Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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38 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Der Schwanengesang einer untergegangen Welt, 6. Mai 2009
Unter allen untergegangen Imperien der europäischen Geschichte ist wohl die Habsburgermonarchie die melancholischste. Einst war sie als staatliches Gebilde der Österreicher, Ungarn, Slowenen, Kroaten, Serben, Polen, Slowaken, Tschechen und Bosniaken das Bollwerk gegen den Ansturm der Osmanen, dann hatte sie sich im 19. Jhdt, der Epoche eines chauvinistisch aufbrechenden Nationalismus, plötzlich auf eine schreckliche Weise überlebt Niemand weinte der k. u. K. Monarchie mehr eine Träne nach, als sich nach dem Ersten Weltkrieg auf ihren Trümmern die kleinen egoistischen Nationalismen zusammenrafften, was zu kriegen war. Niemand? Doch, Joseph Roth, der große Literat aus dem multinationalen Galizien, hat in seinen Büchern immer aufs Neue den Geist "Kakaniens" beschworen, in dem die Völker unter einem alten Kaiser wie Brüder zusammenleben konnten.
Auch das vorliegende Buch, die Fortsetzung von "Radetzkymarsch", ist eine Liebeserklärung an das untergegangene Reich, an seine jene Gemeinsamkeit der Kaffeehäuser, der Bahnhöfe die "wie träge Katzen in der Landschaft liegen" (S. 46), der Dörfer und des Menschenschlages. Aber es ist eine Liebeserklärung für eine moribunde Gesellschaft. Die gedankenlose Wiener Jugend der Vorkriegszeit vollführt ihren dance macabre, während der Tod bereits seine Arme ausstreckt, um seine Mission dann im "Weltkrieg" zu vollstrecken - "Weltkrieg" übrigens nach Roths Leseart deswegen, weil durch ihn eine ganze Welt zugrunde ging. Der junge Trotta, ein verwandter jenes Leutnant Trotta, dessen Geschichte wir im "Radetzkymarsch" verfolgt haben, repräsentiert nur noch einen Schatten des ruhmreichen kaisertreuen slowenischen Geschlechts, sein Vater ist tot, seine Mutter verknöchert und seine Liebe zur zickigen Elisabeth angekränkelt von Ungewissheit und Dekadenz. Alle Figuren des Buches besitzen etwas eigentümlich Zögerliches, als wüssten sie, dass sie an einem Abgrund ständen und dass jeder weitere Schritt sie in die Tiefe reißen würde. Um die Wahrheit zu sagen: auch das Buch selbst besitzt etwas Fragmentarisches, denn es ist deutlich zu merken, dass den Autor im zweiten Teil des Buches nach dem Untergang der Monarchie die Lust verlässt. Für die Beschreibung der neuen Zeit mit ihren Kommunisten, Geschäftemachern und Umsturzversuchen fehlt dem Autor ganz offenbar das Interesse. Die Epoche der "Gutrassigen" bricht an, jener "Mischung aus internationalem Tennismeister und lokal zu fixierendem Rittergutsbesitzer mit einem leichten Einschlag von Ozean und Reederei."(S. 146). N Die neue Ideen, dass sich das Volk selbst regieren solle, kommt dem alteuropäisch geprägten Autor ein wenig so vor, als wolle eine Frau mit sich selber schlafen um schwanger zu werden (S. 181) Dem vereinsamten Trotta bleibt am Ende nur noch, durch die kalten Straßen Wiens zu laufen und in der Kapuzintergruft "das Grab meines Kaisers Franz Joseph" zu besuchen. Ein Buch voller Melancholie über ein gescheiterten Stück dereinst vereintem Mittelosteuropa, dessen Wiederauferstehung wir hoffentlich in unseren Tagen miterleben dürfen.
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23 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Die Melancholie des Untergangs, 22. Oktober 2004
Joseph Roths „Kapuzinergruft" ist ein Abgesang auf das Habsburger-Reich in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg - daraus erklärt sich auch der Titel: der letzte große Kaiser dieses Reiches, Franz Joseph, ist in der Kapuzinergruft in Wien beigesetzt - der Protagonist des Romanes sucht mehrmals im Verlaufe der Handlung die Gruft auf. Die Zeitspanne von der berichtetet wird, ist die Zeit kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges bis zum Ausbruch des Faschismus in Österreich (Dollfuß - später Anschluss ans Deutsche Reich). Der Handlungsort ist Wien, unterbrochen von der Kriegszeit von Trottas - des Protagonisten-, die er hauptsächlich in russischer Gefangenschaft verbringt. Die Handlung kreist um die durch den Krieg orientierungslos gewordenen Hauptfigur - ein dekadenter slowenischer Adliger, ohne Ausbildung und durch Investitionen in Kriegsanleihen ohne Vermögen. Eine herausgestellte Rolle spielt auch seine Mutter, die versucht, die großbürgerlichen und adligen Ideale der Kaiserzeit in Würde bis zu ihrem Tod aufrecht zu erhalten. Trottas Frau Elisabeth stellt hierzu das Gegenbild dar - sie ist einer ungarischen Künstlerin in einer lesbischen Allianz verbunden und verkörpert in vielen Dingen den Geist der Nachkriegszeit. Wichtig für Trotta sind auch die beiden Figuren Branco (ein Maroniverkäufer) und Reisiger (ein jüdischer Kutscher), die das ursprüngliche und kraftvolle Leben verkörpern, nach dem sich Trotta sehnt, aber auch die Vielfalt der Völker und Kulturen der Donaumonarchie darstellen. Dekadenz, Todesahnung, ja -sehnsucht und Zerfall kennzeichnen Trottas Leben im Wien der Nachkriegszeit - das letzte Mal hat er sich bizarrerweise in russischer Kriegsgefangenschaft zu Hause gefühlt. Lesenswert wird der nicht sehr umfangreiche Roman vor allem durch die wunderschöne Prosa Roths, die einerseits reflektierende Passagen anbietet, andererseits in der Dialoggestaltung und Personenskizzierung ihre Meisterschaft zeigt.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Im direkten Vergleich mit dem "Radetzkymarsch" vielleicht wirklich nur mit 4 Sternen zu dekorieren., 29. Juli 2007
DENNOCH ein Werk aus dem österreichischen Literatur-Parnass und, gemeinsam mit dem umfangreicheren Vorgängerroman, eine unverzichtbare Landkarte für alle Erhebungen, Schluchten und sumpfigen Ebenen (sie sind das vorherrschende Terrain) der Wiener Seele. Ich bin wahrlich kein Monarchist, aber für die Dauer der Lektüre von Leutnant Trottas fassungslos-traurigen Streifzügen durch eine kaputte Welt muß ich es jedesmal werden - überdies mit tränennassen Wangen...
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