Mit "Die Kane Chroniken - Die rote Pyramide" entführt uns Rick Riordan (dieses Mal) in die Welt der ägyptischen Mythen, Götter und Magie.
Das Geschwisterpaar Carter (14 Jahre alt) und Sadie Kane (12 Jahre alt) lebt seit dem Tod der Mutter vor sechs Jahren getrennt. Während Carter mit dem Vater (Dr. Julius Kane, ein Ägyptologe) um die Welt reisen muss, lebt Sadie bei ihren Großeltern mütterlicherseits in London. Da der Kontakt zwischen ihren Großeltern und ihrem Vater schlecht ist, sieht Sadie ihren Vater und ihren Bruder nur ein bis zweimal im Jahr. Der letzte Besuch ihres Vaters in der Weihnachtszeit, genauer gesagt am Heiligabend, löst Ereignisse aus, in deren Verlauf sich die über die Jahre entfremdeten Geschwister Carter und Sadie wieder näher kommen, ihre wahren Identitäten und Kräfte entdecken und schließlich beginnen, ihrer eigentlichen Bestimmung zu folgen.
Dr. Kane geht an Heiligabend mit seinen zwei Kindern ins Museum, um dort mit Hilfe eines Artefakts Osiris zu befreien, der mit Isis und drei anderen Göttern vor sehr langer Zeit von Magiern gebannt wurde. Die Befreiung Osiris' gelingt zwar, doch nicht ganz so, wie sich das Dr. Kane gewünscht hat. Carter und Sadie verlieren in dieser Nacht ihren Vater, der von einem der anderen fünf Götter gefangen gesetzt wird. Beide machen sie sich mit Hilfe ihres Onkels auf die Suche nach dem Vater und bekämpfen das Böse, das freigesetzt wurde. Währenddessen lernen die beiden Jugendlichen ihre Kräfte, Möglichkeiten und Bestimmung kennen, freunden sich mit einer jungen Magierin an, machen sich den alten ägyptischen Magierbund zum Feind, lernen die ägyptischen Götter kennen und finden in der Katzengöttin, in einem Pavian und in einem Krokodil treue Freunde.
Mehr zum Inhalt an dieser Stelle nicht, um nicht den Lesespaß zu verderben.
Meine Einschätzung
Der Autor bleibt seinem Schema aus der erfolgreichen Percy-Jackson-Reihe treu: Jugendliche sind ahnungslos über ihre wahren Identitäten, werden urpplötzlich mit ihrer tatsächlichen Herkunft konfrontiert und in einen Strudel von Ereignissen gerissen, in deren Verlauf sie sich selbst entdecken und erwachsen werden, zugleich erfolgreich Verantwortung tragen, die ihnen so früh noch nicht zugedacht war, eine Verantwortung die jedoch von den "Erwachsenen" nicht (mehr) wahrgenommen werden kann, weil sie, die Erwachsenen es verbockt haben. Junge Menschen wollen so genommen werden, wie sie sind, zugleich geachtet und einbezogen sein in die Welt, in der sie leben und die sie auch (mit)gestalten wollen und können. Rick Riordan scheint das zum Grundprinzip seiner Bücher zu machen. Und der Erfolg gibt ihm recht. Denn schon Percy Jackson begeisterte Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen.
Im ersten Band der Kane-Chroniken erzählen Carter und Sadie ihre Geschichte selbst. Es ist eine Audio-Aufzeichnung, der wir beim Lesen folgen. Abwechselnd schildern die beiden Kinder ihre persönliche Sichtweise auf die Ereignisse. Während Carter vom Autoren als eher zurückhaltender, viel zu erwachsen wirkender Jugendlicher dargestellt wird, ist Sadie draufgängerisch, ein wenig flapsig, doch eben auch mutiger und stärker als ihr Bruder. Die beiden Geschwister - sechs Jahre voneinander getrennt - kommen einander wieder näher. Der Autor stellt diese Entwicklung recht achtungsvoll und vergleichsweise realistisch dar. Die gewählte Methode der Erzählung fand ich sympathisch, zumal der Autor seinen Stil jeweils an Carter oder Sadie anpasste.
Auch die ersten Schwärmereien (Sadie für den jungen Gott Anubis) und die ersten Gefühle von Liebe (Carter für eine junge Magierin), die Jugendliche entwickeln, kommen nicht zu kurz, bilden in der Geschichte sogar einen wichtigen Motivationszirkel, der die Geschwister antreibt. Ich denke, dass der Autor hier den Nerv seiner jungen Leserschaft ganz gut trifft.
Unzulänglichkeiten stellen sich als Stärken und vermeintliche Stärken als Hindernisse heraus. Jeder begeht Fehler und niemand ist perfekt. Und Vertrauen kann Berge versetzen helfen. Der Autor bringt diese Tatsachen in der Geschichte recht gut unter. Von Belehrung und erhobenem Zeigefinger keine Spur. Es sind vielmehr die Abenteuer, die die Kinder bestehen müssen, die step by step zu den Erkenntnissen führen, dass Stärken und Schwächen gleichermaßen einen Menschen (und auch Götter) ausmachen. Dabei werden "positive" Werte wie Treue, Freundschaft, Ehrlichkeit, Zielstrebigkeit, Kooperation, Einsicht, Lernbereitschaft und Vertrauen recht gut als wichtige Voraussetzungen menschlichen Seins vermittelt.
Dass der Autor den entscheidenderen Teil der "neuen" Welt der wieder auferstandenen Götter, den Schlüsselkampf und das Finale in die USA platziert hat, sei ihm nachgesehen. So sind die Amerikaner. Unglaubwürdig wirkt das nicht; auf jeden Fall glaubwürdiger als dieses Schema in der Percy-Jackson-Reihe.
Schreibstil: Der Schreibstil ist ganz angenehm.
Lesefluss: Ich habe das Buch an einem Sonntag durchgelesen. Der Faden ging nicht verloren.
Story: Die Grundstory ist altbewährt, jedoch sehr sympathisch und passend ausgeschmückt und um die Abenteuer der Kinder und viele kleine interessante Details sehr gut erweitert.
Als Einstieg in eine neue Reihe: Das Buch macht neugierig auf die zukünftigen Abenteuer der Geschwister, die sich gemeinsam eine Lebensaufgabe gestellt haben, die weiter mitzuverfolgen spannend sein dürfte.
Lesealter: Jugendliche zwischen 11 und 16 Jaren auf jeden Fall. Alle Älteren und Alten haben damit aber auch ihren Spaß.
Klassifizierung: Gelungenes Jugendbuch im Genre Fantasy.
Kaufempfehlung: ja
Bewertung: Volle Punktzahl für den ersten Band einer Reihe, die durchaus neugierig auf Vergangenes macht und trotz ihres Fantasy-Charakters dazu anregt, über unsere Geschichte und Vergangenheit nachzudenken.