"Siggi und Babarras" waren die 1964 im Comic-Magazin Lupo modern "germanisierten" Namen der wohl berühmtesten Literatur-Gallier "Asterix und Obelix", weil damals für Kelten in Deutschland vermeintlich zu wenig Interesse bestand....
....und auch noch heutzutage hat das keltische Erbe unserer eigenen Kultur in der deutschen Bildungstradition keinen nennenswerten Stellenwert. Demzufolge findet heutzutage auch der diesbezügliche wissenschaftliche Diskurs kaum noch Platz an deutschen Universitäten. Mit der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und der Philipps-Universität Marburg gibt es hierzulande nur zwei Hochschulen, die einen Studiengang Keltologie anbieten. Beide sind jedoch vorwiegend sprach- und literaturwissenschaftlich ausgerichtet. Nirgendwo in Deutschland gibt es einen Lehrstuhl für keltologische Archäologie, ebenso wenig wie einen für keltische Religionen oder Volkskunde. Analog zur Germanistik, die weit über Sprache und Literatur hinausgreift, muss sich auch die Keltologie mit Fragen befassen, die aus anderen wissenschaftlichen Disziplinen an sie heran getragen werden. Hierzu gehören vor allem Fragen allgemein historischer und politischer Art. Da einige keltische Sprachen bis in die Gegenwart fortleben, muss das gesamte Spektrum der in diesen Sprachen lebenden Kultur Gegenstand der keltologischen Wissenschaft sein....
...so dass der seit Januar 2011 im Ruhestand befindliche Professor für Vergleichende Indogermanische Sprachwissenschaft und Keltologie in Bonn, Prof. Dr. Stefan Zimmer, als Herausgeber und Mitautor sechs weitere Experten als Autoren seines interdisziplinären Leitfadens heran gezogen hat. Das durchweg promovierte Team, zu dem auch eine Emerita und ein Emeritus gehören, wird am Ende des Vorwortes kurz vorgestellt. An dieser Stelle sei angemerkt, dass der Mediävist Prof. em. Dr. Michael Richter am 23. Mai 2011 in Berlin verstorben ist.
Nach einer kurzen Einleitung des Herausgebers folgen neun Fachartikel der genannten Autoren, die den modernen Stand der Forschung der einzelnen wissenschaftlichen Teildisziplinen in einer allgemein verständlicher Sprache vorstellen. Diese Darstellung ist frei von jeglicher Begeisterung für das Nebulös-Schwärmerische, das einem angeblichen keltischen Charakter ebenso zugeschrieben wird, wie der Hang zur Emotionalität und Esoterik sowie die angeblich mangelnden Fähigkeiten zur rationalen Bewältigung der Welt.
Den Anfang macht Dr. Bernhard Kremer (Jg. 1962), der an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Lehrstuhl für Alte Geschichte innehat, mit seiner Darstellung "Die Kelten in der Welt der Antike". Für das hohe Niveau des Kapitels "Kelten - Archäologisch betrachtet" zeichnet sich Dr. Norbert Baum verantwortlich,der mit dem Fürstengrab von Glauberg auch die jüngste Ausgrabungsstätte vorstellt. Beeindruckend ist besonders die zeichnerische Rekonstruktion des Viereckheiligtums von Gournay-sur-Aronde. Prof. Dr. Bernhard Maier (Jg. 1963) bietet als Autor des Kapitels "Die Religion der Kelten" alle verfügbaren Daten an und listet überlieferte Symbole auf. Der Professor für Allgemeine Religionswissenschaft und Europäische Religionsgeschichte an der Universität Tübingen begeht jedoch nicht den Fehler wissenschaftliche Erkenntnisse durch eigene Spekulationen aufzuweichen. Im nachfolgenden Kapitel gibt Prof. em. Dr. Michael Richter einen Abriss über die Geschichte der keltischen Länder vom Mittelalter bis in die Gegenwart hinein. Der Leser erfährt den Ursprung des Begriffes Bretagne und den Unterschied zwischen katholischen Iren und protestantischen Engländern.
Der Herausgeber selbst bietet mit seinem Artikel "Die keltischen Sprachen" eine gelungene Übersicht über die alten ausgestorbenen Sprachen und den wenigen, die bis heute überlebt haben. Ein besonders Bonbon sind Schriftproben mit Fundlage, originaler Lautsprache und Übersetzung. In ihrem Beitrag konzentriert sich Prof. em. Dr. Doris Edel auf die irische und englische Literatur. Und sie stellt klar, dass alles, was bis heute an Sie stellt klar, dass aus vorchristlicher Zeit nichts an dichterischen Zeugnissen übriggeblieben ist und alle frühen Überlieferungen aus dem Mittelalter stammen. Beispielen wie dem Ulsterzyklus zeigt sie jedoch den deutlich zu spürenden Rückgriff auf das Heidentum auf. In seinem zweiten Beitrag "Keltisches Recht" beschränkt sich der Herausgeber auf einen detaillierten Blick auf die britischen Inseln. Der Keltologe und Sprachwissenschaftler an der Universität Bonn, Dr. Gisbert Hemprich, bedient in den letzten beiden Kapiteln alle gängigen Klischeevorstellungen über die lebendigen keltischen Sprachen, Brauchtum und Musik. Die Irrungen esoterischer Interpretationen des Keltentums werden kurz tangiert.
Das Buch ist recht gut, jedoch sparsam illustriert und bietet einige interessante Karten und Tabellen. Ein 15seitiger Anhang mit einem Verzeichnis keltischer Namen und Wörter im Deutschen und Französischen, einem Literaturverzeichnis und Register sowie einem Auflistung von europäischen Keltenmuseen - jedoch ohne die erst am 6. Mai 2011 eröffnete "Keltenwelt am Glauberg" - bilden den Abschluss eines gelungenen Werkes.
5 Amazonsterne für eine wissenschaftliche Keltologie, die sich frei von Esoterik und anderen Spekulationen präsentiert.