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Mit zärtlicher Gleichgültigkeit
Wilhelm Genazinos Roman «Die Kassiererinnen»
Wilhelm Genazinos Roman «Die Kassiererinnen» ist der Roman eines Flaneurs, der die Grossstadt nicht mehr begreifen, sondern nur noch sehen will. Ganz deutlich sind in ihm jene Markierungen eingezogen, die seinen Blick vom kulturpessimistischen Sehen der siebziger Jahre unterscheiden. Denn diese Jahre sind in Genazinos Roman «die früheren Jahre»; gegen ihren Deutungskult und ihren erklärten Weltekel tritt der neue Roman an, er sondiert das Terrain nicht nur durch seine hochaufmerksame Wahrnehmung, sondern auch zeitlich.
Der Ich-Erzähler, ein vagabundierender, an den Szenen seiner Umgebung aber doch anders als etwa Handkes solitäre Figuren mit «zärtlicher Gleichgültigkeit» durchaus teilnehmender Einzelgänger, blickt darin auf seinen früheren Deutungswahn zurück. Jetzt, bemerkt er, ist er ein anderer, einer, der den Menschen und Dingen ihr Eigenleben lassen will und dennoch nach einer Beziehung zu ihnen sucht.
Die Voraussetzung eines solch genauen, sich der Umgebung zuwendenden Sehens ist das Schrumpfen der Grossstadt auf ein überschaubares, kleines Terrain. Genazinos Erzähler benennt Strassen, Plätze, Geschäfte und Cafés wie dörfliche Zonen. Wir befinden uns mit ihm in einem ruhigen Frankfurt der kleinen Nachbarschaftsverhältnisse und der sich wiederholenden Tagesabläufe, wo auf vieles noch Verlass ist. Das Laute, Hypernervöse der Stadt ist beinahe vollständig ausgeblendet zugunsten eines geschlossenen Raums, in dem die Wahrnehmung ihre Exerzitien durchführt.
Aura der Undeutlichkeit
Die Gefahr solcher Reduktion wäre die Idylle. Genazinos Sehen vermeidet sie, indem er dem Wahrgenommenen seine Vertrautheit belässt, ihm aber die Aura der Undeutlichkeit gibt. Undeutlich sind die einzelnen Szenen und Bewegungen eben dadurch, dass sie von keinem einigenden Deutungsmuster zusammengebracht werden. Sie ereignen sich vor den Augen des Erzählers wie stumme Sequenzen eines schwach flackernden Films, zu dem der Erzähler meist nur die benennende Stimme beisteuert: «Ein flach über die Strasse fegender Wind trieb mit mir in die Stadt. Ein Inder im Freizeitanzug joggte vorüber. Ein am Boden sitzender Obdachloser umarmte seinen Hund . . .»
Solche Momente wären für den Erzähler «früher» ein Ausdruck gewesen: Anlass für «Weltbitternis», Langeweile, gereiztes Sich-Abkehren. «Jetzt, in den neunziger Jahren, bedeuten sie zunächst einmal nichts, sie repräsentieren nicht «die Verödung der Grossstadt», nicht «das zerfallende Leben», sie wollen vielmehr von der Wahrnehmung so lange gestreift und bearbeitet werden, bis sie eine von den Dingen ausgehende Verbindung zu ihnen hergestellt hat.
So ist der Flaneur Genazinos auch längst kein Nostalgiker mehr, der nach den letzten Residuen von Kultur ausschwärmt und sie gegen einen sich charakterlos ausbreitenden Stadtmoloch verteidigt. Sein Unternehmen hat überhaupt nichts mehr von einer Suche, es ist ebenso am Stillstand und am Warten orientiert wie die Umgebungen. Das könnte den Roman zu einem lethargischen Vorweisen von Einzelphänomenen machen, wären da nicht seine Figuren.
Genazino verankert seinen Erzähler in einer begrenzten Welt von Halbbekanntschaften, er zieht ihn dadurch aus der Phalanx all jener sehnsüchtigen und häufig narzisstischen Einzelgänger, die seit den siebziger Jahren der deutschen Literatur den Blick auf die Welt oft versperren. Denn Genazinos Flaneur ist zwar gern allein, aber doch nicht nur und vor allem niemals in einer irgend arroganten Manier. Sein eigentliches Erstaunen gilt den Tätigkeiten der Menschen, jenem Wuseln, Reden und im Sand verlaufenden Planen, das ihnen etwas Skurriles, aber auch Eigenständiges gibt.
Lächerliche Gestalten
Lauert im räumlichen Sehen dieses Romans die Idylle, so im Blick auf die Personen die sie abfertigende Satire. Genazino vermeidet sie und alles Karikierend-Possenhafte, indem er die Handlungen der Menschen als eine Arbeit am Alltag inszeniert. Die Figuren, die in seinem Roman so stolpernd, verdreht und doch unbeirrt ihrer Wege gehen, bauen doch unermüdlich am winzigen Raum ihrer Erkenntnisse und Einsichten. Sie schwanken zwischen Hingabe und Aufbäumen, und in diesem Aufbäumen wagen sie immer wieder, fast trotzig, den Blick herab auf die Dinge. Genau diese Spuren sichernde, detektivische Alltagssicht verleiht auch den lächerlichsten Gestalten etwas Würdevolles und stellt sie auf eine Stufe mit dem Erzähler, der sich schon dadurch unter sie einreiht, dass er sein ganzes Tun unter dem Leitbegriff des «Lächerlichen» sieht.
«Lächerlich» wird dieser Einzelgänger zunächst dadurch, dass er auffällt als einer, der manche Regeln und Zeremonien des Alltags nicht mehr souverän beherrscht. «Lächerlichkeit» hat in weiterem Sinn aber etwas mit dem Verlust der alten Deutungsmuster zu tun. Sie ist der Reflex darauf, dass neue Muster noch nicht vorhanden sind und die Erinnerung an die alten noch hemmend überwiegt. Oder, ausführlicher und genauer, in der Sprache Genazinos: «Lächerlichkeit entsteht, wenn jemand ohne Not eine Form aufgibt (auf der Strasse essen) und im Habitus eingesteht (Verlegenheit beim Kauen), das er dem Formverlust nachtrauert; und ausserdem durch sichtbares Erschauern einräumt, dass er nicht weiss, womit die eben entstandene Lücke künftig ausgefüllt werden soll.»
In diesem Sinn wird Genazinos Stadtrundgang zu einem an Montaigne geschulten Philosophieren über das Lächerliche. So entsteht ein kleiner Reigen von Figuren und Szenen, die wie Exempel oder Proben wirken, mit deren Hilfe das wahrnehmende Denken versucht, die Lächerlichkeit zu übertrumpfen: «Erstklassig lief wieder die Reflexion!»
Die Entspanntheit, mit der das geschieht, wird man vielleicht einmal als eine geschichtliche Signatur erkennen, die sich in den achtziger Jahren durchgesetzt hat. Damals hatte sie noch etwas von verlockender Unbekümmertheit, aber auch von oft leichtfertigem Zynismus. Genazino gibt ihr etwas Lustvolles, nicht gleich wieder um einen Stil oder eine Mode bemüht. Ihm gelingt es, von Finanzämtern, Krankenhäusern und Bushaltestellen so zu erzählen, dass ihr stumpfer Alltag nicht ausgeblendet wird und andererseits nicht dominiert. In Kleists Tagen hätte man seine Sicht vielleicht «graziös» genannt. Wir sagen statt dessen lieber, sie sei eine Art Heimkehr, im Alter, im irritierenden Frieden, angesichts des «blöden Todesgeraunes» . . .
Hanns-Josef Ortheil -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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Spätestens seit der Auszeichnung mit Deutschland renommiertesten Literaturpreis ist die Bedeutung von Wilhelm Genazino für den deutschen Literaturbetrieb unstrittig. Sein neuester Roman „Die Liebesblödigkeit" (2005) ein Geniestreich. Von Kritik und Lesern frenetisch gefeiert. Besondere Kennzeichen des Autors: eine ungekünstelte Sprache und eine messerscharfe Wahrnehmung des täglichen Wahns. Oder wie ein Kritiker lobte: „Genazino beherrscht die Kunst des Nebenbei, die die Hauptsache betrifft". Für den Autor selbst ist die Wirklichkeit „eine willkürliche Ansammlung von Fehlern - wie wir auch". Seine Protagonisten wissen um den ganz gewöhnlichen „Alltagsirrsinn". Mitunter wollen sie sich davon befreien. Wilhelm Genazinos Protagonisten „wissen, wie schwierig es ist, unabhängig zu sein - das heißt auch, unabhängig zu fühlen und zu denken -, aber sie versuchen es trotzdem mit einigem Erfolg", so der Autor. Sein im Jahre 1988 erschienene Roman „Die Kassiererinnen" erzählt unter anderem auch davon.
Zur Handlung: Ein Mann flaniert allein durch Frankfurts Innenstadt. Er wandert ziellos durch den Alltag. Seine Frau ist vor zwei Jahren gestorben. Seitdem beobachtet er seine Mitmenschen. Dabei nimmt er auch deren Gelächter gewahr, dass ihm gilt. Selbst die titelgebendenen Kassiererinnen des Prezzoprezzo-Supermarktes, deren Leben sich der Erzähler so gerne farbenfroh ausmalt, kichern über ihn. Das Gefühl der Lächerlichkeit bedrückt ihn. Er sinniert über die innere (man lacht über sich selbst) und äußere Form (man wird von anderen ausgelacht) der Lächerlichkeit. Daneben unterliegt der Ich-Erzähler immer häufiger dem Zwang, in banale Ereignisse Bedeutung zu interpretieren. Auch die Nebenfiguren wie beispielsweise Wanda, die nach ihrer Krankheit das Tanzen aufgeben muss, oder der Hochstapler Wischnewski, der doppelt soviel Begeisterung wie Talent für seine hochtrabende Pläne aufbringen kann, empfinden Scham ob ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit. Das Leben kann so schwer sein. Und geht trotzdem weiter.
Wilhelm Genazino, der selbstironische Betrachter des Großstadtmilieus, verkündet große Wahrheiten. Und als „Meister der kleinen Wahrnehmungen" liefert er in seinem Roman „Die Kassiererinnen" anregende Sätze wie diesen: „Aber es verstimmte mich, dass ich bis kurz vor meinem Tod in undurchschauten Situationen verfangen sein würde". Oder an anderer Stelle: „Wie großartig wir denken können und wie armselig wir leben müssen".
Am Ende des Romans liefert uns Wilhelm Genazino sogar noch einen Erklärungsansatz für sein Schreiben. Er lässt seinen Ich-Erzähler in Beobachtung einer Mutter mit ihrem spielenden Kind in einer Grünanlage schwadronieren: „So hatte ich es gerne: Ich hielt mich absichtslos draußen auf, ich sah eine Szene und empfand darüber überraschend den Drang nach ihrer Beschreibung, der ein Drang nach Unverlierbarkeit und späterer Bearbeitung des Unverlorenen war. Das heißt, so genau wusste ich die Gründe des Schreibens nicht. Es würde sein wie immer: Nur im Schreiben selbst steckte die Erlösung von Deutungen des Schreibens".
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