In Frankreich des 13. Jahrhunderts lässt der fromme König Louis IX. eine Kapelle für seine Reliquiensammlung bauen. Nur die besten Baumeister, Glasmaler, Steinmetze etc. werden für dieses Vorhaben angeworben.
Clément, einer Glasmaler mit besten Ruf, lebt zur Zeit mit seiner Frau Edwige und seinen drei Töchtern Lise, Jehanne und der jüngsten, Margaux, in Chatres. Es ist bei den Handwerkern üblich weiter zu ziehen, wenn ein Auftrag ausgeführt ist und so will Clèment unbedingt nach Paris, da er erfahren hat, dass der König eine prachtvolle Kapelle erbauen lässt. Seit Jahren ist es Clèments Traum, mitzuwirken, wenn etwas ganz Großartiges geschaffen wird. Und so zieht er mit seiner Familie nach Paris, um sich als Glasmaler für die Saint Chapelle zu bewerben.
Dort jedoch trifft er auf Thomas. Thomas und Clèment waren vor Jahren Nebenbuhler um die Gunst Edwiges. Edwige entschied sich damals für Clèment, was Thomas nie vergessen hat. Nach wie vor sieht Thomas Clèment als Rivalen und macht ihm und seiner Familie deshalb das Leben schwer.
Gishlain, ein junger attraktiver Jongleur, weiß nichts über seine Kindheit oder seine Herkunft. Als jungen Knaben wird er von Loup im Wald aufgelesen und er nimmt sich - zuerst widerstrebend - des Kleinen an. Loup und Gishlain verbringen die nächsten Jahre gemeinsam und ziehen umher, um sich als Jongleure ihr Brot zu verdienen. Als Loup stirbt, ist Gishlain plötzlich alleine und beschließt so, nach Paris zu gehen.
So treffen sich Gishlain und die Familie Clèments durch wenig erfreuliche Umstände und ziehen schließlich gemeinsam nach Paris.
Gleich zu Beginn, nach den ersten gelesenen Zeilen, fallen dem Leser die außergewöhnlich schöne Sprache und der wunderbare Erzählstil auf. Selten findet man in einem historischen Roman so eine ausgewogene, empathische und auch explosive Erzählweise! Die Figuren scheinen vor einem zu stehen und man sieht ihnen beim Agieren nicht nur zu, sondern hat das Gefühl in der Szenerie mit zu wirken. Farbenprächtig, bunt und voll spürbarer Nähe dieser Zeit taucht man in das damalige Leben in Frankreich und Paris ein. Kirsten Schützhofer versteht es auf ganz besondere Weise den Leser zu führen, ohne ihm eine Meinung oder Anschauungsweise auf zu drängen. Sie zeichnet die Protagonisten mit Stärken und Schwächen und überlässt es dem Leser, ob er die Handlungen der Einzelnen nachvollziehen kann.
Die beiden Erzählstränge treffen nur relativ kurz aufeinander und man wird dazu verführt, immer auf weitere Zusammentreffen oder die Vereinigung der beiden Geschichten zu warten oder auch zu hoffen. Das Leben und auch die Erlebnisse von Gishlain und Clèment und seiner Familie sind jedoch sehr konträr. Im Grunde verhält es sich so, dass die Erzählung über Clèment ebenso ein eigenständiges Buch ergeben könnte wie auch die Geschichte Gishlains.
Das Buch ist prall gefüllt mit der Gedankenwelt der Protagonisten, so dass man es sich als Leser nicht erlauben kann, ein paar Seiten zu "überfliegen" um schneller vorwärts zu kommen. Passiert es einem, dass man ein paar Seiten nicht die gewohnte Aufmerksamkeit schenkt, ist es mit ziemlicher Bestimmtheit so, dass man später zurück blättern muss um diese Stellen nachzulesen. Jedes Kapitel, jede Seite, jeder Satz und jedes Wort hat seine Berechtigung in diesem Buch und ist es auch Wert, vom Leser die volle Aufmerksamkeit zu bekommen.
Realistisch, feinfühlig und ohne jeglichen Kitsch führt einem Kirsten Schützhofer durch die damalige Welt und hinterlässt für lange Zeit ein prägendes Bild von der möglichen Entstehung der Saint Chapelle und ihrer Schaffer. Der Einblick in die Erbauung dieser Kapelle, ist mit reichhaltiger Information über die Arbeit und Mühe der Handwerker gespickt und damit ein Erlebnis sondergleichen.
Was die Protagonisten alles erleben und was das Schicksal für sie bereithält, ist in einem selten realistischen Rahmen gesetzt. Der Schluss mag für Liebhaber historischer Romane ungewöhnlich erscheinen, aber es ist die absolute Vollendung eines meisterhaften Romans. Man ist traurig und glücklich zugleich, wenn man dieses Buch beendet hat. Traurig, weil diese wunderbare Erzählung ein Ende hat und glücklich, dass man so ein wunderbares Buch lesen konnte.
Genau zu der Zeit als ich dieses Buch las, war ich beruflich in Paris. Es versteht sich von selbst, dass die Besichtigung der Saint Chapelle für mich ein MUSS war. Was ich dort sehen, spüren und erleben durfte, lässt sich in Worten nicht wiedergeben. All die Farben, das Licht, der Geruch, die Geräusche und die Demut vor solch einem von Menschen geschaffenen Werk sind überwältigend. Man liest nicht eine Geschichte, man steht IN ihr. Ich kann nur jedem der Paris einmal besucht ans Herz legen, die Saint Chapelle zu besichtigen. Da beginnt Geschichte lebendig zu werden.