Leider ist der Textausschnitt auf dieser Seite nicht gerade glücklich gewählt. Für den Leser wird nicht verständlich, dass der jugendliche und sehr naive Held hier gerade seinem mutmaßlichen Vater begegnet. Wer also nach dieser Leseprobe und von der Angabe "1000 S." eher abgeschreckt ist, den möchte ich hier dennoch ermutigen.
Dieser Roman in dieser schönen Übersetzung ist ein ganz außerordentliches Werk, dessen Besonderheit für mich darin besteht, dass es zwei Menschen zeigt, die innerlich so völlig frei sind, dass die kleingewirkten Schergen an den italienischen Duodezfürstenhäusern, die oppressive Geheimpolizei und das kaiserliche Regime der Österreicher ihnen nichts anhaben können: Es sind Gina del Dongo und ihr Neffe Fabrice. Gina ist eine Frau, die durch keine äußere Not aus ihrer inneren Heiterkeit zu bringen ist: Selbst als das napoleonische Regime in Norditalien zu Ende geht, ihr geliebter Mann verstirbt und sie zu dem ungeliebten Bruder ziehen muss, ist sie allen Funktionären des Ancien Regime auf so bestechende Weise menschlich überlegen, dass man als Leser einfach glauben will, dass es solche Charaktere geben muss. Die Fahne der Menschlichkeit hochhaltend lassen sie allen äußeren Schein, alle Machtpolitik und allen ephemären Glanz der Gesellschaft so weist hinter sich, dass sie glücklich leben können. Was für mich das Überzeugendste daran ist: Gina schöpft ihre Kraft zu innerer Freiheit aus der Schönheit des Comer Sees und der einmaligen Landschaft dieses Teils Norditaliens. Die Passagen über die Jugend von Fabrice und die Zeit mit seiner Tante am Comer See zählen zu den unvergesslichen Episoden dieses Werks.
Ähnliches gilt auch für Fabrice, der allerdings im hier abgedruckten Textabschnitt nicht gerade für sich einnimmt. Seine Stärken zeigt er jedoch im Gefängnis von Parma, wo man ihn mit dem Tode bedroht. Denn hier verlebt er gerade die glücklichste Zeit seines Lebens. Stendal zeigt in diesem schönsten Abschnitt seines Romans wie äußerer Zwang, Gewalt und Diktatur einem innerlich glücklichen Menschen gar nichts anhaben können, und wie sich die Waffen der dumpfen Unterdrückung nur gegen die Unterdrücker kehren. Nicht Fabrice, sondern der Gefängnisdirektor und sein Herr - ein schäbiger kleiner Funktionär und ein Größenwahnsinniger - werden am Ende die Rechnung begleichen müssen.
Dieser Roman ist für mich wie ein Jungbrunnen, den ich immer wieder lese. Denn er hat eine so einfache, wie überzeugende Botschaft: Bleibe jung und freue dich an den einfachen Dingen des Lebens; beschütze dein inneres Glück wie eine flackernde Flamme, dann kann dir nichts etwas anhaben.
Überzeugen Sie sich selbst!