Scharfer Tobak ist das, was Robert Gernhardt mit seinem -- leider! -- letzten Werk vorgelegt hat: Wichtigster und beeindruckendster Teil seiner "K-Gedichte" ist der Gedichtzyklus "Krankheit als Schangse", in dem er seine eigene Krebserkrankung thematisiert und mit atemberaubend virtuos beherrschtem Formenreichtum umkreist. Dabei ist er weder weinerlich noch zwanghaft komisch; jenen Anflug von Pathos hat er verbannt. Stattdessen liest man Lyrik vom Großmeister, durchweht von einem dermaßen schwarzen Humor, dass man für diese Abart des Schwarzen ein eigenes Wort erfinden müsste: "gernhardtschwarz" vielleicht.
Er schont sich nicht: Es geht um die zweifelhaften Freuden und Nebenwirkungen der Chemotherapie; es geht um den k.o.-Schlag, den einem die Diagnose verpasst; es geht um den Hammerschlag, der einen trifft, wenn man herausbekommt, was der Begriff "palliativ" in bezug auf die eigene Diagnose bedeutet. Wenn man auf derartiges mit Zusammenbruch reagiert, ist das verständlich. Ob und wie Gernhardt das alles tatsächlich verarbeitet hat, darüber geben diese Gedichte freilich nur bedingt Auskunft; Gernhardt gehört nicht zur weinerlichen Selbstauskunfts-Fraktion.
Wer also die "K-Gedichte" ausschließlich als Selbstauskunft in Gedichtform liest, denkt zu kurz. Und, ehrlich gesagt, geht des Dichters tatsächliches Befinden auch keinen Außenstehenden etwas an. Gernhardt hat, so jedenfalls mein Eindruck, ganz anderes im Visier: Nicht einmal das eigene Leiden ist ihm zu Tabu-beladen, um nicht zum Bedichten zu taugen. Fast möchte man beim Lesen, beim ersten ebenso wie beim x-ten Lesen, an einen distinguierten Gentleman alter Schule denken, der den Leser nicht belästigen will und demselben Leser dennoch die Möglichkeit gewährt, sich belästigen zu lassen, wenn er das will.
Sei dem, wie dem sein will: Beeindruckend sind diese Gedichte auch in ihrer Beherrschtheit. Keine einzige Zeile bettelt darum, wegen ihres Themas betreten gelobt zu werden ("Ach Gott, der arme Mann!"), denn Gernhardt zündet hier ein letztes Mal ein Feuerwerk an Können: Mal dichtet er in reinstem Brecht-Ton ("Lied von der Hinfälligkeit"), mal erinnert's an Wilhelm Busch ("Krankheit als Chance. Heute: Beim Hosenkauf"), mal an Jandl ("8. August. Chemie und Wahnsinn"); mal an Eichendorff ("Seiltänzer"). Mal füllt er die Form des Kinderlieds mit bitterbösem Inhalt ("Schlaflied für Aschenputtel", "Die Woche davor"). Mal dient die Form vom "Sonnengesang" des Franz von Asissi dazu, die Vorteile zu besingen, die eine Krebs-Epidemie innerhalb der italienischen Freizeitjäger-Bagage dem geplagten Buchfinken bringen könnte... und mal zitiert Gernhardt frühere eigene Werke, nimmt sie gernhardtschwarz ins Visier und trifft auch hier ins Schwarze: "Nachdem er von seiner Krankheit erfahren hatte" verknüpft den für Gernhardt so charakteristischen Galgenhumor mit Brecht'scher Schlusspointe, und lyrische Schwarze Kunst von umwerfender Stärke ist z.B. auch "Schöne Aussichten am Morgen des vierten Oktober".
Diese Feststellung, dass bessere, brutalere, witzigere, bösere, klügere und ironischere Schwarze Wortkunst nicht vorstellbar ist, gilt für den ganzen Zyklus. Denn auch wenn Gernhardt hier alles zitiert, was Rang und Namen hat in der Literaturtradition: Gernhardt ist kein Plagiator, sondern einer, der über die Formen herrscht und sie genau dahin dirigiert, wo er sie haben will: in die Atemlosigkeit des Lesers, den im schwärzesten Moment womöglich auch noch das Kichern überfällt und endgültig fertigmacht.
Ganz anders, auf den ersten Blick weniger hart trotz seines nicht minder bedrückenden Inhalts, ist der zweite "K-Zyklus" dieses Bandes: Ein Sonettenzyklus über den Irak-Krieg. Und schon hör ich beim Lesen den betroffenen Refrain im Hintergrund, diesen "Darf man über den Krieg dichten?"-Chor. -- Klar darf man, schon Andreas Gryphius wusste das. Man muss nur wissen, wie's geht. Gernhardt wählte (wie Gryphius) die strenge Sonett-Form, die keine formalen Eskapaden erlaubt, und wenn noch jemand bezweifelt haben sollte, dass Gernhardt auch das Sonett beherrsche, der kann seine Zweifel jetzt auf den Komposthaufen bringen, denn Meister Gernhardt beherrscht.
Die "K-Gedichte" schließen mit dem scheinbar dritten 'K', mit Gernhardts Kommentar-Essay zu den beiden vorangehenden 'K's, mit dem Titel "Kunst als Küchenmeister". Aber das wahre Schlusswort gebührt einem anderen 'K' in allerbester Gernhardt-Tradition: Damit sich am Ende der Leser nicht erschöpft von dannen schleiche...
Mit den "K-Gedichten" gibt Gernhardt also auch dem wilhelminischen Begriff der "Drei 'K's" von anno dunnemals einen neuen Kick: Die drei 'K's sind diesmal: Krebs, Krieg und Käse.