.
»Es ist vorbei.« Der Adept löste sich vom Rahmen des Tors.
Bumm.
Mit einem Mal flog das Tor des Wachtturms nach außen auf und die mächtigen Balken zersplitterten wie morsches Holz. Die Verstrebungen knickten zur Seite weg. Der Adept wurde nach hinten geschleudert und fiel gegen eine Kette. Doch dann beobachtete Scrimlock staunend, dass der Mann das Schwert bereits gezogen hatte und wieder auf den Füßen stand.
Der Presbyter sah auf das klaffende Loch, wo zuvor ein Tor gewesen war.
In der Öffnung erkannte er etwas, das dunkler war als die Schatten ringsum.
»Da ist sie«, zischte er.
Scar Night, ein weiblicher Engel, trat hinaus, klein, geschmeidig, in altes vermodertes Leder gekleidet. Die Flügel schimmerten dunkel, als schleppten sie Rauch hinter sich her. Ihr Gesicht war von Narben übersät, mehr als sie in diesem Kampf mit den Spine davongetragen haben konnte, mehr Narben als tausend Schlachten hätten hervorbringen können. Blut lief ihr über Arme und Hände, die genauso vernarbt waren, und die Augen funkelten schwarz wie Gewitterwolken. In dem glatten, zerzausten Haar trug sie Blumen und Bänder; offensichtlich hatte sie versucht, sich hübsch zu machen.
Sie war unbewaffnet.
Scrimlock lag noch auf den Knien und flehte: »Bitte!«
Der narbige Mundwinkel des Engels zuckte.
»Lauf«, flüsterte er.
Der Presbyter stand schwankend auf. So schnell seine bleiernen Beine ihn zu tragen vermochten, stolperte er zwischen den Ketten hindurch. Um ihn herum glitten die Spine geräuschlos über die Pflastersteine, mit ihren blassen, ausdruckslosen Gesichtern und Schwertern, die weiß im Sternenschein glänzten. Sie bewegten sich auf den Engel zu.
Scrimlock blieb nicht, um das Gemetzel mit anzusehen. Nachdem er sich durch die Ketten gekämpft hatte, rannte er so schnell er konnte, weg vom Getümmel der Schlacht, weg von den Schreien aus Schmerz oder Angst, weg von dem gottlosen Lachen. Und weg von den Spine, die beim Sterben keinen Laut von sich gaben.
2000 Jahre später
LÜGEN
DILL
Als die Dämmerung hereinbrach, räkelte sich die Stadt Deepgate träge in ihren schweren Ketten. Stadthäuser und Mietwohnungen sackten noch etwas tiefer in das verworrene Netzwerk aus Eisenkonstruktionen, miteinander verknoteten Dächern und Schornsteinen über den leise quietschenden Straßen. Die Ketten, die kopfsteingepflasterte Gassen und hängende Gärten hielten, spannten sich an und gaben wieder nach. Verwitterte Türme neigten sich über düstere Hinterhöfe im Bewusstsein ihres beiderseitigen Verfalls. Ein endloses Labyrinth von Gassen hing unter den länger werdenden Schatten, verbunden durch unzählige Brücken und Gehsteige, und alles schwankte ächzend hin und her.
Wie eine Wehklage.
Während der Tag allmählich erlosch, schien auch die Stadt in den letzten Zügen zu liegen. Ein leises Seufzen aus dem Abgrund drang durch die versunkene Masse aus Stein und Eisen, spielte um Deepgates felsiges Halsband und pfiff durch rostige, halb im Sand vergrabene Buhnen. Dämonen aus Staub erhoben sich aus den Deadsands dahinter und vollführten einen wilden Tanz vor dem dunkelnden Himmel, ehe sie sich in nichts auflösten.
Lampenputzer zogen durch die tiefer liegenden Gassen darunter und verwandelten die Stadt in einen Kessel voller Sterne. Die Lichter auf den hohen Masten schwankten, hoben und senkten sich. Fackeln flackerten. Gaslaternen flammten auf. Von dem Viertel, das als League of Rope bekannt war und direkt unter der Kante zum Abgrund lag, über Workers' Warrens bis hin zu Lilley und den Straßen von Bridgeview flimmerten Lichter durch das eiserne Dickicht aus Ketten, die ganze Straßenzüge miteinander verbanden, sich um die Gebäude legten oder durch sie hindurchschlängelten. Ein großes Netz für die Häuser der Gläubigen, die auf den Tod warteten.
Überall in der Stadt verkündete lautes Rasseln den Anbruch der Nacht: Rollläden wurden heruntergelassen und mit einem dumpfen Geräusch verriegelt; schwere Türen fielen ins Schloss; Vorhängeschlösser schnappten ein. Über die Öffnungen der Schornsteine schob man schwere Gitter; das Scharren hallte durch alle Viertel. Dann kehrte Stille ein. Bald war nur noch das Echo von hastigen Schritten zu hören. Die Lampenputzer zogen sich jetzt eilig in die dunklen Gassen um den Tempel zurück.
Schwarz wie ein Riss am blutroten Himmel und unangefochten ragte im Zentrum von Deepgate Ulcis' Kirche mit ihren blitzenden Buntglasfenstern in die Höhe. Um ihre Türme und Pfeiler kreisten Saatkrähen. In schwindelerregender Höhe zwischen Strebebögen, Balkonen und zinnenbewehrten Turmspitzen hockten Wasserspeier. Tausende dieser geflügelten Bestien aus Stein starrten über die Stadt hinweg auf die Deadsands: feixend, grinsend, wütend.
Fast verloren in solcher Höhe lugte ein kleinerer, verkümmerter Turm aus den Schatten. Efeu überwucherte seine Wände, hüllte eine Seite des Balkons ein und rankte sich ganz nach oben. Nur das spitz zulaufende Schieferdach war von der Vegetation völlig verschont geblieben und glänzte schräg im schwindenden Licht. Die rostige Wetterfahne drehte sich im Kreis, als wüsste sie nicht recht, wohin sie zeigen sollte.
An dieser Wetterfahne klebte ein Junge.
Er hielt das Eisen mit dünnen weißen Armen umklammert. Einzelne Haarsträhnen schlugen ihm um die Ohren. Das Nachthemd flatterte heftig im Wind wie eine ausgefranste Fahne. Eine lange Zeit hielt er sich so fest, nichts als Ellbogen und Knie, drehte sich gleichmäßig mit der Wetterfahne im Kreis und beobachtete mit hastigen, nervösen Blicken die umliegenden Türme. Seine Zehen froren, und er war schmutzig.
Trotzdem war Dill glücklich.
Vorsichtig richtete er sich auf. Der Nord-Süd-Pfeil unter seinen nackten Füßen kippte zur Seite und protestierte quietschend. Rost bröckelte ab und rieselte über den Schiefer darunter. Ein kreischender Schwarm von Saatkrähen flog dicht neben ihm auf und zerstreute sich zwischen den Wasserspeiern und funkelnden Fenstern weiter oben. Dill sah ihnen nach und grinste von einem rosigen Ohr zum anderen.
Allein.
Er atmete tief und gierig ein, dann noch ein Mal und breitete anschließend seine Schwingen aus, bis er die Luft unter den Federn spürte. Die Muskeln in seinem Rücken spannten sich an. Durch seine Adern rauschte das Blut, bis es die Flügelspitzen erreichte. Der Wind hob ihn an, zerrte spielerisch an ihm, forderte ihn zum Loslassen heraus. Er beugte sich zurück und warf den Kopf nach hinten, wobei seine Augen vor Freude glänzten. Die Wetterfahne wirbelte ihn im Kreis wie ein Karussell. Unter ihm bildete sich ein Aufwind. Er spannte die Flügel, streckte sie aus und machte einen Flügelschlag. Dann hoben seine Füße ab, und er lachte laut auf.
Jemand antwortete mit einem bösen Zischen.
Eine Gestalt mit Kapuze beugte sich aus einem Fenster und hielt eine gelbe Laterne hoch.
Dill strampelte in der Luft und klammerte sich fester an die Wetterfahne. Er faltete die Flügel zusammen und duckte sich. Sein Herz schlug heftig.
Die Gestalt blieb noch eine Weile am Fenster stehen, und der Schatten der Kapuze fiel wie eine Klaue über die steilen schrägen Dächer des Tempels. Schließlich senkte sie die Laterne und zog sich zurück.
Dill sah, wie der Schatten des Priesters hinter der Scheibe vorbeihuschte, ehe das Licht am Fenster erlosch. Hundert Herzschläge vergingen, während er sich zitternd an den Mast klammerte. Wie lange hatte der Priester dort gestanden? Was hatte er gesehen? War er nur zufällig dort erschienen, oder hatte er sich im Raum versteckt, gewartet, um ihn zu beobachten, ihn auszuspionieren?
Würde er ihn verraten?
Die Befürchtung war nicht unbegründet, wenn er an die vielen Narben auf seinem Rücken dachte.
Ich bin nicht geflogen. Ich wollte nicht fliegen. Er hatte bloß die Flügel gespannt, um den Wind zu spüren. Mehr nicht. Das war nicht verboten.
Dill zitterte noch, als er von der Wetterfahne herunterkletterte und sich an die Stelle kauerte, wo der moosbeschichtete Turm die umliegenden Dachschiefer überragte. Plötzlich hatte er das Gefühl, als stünden überall an den Fenstern Kapuzenmänner und beobachteten ihn, als flüsterten ihre unsichtbaren Lippen Lügen, die ihren Weg bis zum Presbyter fänden. Dill spürte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg. Er riss ein Stück Moos aus und tat so, als interessierte er sich dafür, obwohl er es in der Hand zerrieb, ohne es zu fühlen, es untersuchte, ohne es anzusehen. Dann ließ er es fallen, und der Wind wehte es über Deepgate davon.
Es hieß, man habe früher am Rand des Abgrunds stehen und in die Dunkelheit unter der Stadt blicken können. Nur die Ketten, die das Fundament der Stadt bildeten, hätten einen vor der unergründlichen Tiefe bewahrt. Vielleicht hätte man durch ein Sichtfenster sogar die Geister unten sehen können - aber nicht jetzt.