Weihnachten in Nordfrankreich. Die Polizei von Dunkerque, eine kleine Stadt in der Nähe von Lille, wird mit mehreren Straftaten gleichzeitig konfrontiert. Zum einen gibt es eine Sachbeschädigung in einem Betrieb, des Weiteren fand ein Autounfall mit Fahrerflucht statt, ein entführtes Mädchen wird ermordet aufgefunden, während ihr Vater spurlos verschwunden ist.- Nur der Leser weiß, daß die beiden, seit Monaten durch Arbeitslosigkeit zermürbten, Freunde Vigo und Sylvain ihren ehemaligen Betrieb besprayt und auf ihrer Heimfahrt den Vater des entführten Mädchens versehentlich überfahren haben. Aus dem Unfall wird ein Verbrechen, als die beiden Männer den Leichnam im Sumpf versenken, weil sie den Koffer voller Lösegeld, den der Mann bei sich trug, behalten wollen.
Die Polizei hingegen steht vorerst vor einem großen Rätsel. Ob die Verbrechen allesamt in Verbindung stehen oder nicht, sollen die Ermittlungen der folgenden Tage ergeben. Den Polizisten dabei über die Schulter zu blicken, ist sehr interessant, denn als Leser hat man in einigen Dingen zwar einen gewissen Vorsprung, aber dennoch bleiben genügend unbeantwortete Fragen. Man kann also selbst überlegen, wer wohl der oder die Täter sein können. Wer ganz genau aufpaßt, kann diesbezüglich einige am Rande erwähnte Hinweise kombinieren und wird zum Ende des Buches hin einen Aha-Effekt erleben.
Verschiedene, parallel ablaufende Handlungsstränge machen das Buch zu einem unheimlich spannenden Lesevergnügen. Zum einen gibt es Vigo und Sylvaine, die beiden ungleichen Freunde. Während der eine mutiger, berechnender, abgebrühter und alleinstehend ist, ist der andere ein eher besonnener, ruhiger, gedanklich nicht so reger Familienvater. Beide haben zwar ihre Arbeit verloren, doch zwischen ihnen gibt es mehr Unterschiede, als Gemeinsamkeiten. Einerseits interessant, andererseits erschütternd ist es, mitzuerleben, wie sich die Beziehung zwischen den beiden nach dieser Nacht weiterentwickelt, denn Geldgier soll den einen der beiden zu einem eiskalten Mörder machen.
Hinzu kommt, daß die beiden bei ihren nächtlichen Machenschaften beobachtet wurden. Der Entführer will natürlich sein gefordertes Lösegeld um jeden Preis. Daß er skrupellos ist, weiß der Leser, da ihm durch die polizeilichen Ermittlungen bekannt ist, in welchem makaberen Zustand das ermordete Mädchen aufgefunden wurde. Man darf nun gespannt sein, was den beiden Freunden Vigo und Sylvain bevorsteht. Böse Ahnungen sollen übertroffen werden, so daß einem der Atem stockt.
Ein weiterer Handlungsstrang beschreibt die Arbeit der Polizei. Insbesondere heftet man sich dabei an die Hacken der jungen Polizistin Lucie Henebelle, die einem von Anfang an sympathisch ist. Es ist der erste Einsatz nach der Geburt ihrer Zwillinge. Die ehrgeizige Polizistin freut sich über diese Herausforderung und trägt mit ihrem angelesenen Wissen erheblich zu den Ermittlungserfolgen bei.
Dieser Thriller ist etwas für hartgesottene Leser, denn inhaltlich erinnert er stark an "Das Schweigen der Lämmer". Das ermordete Mädchen wird auf besondere Art hergerichtet, was auf die Tat eines Taxidermisten, eines Tierpräparators, schließen läßt. So werden bis ins kleinste Detail Arbeitsschritte erklärt, wie ein Tier präpariert wird. Das geht sogar bis hin zum Sezieren von Menschen. Derart in den menschlichen Körper einzudringen ist schon ungewöhnlich und zuweilen eklig bis abstoßend. Wenn man dann auch noch zu lesen bekommt, was der psychopathische Mörder mit den menschlichen Einzelteilen anstellt, dann stößt man schon an die Grenzen des Verträglichen.
Zum Ende des Buches hin werden die polizeilichen Ermittlungen selbstverständlich erfolgreich sein. Doch der Weg dorthin führt über weitere Leichen. Durch und durch ist dieses Buch also recht heftig und schwer zu verdauen. Handlungen von psychisch gestörten Menschen kann man schwerlich nachvollziehen und schon gar nicht begreifen.
Das Buch läßt einen aber auch sehr nachdenklich zurück, wenn man sich die Entwicklung der beiden Freunde anschaut. Aus Verzweiflung und Wut begehen diese eine geringfügige Straftat, geraten zufällig in einen Unfall, den sie selbst zu einem Verbrechen machen und schon haben sie völlig verloren. Einerseits ist es sehr tragisch, wenn man bedenkt, wie man so plötzlich unverschuldet in eine prekäre Lage geraten kann, was den Autounfall betrifft, anderseits ist es auch schlimm, zu welchen verzweifelten Taten einen Arbeitslosigkeit und die damit verbundene Aussichtslosigkeit führen kann. Da fragt man sich wirklich: Wohin soll das noch führen?
Das Buch spricht somit viele Bereiche des Lebens an, über die man nach Auslesen des Buches nachdenken kann. Daher ordne ich es schon als lesenwert ein. Aber, wie bereits erwähnt, muß man für diese Lektüre abgehärtet sein. Dann wird man äußerst spannend und kurzweilig unterhalten. Wegen des flüssigen Schreibstils lesen sich die gut 300 Seiten flott dahin. Die Story fesselt einen eh von der ersten Seite an. Und so gibt es selbstverständlich eine Leseempfehlung...