Dresden gehört neben Wien zu meinen absoluten Lieblingsstädten und das Barock ist meine Lieblingsepoche, seit ich vor Jahren angefangen habe, mich für Geschichte zu interessieren. Deshalb habe ich mich auf das neue Buch von Sabine Weigand ganz besonders gefreut und wieder auf einen wie gewohnt sehr gut recherchierten historischen Roman gehofft. In diesem Buch widmet sich die Autorin zum einen einer der schillernsten Persönlichkeiten des deutschen Barock - dem sinnenfrohen und kunstsinnigen Kurfürsten Friedrich August von Sachsen (besser bekannt als August der Starke) und zum anderen einer seiner Mätressen, der Osmanin Fatimah, über die heute leider nur sehr wenig bekannt ist. Die Autorin webt eine phantasievolle und sprachlich wirklich schön erzählte Geschichte um Fatimah und ihr Leben am sächsischen Hof. Aber eben dieses "phantasievoll" ist bei diesem Roman ein großes Problem. Nachdem man von Fatimah heute nicht mehr viel weiß, wundert es mich doch sehr, daß die Autorin die wenigen historisch belegten biographischen Daten von Fatimah dann auch noch ziemlich verfälscht. Sicherlich kann man der Autorin zugestehen, die eine oder andere historische Tatsache dem Gesamtkonzept der Geschichte angepaßt zu haben, aber hier gibt es für meinen Geschmack viel zu viele Anachronismen. Einen Teil stellt die Autorin zwar im Nachwort richtig, aber leider nur einen Teil.
Fatimah kam mitnichten als Geschenk an den sächsischen Hof. Sie wurde 1686 nach der Niederschlagung der Türken bei Ofen als Beute in die Obhut des schwedischen Freiherrn Alexander Erskine gegeben, der Fatimah anschließend der zu dieser Zeit in Schweden lebenden Gräfin Maria Aurora von Königsmarck, einer Schwester seines Waffenbruders Philipp von Königsmarck, als Sklavin zum Geschenk machte. Fatimah wurde dann aber mehr als Ziehtochter der Gräfin denn als Sklavin behandelt.
Fatimah wurde auch nicht am sächsischen Hof getauft, sondern bereits im November 1686 in Stockholm. Taufpate war unter anderem sogar der schwedische Kronprinz, der spätere König Karl XII. August der Starke war zu dieser Zeit noch sächsischer Prinz und kein Kurfürst.
Fatimah kam ca. 1694 im Gefolge der Gräfin Maria Aurora von Königsmarck nach Dresden, als diese sich wegen des Verschwindens ihres Bruders Phillip von Königsmarck an den gerade zum Kurfürsten erhobenen August den Starken wandte und kurz darauf die erste Mätresse des Kurfürsten wurde. August der Starke wurde erst durch Maria Aurora auf Fatimah aufmerksam.
Friedrich August, der Sohn von Fatimah und dem Kurfürsten, wurde 1702 geboren, die gemeinsame Tochter 1706.
Die Gräfin Cosel gab es zu dieser Zeit am sächsischen Hof überhaupt noch nicht.
Anna Constantia von Brockdorff, die spätere Gräfin Cosel, heiratete erst im Sommer 1703 den Freiherrn von Hoym und kam erst nach ihrer Eheschließung nach Dresden. Offizielle Geliebte des Kurfürsten wurde die Cosel erst 1705 und löste damit Ursula Katharina Reichsfürstin von Teschen (die Nachfolgerin Maria Auroras) als Maitresse en titre ab.
Vermeidet die Autorin bei der Figur August des Starken weitestgehend längst überholte Klischees, ist ihr Griff in die Klischeekiste in Bezug auf die Gräfin Cosel besonders tief. Wer die Gräfin Cosel heute noch auf eine jähzornige, eifersüchtige Intrigantin reduziert, hat seine Hausaufgaben in Geschichte nicht gemacht oder die falschen Quellen zu Rate gezogen. Die Cosel war von allen Mätressen Augusts des Starken die einzige, die neben Schönheit auch Intelligenz, Ehrgeiz und politische Weitsicht besaß. Sie war energisch, sehr gebildet und äußerst einflußreich. Daß Augusts Streben nach der polnischen Königskrone Sachsen das Genick brechen und in den Ruin treiben würde, hat sie vorausgesagt und sie sollte Recht behalten. Den Einfluß dieser Frau konnte man nur ausschalten, indem man sie wegsperrte.
Dieser Roman von Frau Weigand ist der bisher schwächste und als historisch würde ich ihn nur bedingt einstufen, denn hier überwiegt eindeutig die Fiktion, der die Historie untergeordnet und angepaßt wird. Empfehlen kann man dieses Buch ohne weiteres all denen, die gern Liebesgeschichten vor historischer Kulisse lesen, nichts gegen einen etwas detaillierter beschriebenen historischen Hintergrund haben und keinen so großen Wert auf historische Korrektheit legen.