Der Begriff "Kalendergeschichten" steht normalerweise ja nicht für Hochkaräter -- aber es gibt Ausnahmen. Johann Peter Hebels "Rheinländischer Hausfreund" dürfte die berühmteste sein, schon weil diese Schatztruhe einige wahre Juwelen der nur scheinbar schlichten, in Wirklichkeit aber raffinierten Erzählkunst bereithält -- sein souverän erzählender Umgang mit der Zeit in "Unverhofftes Wiedersehen" wird nicht zufällig unisono zu den Geniestreichen der Literaturgeschichte gerechnet: "Unterdessen wurde die Stadt Lissabon in Portugal durch ein Erdbeben zerstört, und der siebenjährige Krieg ging vorüber, und Kaiser Franz der erste starb, [...] und der Kaiser Joseph starb auch. [...] Der Müller mahlte, und die Schmiede hämmerten, und die Bergleute gruben nach den Metalladern in ihrer unterirdischen Werkstatt." Nach diesem atemlosen Parforceritt durch Weltgeschichte und durchs von der Geschichte nicht zu Beeindruckende geht sie erst richtig los, die Geschichte, und Hebels Version kontert E.T.A. Hoffmanns oder Hofmannsthals Bearbeitungen der Vorlage locker aus. Der badische Pfarrer hatte seine Kalendergeschichten von 1803 bis 1819 verfasst: Kurze und längere Erzählungen und erzählerische Bearbeitungen kurzer Nachrichten, Lektionen über Geschichte, Geographie und Biologie, aktuelle politische Ereignisse. Vor allem aber schrieb er Belehrendes, Belustigendes und Rührendes aus dem Leben des einfachen Volks fürs einfache Volk; Geschichten, die bald weit über die Grenzen Badens hinaus bekanntwurden. Diese Geschichten sind ein Dauerbrenner bis heute, und Geschichten wie die von drei Dieben, der sonderbaren Wirtszeche, dem Herrn Kannitverstan, dem Mittagessen im Hof oder dem unverhofften Wiedersehen kennt noch heute (hoffentlich!) fast jeder. Das Erstaunliche: Nicht nur diese Evergreens lohnen sich (wieder) zu lesen, sondern alles, was Hebel hier erzählt.
Hebels "Rheinländischer Hausfreund" war schließlich als Gebrauchsliteratur gedacht und enthält dementsprechend amüsante Rätsel und allgemein Nützliches, vor allem aber kurzgefasste Mitteilungen zu aktuellen Ereignissen. Immerhin erschien der "Rheinische Hausfreund" zu ereignisreicher Zeit (und Zeitungen waren anfangs des 19. Jahrhundert noch nicht so in Mode), also findet man darin auch volkstümliche Darstellungen z.B. von Napoleons Russland-Feldzug ("Der Brand von Moskau"), incl. Analysen von verblüffend prägnanter Kürze: "Auf der Seite von Rußland war allein der Engländer, später auch der Winter". Dito gibt's hier deutsche Geschichte in Fortsetzungen, zu lesen an besinnlich-langen Winterabenden ("Die Alemannen am Rheinstrom", "Fortsetzung der vaterländischen Geschichte"). Jetzt aber bitte nicht überheblich grinsen, denn erstens ist Hebels Selbstironie nicht zu übersehen, nicht nur in Passagen wie "Das gefällt dem geneigten Leser am Hausfreund fast noch am besten, daß er ihm gern fast alles zweimal sagt". Und zweitens finden sich hier jede Menge Plädoyers für Beobachtung, unverstellten Blick und Vernunft als wirksame Impfung gegen Schwärmerei, Gefühlsduselei und Gutgläubigkeit. Diese Plädoyers tarnt Hebel meisterhaft, zum Beispiel als volkstümliche Abhandlungen "über die Verbreitung der Pflanzen" oder "von den Schlangen", um nur zwei Beispiele herauszugreifen. Hebel, ein Erzähler comme il faut -- und auch ein Aufklärer reinsten Wassers!
Neben den hinreißenden Klassikern und Skurrilitäten enthält diese Dünndruck-Ausgabe sämtlicher Erzählungen (nach den Texten der Erstdrucke) aber noch einiges mehr, was die Anschaffung lohnt: Zunächst einmal gibt's hier einen vorbildlichen Anmerkungsapparat, mit Hintergrundinformationen gespickt, ohne dass das die Lektüre der Texte selber behindern würde. Und Hannelore Schlaffers Nachwort sollte man auch unbedingt lesen, an einem langen ungestörten Abend.
Hebels Erfolg hat gute Gründe: Im Gegensatz zu vielen volkstümelnden Zeitgenossen kannte er nicht nur die Sprache der Bauern und Handwerker, sondern er schrieb auch in ihr. Seine Geschichten und Anekdoten aus dem Badischen, aus der Zeit der Napoleonischen und der Befreiungskriege oder auch aus einem Orient, wie man ihn sich im Volk vorstellte, trafen und treffen bis heute haargenau den richtigen Erzählton, geradlinig und verschmitzt, bodenständig und weise: "Da stand nun Schiff an Schiff, und Mastbaum an Mastbaum; und er wußte anfänglich nicht, wie er es mit seinen zwei einzigen Augen durchfechten werde, alle diese Merkwürdigkeiten genug zu sehen" -- nicht nur hier trifft Hebels Erzählton haargenau die Verblüffung des deutschen Handwerksburschen, den es unversehens in den Amsterdamer Hafen verschlagen hat. In all ihrer Kürze und Verständlichkeit sind diese Erzählungen oft genug raffiniert aufgebaut, ohne dass man's merkt -- eben weil Hebel so raffiniert vorgeht. Kein Schwulst, keine gekünstelte Einfalt, kein Anbiedern, keine besserwisserische Überheblichkeit gegenüber dem vermeintlich ungebildeten Volk. Genau so erzählen Großeltern ihren Enkeln -- wenn die Enkel Glück haben. Hebel zeichnet seine Szenen, sein Figurenpanoptikum mit wenigen Worten, und er ist ein Meister der Pointe: So wie Alltagssituationen ganz schnell ins Groteske umschlagen können, so erzählt Hebel seine Geschichten: Er beobachtet, konzentriert sich aufs Wesentliche, lässt das Auge auf genau den entscheidenden Details ruhen, verliert nie die Bodenhaftung und steht immer auf der Seite des Menschlichen. Hebels Kunst besteht darin, einfach zu erzählen; eine große Kunst.