Wie Wikipedia uns lehrt, finden wir Wandmalereien von Siedlungen bereits 6200 v. Chr. Bis zu den ersten ernsthaften Versuchen für brauchbare Karten dauerte es dann allerdings wieder etwas. Aber über Anaximander von Milet, der um 541. V. Chr. mittels Mathematik und Geometrie solches Kartenmaterial ablieferte, spricht der Autor dieses Buches kaum. Da Paul Murdin Astronom ist, setzt er dort ein, wo sein Wissensgebiet zum Tragen kommt. Und er schrieb auch kein Buch über die Geschichte der Kartografie, sondern über die Suche nach Anhaltspunkten und Instrumenten, wie sich die Welt, ihre Landschaften, Meere und Orte in Zahlen beschreiben lassen. Der Originialtitel lautet denn auch: "Full Meridian of Glory. Perilous Adventures in the Competition to Measure the Earth."
Abenteuerlich ist dieser Wettbewerb tatsächlich. Und Paul Murdin gelingt es hervorragend, die Helden, Helfer, Kämpfe und Bösen dieser Abenteuergeschichte in eine nachvollziehbare Erzählung einzubetten. Auch weil er auf die Gründe eingeht, warum man sich dem Ziel manchmal schneller näherte und weshalb es zu unerwarteten Rückschlägen kam. Wissenschaftler nehmen eben nicht nur aus purer Lust am Entdecken Wagnisse in Kauf oder arbeiten rund um die Uhr, um der Menschheit zu dienen. Auch bei der Suche nach möglichen Mitteln, die Welt zu vermessen, spielten Politik, Machtansprüche, Geld und Ruhm eine Rolle. Daher passt es auch gut zum Thema, dass Paul Murdin zum Schluss noch auf den Besteller von Dan Brown "Sakrileg" zu sprechen kommt. Aber die Intrigen, Verschwörungen und Mordgeschichten des Romans interessieren ihn weniger als die vielen wissenschaftlichen Unwahrheiten und Spekulationen.
Nach einer persönlichen Einleitung, die Murdins Werdegang zum Astronomen beschreibt, wird der Leser mit dem Begriff "Meridian" vertraut gemacht. Danach folgt der Autor den Spuren von Wissenschaftlern, die einen nennenswerten Anteil daran hatten, dass die Menschen immer besser wussten, wo sie sich befanden und wohin sie sich bewegten. Allerdings sorgte nicht jede Entdeckung für Freude. So reagierte der französische König ziemlich verärgert, als ihm die Vermesser mitteilten, sein Reich sei nun um zwanzig Prozent kleiner. Um sich bei dem Wirrwarr der vielen Spuren nicht geistig zu verirren, arbeitet der Autor auch mit den Zwischenüberschriften "Menschen, Ideen und Orte". Zudem geht er weitgehend chronologisch vor, so dass wir erst gegen den Schluss erfahren, was GPS ist und wie es funktioniert. Da die Illustrationen und Bilder meist klärend wirken, hätte ich mir noch mehr davon gewünscht. Aber als astronomischer Laie konnte ich den Ausführungen des Autors meist folgen.
Mein Fazit: Der deutsche Titel könnte die Erwartung wecken, in diesem Buch werde die Geschichte der Kartographie erzählt. Dem ist nur insofern so, als der Autor von den vielen Wissenschaftlern berichtet, die nach den Theorien und Instrumenten suchten, die genaue Karten erst möglich machen. Spannend ist Murdins Buch vor allem, weil es die Wissenschaftsgeschichte nicht schönt und auch von Menschen erzählt, die Romanschriftstellern wie Dan Brown den Stoff für wildeste Verschwörungstheorien liefern.