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Der alte Arik ließ sich seufzend auf einem Stein im Schatten der Akazie nieder.
Einsam stand der Baum am Fuße der schwarz zerklüfteten Felsen, die an dieser
Stelle in die Wüste ausliefen, sich verloren zwischen Geröllfeldern und
Sandhügeln, über denen der weiße Himmel zerfloß wie geschmolzenes Metall.
Der Weg hierher war weit gewesen, doch er hatte sich gelohnt. Drüben am Hang der
Düne weideten seine Ziegen, weiße Flecken in einem fremdartigen, leuchtend
grünen Wogen, das der Wind erzittern ließ wie die Flanke eines Tieres. Vor
einigen Nächten hatte es geregnet am Rand der Wüste und damit diese seltene,
rasch aufschießende Pracht hervorgebracht. Arik hatte es sofort gespürt, als er
an jenem Abend aus dem Zelt getreten war, am Duft der Luft, am Sirren der
Insekten. Er hatte sogar den dunklen Vorhang des niedergehenden Wassers in der
Ferne gesehen, schwarz wie der Bart des Regendämons Afrit, den andere nur für
eine seltsame Wolke in der Dämmerung gehalten hatten.
Das gleichmäßige Rupfen der Tiermäuler drang bis zu dem alten Mann herüber und
ließ ihn befriedigt nicken. Die törichten jungen Mädchen des Stammes, denen
zumeist die Obhut über die Herden oblag und die so sorglos mit ihren
Hirtenstöcken umhersprangen, sie wußten nichts vom Wüstenregen. Der letzte war
gefallen, als sie noch nicht geboren waren, und der nächste würde sie als Mütter
sehen. Doch der alte Arik kannte ihn, und er würde sein Geheimnis mit niemandem
teilen. Für wenige Tage nur würden Gras und Blumen blühen, würden die Ziegen
fressen und ihre Milch reicher und süßer fließen. Sollten sie doch lachen im
Dorf über ihn, der stur und stumm seine eigenen Wege ging.
Für einen Moment glaubte Arik, Gelächter zu hören und hellen Glockenklang, der
vom Wind herangetragen wurde, und er hob den Kopf.
Doch er hatte sich getäuscht. Ächzend legte Arik sich wieder auf dem flachen
Felsen nieder, den Arm als Kissen unter dem Kopf, die harten, von der Sonne
schwarz gebrannten Füße unter den Saum seines langen Gewandes gezogen wie unter
den Schutz eines Zeltes. Umständlich zog er ein blaues Tuch heraus und legte es
sich übers Gesicht. Ein letztes Fuchteln des Hirtenstockes vertrieb eine der
großen Echsen, die eben noch den Platz mit ihm geteilt hatte. Ihr Maul öffnete
sich lautlos, als er nach ihr stach, ihr kobaltblauer Schwanz färbte sich über
der Wurzel rot vor Zorn, dann verschwand sie raschelnd im Dornengestrüpp. Recht
so, dachte der alte Arik, meine Wut ist größer als deine.
Still lag er unter seinem Tuch, die Wärme auf seinen Gliedern wie ein Gewicht,
und lauschte in die Stille. Er horte jeden Tritt seiner Tiere. Er war nicht wie
die jungen Dinger, die sich zur Mittagszeit trafen, um in selbstgebauten kleinen
Zelten selbstvergessen zu schwatzen und zu dösen, von ihren Liebsten zu träumen
oder sie gar dort zu verschwiegenen Schäferstündchen zu empfangen, während
draußen die Luft unter der Hitze erzitterte und die Ziegen in die Irre
streunten.
Der alte Arik hob das Tuch und spuckte aus. Mürrisch kratzte er sich am Schenkel
und legte sich wieder zurecht. Er würde niemals ein Mädchen seine Herde hüten
lassen, mochten die anderen noch so sehr spotten.
»Alter Arik«, hänselten sie ihn, wenn er an ihnen vorbeihumpelte, den Blick zu
Boden gerichtet, »bitterer Arik. Leer ist dein Zelt wie ein ausgetrockneter
Wadi, einsam bist du, allein wie der Wanderer in der Wüste, mürrisch bist du und
stachelig wie eine Akazie.« Dann kicherten sie und zogen los mit ihren
springenden Böckchen. Ihre Haare flatterten und ihre Fußreife klirrten.
Geht nur, höhnte er dann im stillen, geht und häuft Schande über euch und eure
Eltern. Als ob er es je vergessen könnte, daß seine eigene Tochter geradeso
aufgebrochen war an jenem Morgen, hüpfend wie der Schlag eines fröhlichen
Herzens. Und der Abend brachte sie nicht wieder. Unwillkürlich stieß der Alte
ein lautes Ächzen aus, als die Erinnerung ihn übermannte.
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