Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Die Keltin von William V. Crockett, Joachim Peters. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Sein Vater hatte ihn nach dem alten keltischen Himmelsgott Taranis benannt, aber als er nun ausgestreckt auf dem regennassen Heideboden lag, erschien ihm sein ruhmreicher Name wie bittere Ironie. Auf offenem Gelände saß er in der Falle.
Er biss sich auf die Lippe. Warum nur war er nicht im Schutz der Bäume geblieben? Dann hätte er das Drama, das sich nun in der Ebene abspielte, aus sicherer Entfernung verfolgen können, statt selbst zum Beteiligten zu werden. Er wollte nicht sterben. Nicht hier in der einsamen Heide. Er lag nun auf dem Bauch und wand sich, als wollte er sich in die Erde graben. Sein Atem ging stoßweise, während er versuchte, sich mit Heidekraut zu bedecken, und er riss und zerrte an den Zweigen der Sträucher, bis seine Hände bluteten. Er musste mit der Landschaft verschmelzen wie ein Tier. Wie oft schon war er ganz dicht an einem Hasen vorbeigegangen, ohne ihn zu sehen, hatte das Tier erst bemerkt, wenn es aus seiner Deckung aufschreckte und in wilder Panik um sein Leben zu rennen begann. Aber es wäre pure Dummheit, ausgewachsenen Männern davonrennen zu wollen. Taranis blieb keine andere Wahl, als sich still zu verhalten. Die kleinste Bewegung würde die Soldaten auf ihn aufmerksam machen, die jetzt über das Moor ausschwärmten.
Sie kamen näher. Mit regennass glänzenden Rüstungen, die kurzen Schwerter gezogen, durchstreiften sie lautlos die nächtliche Landschaft. Ein Blitz tauchte das Moor in ein gespenstisches Blau. Ein Soldat stockte im Schritt, wandte sich der flachen Mulde zu, in der Taranis lag, den das blanke Entsetzen packte. Er drückte sich noch fester an den Boden. Über seinem Kopf surrten Stechmücken, von denen sich etliche auf seinem schweißnassen Nacken niederließen. Der Stumpf einer aus dem Boden herausragenden Heidekrautwurzel bohrte sich ihm schmerzhaft in die Rippen. Er schloss die Augen und wünschte sich weit weg.
Es begann wieder zu regnen, und Taranis spürte die kalten Tropfen hart auf seiner Haut und wie sie Gras und Sträucher um ihn herum niederschlugen. Wasser lief ihm übers Gesicht, tropfte ihm vom Kinn. Der Regen störte ihn nicht. Er vermittelte ihm vielmehr ein Gefühl der Sicherheit, wie ein Mantel, der ihn einhüllte. Unweit von ihm knackte der Zweig eines Heidekrautstrauchs. Er riss die Augen weit auf, aber außer geknickten Zweigen, die sich im Nachtwind bewegten, sah er nichts. Rechts von ihm schlug jemand auf einen Strauch, dann noch einmal. Danach war es wieder still, nur das gleichmäßige Prasseln des Regens war zu hören. Der Soldat war nahe, sehr nahe sogar. Taranis schauderte. Er wagte kaum, seine Augen zu bewegen, weil er fürchtete, dass selbst diese Bewegung den Krieger, der über ihm stand, auf ihn aufmerksam machen würde. Er sah immer noch nichts, versuchte noch einmal, die Dunkelheit zu durchdringen. Plötzlich teilte ein schmutziger Lederstiefel die Heidezweige, spritzte ihm Wasser ins Gesicht, trat keine zwei Handbreit vor seinen bebenden Lippen auf. Taranis konnte die Riemen des Soldatenschuhs genau erkennen und den keuchenden Atem durch den Wind und den Regen hören.
Er erwartete jeden Augenblick, dass ein Schwert seinen bebenden Körper durchbohrte und ihn aufspießte wie eine Schlange auf einen spitzen Stock. Er war zwölf Jahre alt und damit ein Erwachsener, und als solcher hatte er es mit den Soldaten Roms zu tun. Sie waren gründlich und gnadenlos und stellten nie einen Befehl in Frage. Bis drei Meilen vor ihrer Grenze war ihre Aufgabe immer dieselbe: durchsuchen und töten. Streifen säuberten regelmäßig das Gebiet von Eindringlingen, für sie war Taranis auch ein solcher Eindringling.
Der Feind stand fast schon auf ihm; wie lange konnte es da noch dauern, bis der Soldat nach unten schaute? Selbst in diesem Dunkel würde ein einziger Blick genügen. Sein Rücken kam ihm vor wie der Kiel eines gekenterten Bootes.
"Au!", schrie der Soldat plötzlich auf, beugte sich zu Taranis hinunter und schlug sich einen Käfer von der Wade. Er murmelte noch irgendetwas, bevor er sich umdrehte und in der Nacht verschwand, um zu seinen Kameraden jenseits des Moores zurückzukehren.
Volle zehn Minuten lang lag Taranis noch wie tot da, wie ein Ast, wagte sich nicht umzusehen oder auch nur zu bewegen. Der Regen hatte aufgehört, und in der Luft hing der intensive Duft von Heidekraut. Vorsichtig stand er auf und suchte das Gelände, auf dem die Römer gerade noch gewesen waren, ab. An der nördlichen Grenze des flachen Moores registrierte er eine Bewegung; eine schattenhafte Gestalt streckte den Kopf hinter dem Stamm eines efeubewachsenen Baumes hervor. Taranis stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Es war sein Bruder. Eston kam direkt auf ihn zugelaufen, sich beim leisesten Geräusch vorsichtig umschauend.
"Ich dachte schon, sie hätten dich erwischt", flüsterte Eston aufgeregt.
"Schhh ..." Taranis legte den Zeigefinger an die Lippen. "Darüber reden wir später." Er suchte die Heide und die fernen Berge ab, zu denen die Römer weitergezogen waren. "Die Berge da sind höher, als sie aussehen, und bald wird es hell." (...) -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.