"Wer soll uns Gottes Willen verkünden, wenn nicht der Heilige Vater, den die Ketzer nicht anerkennen? Wo könnten wir Gott ehren, wenn wir ihm keine schönen Kirchen mehr errichteten? Womit könnten die Gotteshäuser bezahlt werden wenn kein Zehnt mehr abgeführt werden würde? Wie sähe eine Gesellschaft aus, in der keiner mehr Angst vor weltlichen Strafen hat und jeder nur das glaubt, was ihm genehm erscheint? Wer wäre Herr, wer Knecht? Wer hat das Recht, dieses zu bestimmen? Wohin geriete die Welt, wenn jeder annähme, sie sei von Satan erschaffen? Was bedeutet Freiheit, wenn keine Ordnung herrscht? Was geschieht, wenn sich Menschen nicht mehr zum Zweck der Zeugung vermehren? Ist es Gottes Wille, die Welt veröden zu lassen?"
(Die Kathedrale der Ketzerin, Seite 247)
Diesmal hat die Autorin eine fiktive Figur in den Mittelpunkt ihrer Geschichte gestellt, nämlich die junge Clara, eine illegitime Tochter des Grafen von Toulouse, die ihren Platz in der verwirrenden Welt des Hochmittelalters voller Macht- und Glaubenskämpfe finden muss. Doch die heimliche Heldin ihrer Erzählung ist eine historische Persönlichkeit, die ihre Zeit-genossen sehr beeindruckt hat: Die mutige Blanka von Kastilien, die an der Seite ihres Mannes zur Königin von Frankreich gekrönt wurde und später an der Seite ihres Sohnes eine mächtige Stellung inne hatte.
Südfrankreich, Juni 1219: Die Stadt Marmande wird von einem Kreuzzug heimgesucht. Zufällig befindet sich die verletzte Clara, die auf dem Weg nach Paris ist, bei Mitgliedern der Katharer und damit in höchster Lebensgefahr. Nur durch ein Wunder entkommt sie dem Inferno. Natürlich verliebt sie sich in ihren Retter, den Grafen von Champagne. Jedoch muss sie erkennen, dass der Troubadour am königlichen Hof nur Augen für die schöne Blanka hat, die von dessen Gefühlen jedoch zum Glück nichts ahnt. Denn Blanka ist ungewöhnlicherweise ihrem königlichen Gemahl in großer Liebe verbunden, obwohl es sich ursprünglich um eine arrangierte Heirat aus politischen Kalkül handelte. Die Stiefmutter des Königs, die weise Ingeborg, rät dem König jedoch, Theobald von Champagne vom Hofe zu verbannen, da sie eine ungute Vorahnung beschleicht. Die enttäuschte Clara dagegen, die von Blanka als Verwandte und Vertraute aufgenommen wurde, würde sich gerne freiwillig entfernen. Heimlich schleicht sie sich fort und findet an der Baustelle der neuen Kathedrale unverhofft einen neuen Lebensweg. Zunächst sind es allerdings nur die schönen Augen von Felizian, die sie bezaubern. Doch dann führt ihr neuer Freund sie in den Kreis der Katharer ein. Die fremdartige Gemeinschaft erweckt ihr Interesse, aber diese Neugier ist sehr gefährlich, denn die Klauen der Inquisition wollen sich bereits um diese Ketzer schließen. Als Blanka hinter das Geheimnis von Clara kommt ist sie entsetzt, doch auch sie steht in der Schuld der Glaubensangehörigen, die das Leben ihres kleinen Kindes retteten.
Schließlich führt Blankas geliebter Ehemann einen erfolgreichen Kreuzzug an, der zur Unterwerfung großer Teile Südfrankreichs führt. Doch unter seltsamen Umständen kommt es zum tragischen Tod des Königs. Gerüchte über einen Giftmord sind im Umlauf und auch die Person des Grafen von Champagne wird dabei erwähnt. Theobald ist noch immer heftig in Blanka verliebt und schließt sich ihr mithilfe von Clara wieder an. Aber können die beiden Frauen, die so unterschiedliche Ziele im Leben haben, diesem Mann vertrauen und eine Allianz bilden? Wird sich die Prophezeiung des heiligen Franz von Assisi erfüllen, dass Blanka zu neuer Stärke finden wird? Kann sie den Thron für ihre Familie festigen und die religiösen Unruhen im Land befrieden?
Die Autorin verrät auf ihrer Website selbst, worum es in ihren Romanen geht: "Liebe, Macht, Angst. Liebe macht Angst. Macht liebt Angst. Aus Angst machen wir Liebe. Darum geht es. Gestern und heute." Auch für das vorliegende Buch hat sie gut recherchiert und ein nachvollziehbares Bild der geschichtlichen Epoche entworfen. Dabei sind auch einige interessante Details erwähnenswert. Zum Beispiel beschreibt sie ausführlich das Consolamentum, oder die Geisttaufe, der katharischen Kirche. Aus der Sicht der jungen Clara wird die Taufe des Felizian geschildert, der durch seine Entscheidung zu erkennen gibt, dass er von nun an fest zu seiner Glaubensgemeinschaft gehört und für deren Regeln ein-tritt. Das bedeutet für die Liebenden in diesem Fall natürlich, dass sie nie als Frau und Mann zusammenleben dürfen, da die Katharer die Ehe verurteilen. Trotz dieser recht grausam anmutenden Konsequenz gelingt es der Autorin auch Empathie für das Weltbild dieser Gläubigen zu erwecken. Warum die katholische Kirche einen so erbitterten Kampf gegen diese Glaubensgemeinschaft führte, die zum Inbegriff der Ketzer wurden, wird sehr nachvollziehbar dargestellt (siehe auch dazu das oben erwähnte Zitat aus dem Munde eines fiktiven Mitglieds der Inquisition).
Das große Plus dieses Romans ist die historische Sachkenntnis, welche Frau Kempff in ihrem Werk zu neuem Leben erweckt. Dabei wirkt die Geschichte aber oft etwas trocken, manchmal sogar spröde. Etwas mehr Gefühl wünscht man sich das manchmal schon. Wenn schon so eine liebreizende, junge Frau in den Mittelpunkt gerückt wurde, hätte man dies schon erwarten können. Außerdem ist der Titel des Romans nicht so recht nachvollziehbar, auch wenn die Kathedrale bzw. der Bau von Notre Dame ein paar Mal erwähnt bzw. in die Handlung eingebaut wird.