Kennen Sie das schöne Gefühl des Lesers, wenn ein Buch ihn in eine andere Welt versetzt? Wenn die Szenerie in der Phantasie entsteht, sich mit Details füllt und durch eine kleine Wendung im Text sozusagen noch die Ausleuchtung perfektioniert wird? Wenn dies alles auch noch unaufdringlich geschieht, der Hintergrund im Hintergrund entsteht, dann taucht der Leser leicht in die Welt des Buches ein und wird am Ende einer fesselnden Geschichte um viele Bilder und Informationen reicher sein. Martina Kempff gelingt es in ihrem neusten Buch „Die Königsmacherin" die Welt des frühen Mittelalters genau so entstehen zu lassen. Sie zeichnet mit leichter Hand ein Panorama, das dem Leser anbietet, neben der spannenden Handlung auch noch Geschichte zu erfahren und sich, sozusagen en passant, über das Leben im 8.Jahrhundert zu informieren.
Im Vordergrund des Romans steht das spannende Leben der Grafentochter, späteren Gemahlin Pippin des Kurzen Mutter Karls des Großen Bertrada von Laon. Ihre Geschichte wird eng verwoben mit den Gegensätzen zwischen den Mächtigen und den Rechtlosen, der hohen Politik und der Mühsal des der Willkür ausgesetzten Volkes. Neben die Großen der kirchlichen und weltlichen Macht stellt die Autorin die kleinen Leute und ihren Alltag.. Man lernt in diesem Buch vieles kennen: das „Rechtssystem" mit seinem unanfechtbaren Willkürurteilen, die strengen Sitten und Gebräuche, die harten Verhaltensregeln auch zwischen den kleinen Leute, die niemandem eine Abweichung gönnen, weil sie sich diese selbst nicht erlauben, die graduellen Unterschiede der Abhängigkeiten vom Unfreien bis zum Sklaven, die von herrschaftlicher Arroganz in Rechtlosigkeit, Armut und sogar Tod Getrieben. Dies alles geschieht mit leisen Tönen, vieles nur in Nebensätzen. Der bestens informierten Schriftstellerin gelingt es aber auch die Herrschenden, die nur da an die Grenzen ihrer äußeren Macht stoßen, wo es gilt, die Interessen eines anderen Großen zu berücksichtigen, in ihren inneren Zwängen, ihren Irrtümern und Zweifeln lebendig werden zu lassen.
Martina Kempff kann mit Recht in ihrem Nachwort schreiben, daß es o gewesen sei. Das Buch ist so gründlich recherchiert und in seinen Abläufen und Bildern so beeindruckend erzählt, daß es wohl schwer fallen dürfte, diese Behauptung zu widerlegen.