Der Film behandelt einen Teil der dänischen Geschichte (1766- 1772). Für jemanden, der noch nichts von dem deutschen Arzt Johann Friedrich Struensee gehört hat, könnte die Besprechung Spoiler enthalten.
"König Arthurs Ritter Sir Lancelot hat eine Affäre mit Königin Guinevere. Der König kommt dahinter, lässt beide hinrichten und das Königreich fällt auseinander." - Enevold von Brandt versucht vergeblich anhand von Thomas Malorys Werk "Le Mort d`Arthur" seinen Freund Struensee zu warnen. Letztlich werden beide die politischen Umwälzungen der Zeit mit ihrem Leben bezahlen.
1766: Die junge englische Prinzessin Caroline Mathilde (Alicia Vikander) wird mit dem dänischen König Christian VII. (Mikkel Boe Folsgaard) vermählt, ohne ihn je zuvor gesehen zu haben. Die Beziehung der beiden ist von Anfang an unglücklich und nach der Geburt des Thronfolgers zieht sich Caroline vollkommen zurück, der König geht auf Europareise. Aufgrund des schlechten (geistigen) Gesundheitszustandes des Königs wird nach einem Leibarzt gesucht. Auf Vermittlung von Graf Rantzau (Thomas W. Gabrielsson) und Brandt (Cyron Melville) wird 1768 in Altona (damals Teil des dänischen Königreichs) der deutsche Arzt Johann Friedrich Struensee (Dänemarks Topstar Mads Mikkelsen) eingestellt. Schnell verstehen sich die beiden und unter dem Einfluss des zwölf Jahre älteren Arztes blüht der gemütskranke König auf. Die junge Königin misstraut dem neuen Freund ihres Mannes zunächst. Als sie erkennt, dass er Rousseau und andere in Dänemark verbotene Autoren liest ("Sie müssen mir mal erzählen, wie Sie die ins Schloss geschmuggelt haben."), ist ihr Interesse geweckt. Eine zunächst harmonische Ménage à troi beginnt (ein wunderbares Bild: Christian nimmt nach der Impfung seines Sohnes die Hand der Königin und die Struensees, um mit ihnen gemeinsam abzuwarten, ob es Komplikationen gibt): Struensee unterstützt den König, seine eigenen Interessen in der Ratsversammlung durchzusetzen, er erkennt in der jungen Königin eine Seelenverwandte, die wiederum versteht sich mit ihrem aufblühenden Gatten besser als je zuvor. Struensee und Caroline planen, ihre aufklärerischen Gedanken mit Hilfe des Königs durchzusetzen. Dass Aufklärung aber "der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" (Kant) ist, sehen viele Dänen anders. Aberglaube und Obrigkeitsdenken lassen sich nicht von einem auf den anderen Tag abstreifen. Die Liebesbeziehung zwischen Struensee und der Königin -schön beschrieben, wie das wohlgewählte Wort Leidenschaft entfacht- gibt den Kritikern genügend Stoff, gegen den verhassten Ausländer zu hetzen, gerade mit Hilfe der von Struensee erlassenen Pressefreiheit. Mit Hilfe des allzu arglosen Rantzau entspinnen Juliane Marie (beängstigend gut: Trine Dyrholm), die Stiefmutter des Königs, die lieber ihren eigenen Sohn auf dem Thron sähe und Ove Hoegh- Guldenberg (David Dencik) eine Intrige, um Struensee zu Fall zu bringen.
Der Film hält sich eng an die historischen Ereignisse. Die Tagebücher und die zahlreichen Briefe der früh verstorbenen Königin bieten eine gute Grundlage, sich dem Thema zu nähern. Es wäre auch unsinnig, diesen Historienkrimi durch zusätzliche "dramaturgische" Eingriffe zu verändern. Die Ursache der geistigen Verwirrung des Königs ist nicht geklärt, allerdings dürften die Misshandlungen in seiner Kindheit seine Krankheit begünstigt haben. Die sexuelle Beziehung zwischen Struensee und Caroline gilt als gesichert.
Die spannendste Frage ist: Was sind die Voraussetzungen für eine grundlegende Veränderung des Staates? Kann es eine erfolgreiche "Revolution von oben" geben? Ist eine gewisse Ausschaltung von Mitbestimmung manchmal notwendig, um weitgehende Reformen durchzusetzen (da fiele mir Atatürk, u.U. auch Pilsudski ein)? Oder kann eine Revolution nur dann erfolgreich sein, wenn sie auf breiter Basis stattfindet? "Es ist viel eher die bewusste Unzufriedenheit mit den Verhältnissen als ... die tatsächliche Ungleichheit und die tatsächliche Unfreiheit, die zur Revolution führt. Für die Revolution müssen sich ja Unzufriedene und Enttäuschte zusammenschließen, die sich nach dem Grad der objektiven materiellen Wohlfahrt und nach ihrer sozialen Stellung voneinander unterscheiden." (James D. Davies, Eine Theorie der Revolution). Unter dieser Prämisse mussten die revolutionären Ideen Struensees scheitern, da er einerseits durch die Beschneidung der Privilegien Adel und Militär gegen sich aufbrachte, ohne aber auf der anderen Seite genügend Unterstützung durch rechtlose Bauern oder einfache Bürger zu erfahren.
Die Darstellung der Verhältnisse um 1770 ist ohnehin absurd genug. Der (natürlich männliche) Arzt im Palast zischt der in den Wehen liegenden Königin zu: "Eine wahre Königin gebiert schweigend und in Würde." - Aufgrund Struensees Frage nach der Ursache für Christians Leiden wird über seine "übertriebene Neigung zur Onanie" spekuliert. Struensees Idee, Waisenhäuser für unehelich geborene Kinder zu gründen (die seinerzeit nicht selten nach der Geburt getötet wurden) wird zunächst mit dem Argument abgelehnt, damit würde die "Unzucht der Frauen belohnt." Leibeigenschaft, Folter, Pressezensur, beschränkter Zugang zu Universitäten, die systemstabilisierende Funktion von Kirche und Religion wurden als "letzte Bastion" gegen den Geist der Aufklärung verstanden. "Wer ist verrückter? Der König oder einer, der glaubt, die Welt wurde in sechs Tagen erschaffen?"
Für wenige Jahre, noch vor Beginn der Französischen Revolution, wurde Dänemark eine Hochburg der Aufklärung, selbst Voltaire schrieb dem König. Der religionskritische Ansatz Struensees wird schließlich gegen ihn gewendet: Mit der Androhung des Fegefeuers konnte noch so mancher Untertan zur Raison gebracht werden. Das Gerücht, Struensee wolle den König stürzen oder sogar töten, wird seinen Sturz befördern. Danach wird das Land einen Rückschritt erleben, von dem es sich erst unter der Regentschaft Friedrichs VI. allmählich wieder erholen wird.
Obwohl der Film exzellent ausgestattet ist, verliert er sich nie im Dekor. Die Musik hält sich oft angenehm zurück. Ohne Pathos erzählt der Film vom (äußeren) Scheitern eines Reformers. Regisseur Nikolaj Arcel vertraut auf eine ausgeklügelte Bildsprache. Das Bild eines alleine, ohne die Unterstützung seines Freundes im Kabinett sitzenden Königs sagt mehr aus als tausend Worte. Während es zu Beginn des Films noch viele Aufnahmen unter freiem Himmel bei Sonnenschein gibt, verschließt sich der Raum zunehmend, die Beleuchtung wird weniger hell. Die Hoffnung auf eine Begnadigung kann durch eine, scheinbar harmlose Handbewegung zunichte gemacht werden. Auch die Hinrichtung Struensees wird nicht direkt gezeigt, schaurig genug, wenn er im Blut der vor ihm Hingerichteten ausrutscht und die Menge johlt, die er doch eigentlich vor Willkür schützen wollte. Das fehlende Recht auf Leben zeigte sich ja nicht allein in der Todesstrafe, sondern in Folter und körperlicher Züchtigung, die das Sterben des Betroffenen billigend in Kauf nahm (das "Holzpferd" war natürlich kein Spielzeug, sondern das Schlimmste, was einem Leibeigenen passieren konnte). Das Folterverbot wird dementsprechend als erstes nach der Verhaftung Struensees wieder aufgehoben.
Ohnehin fokussiert der Film nicht auf die Liebesgeschichte (lediglich der deutsche Verleihtitel suggeriert das), sondern erzählt auch von den Leiden des Königs. In einer Hinsicht ist Christian genauso unfrei wie seine Untertanen. Der materielle Luxus kaschiert nur, dass er sein Leben nicht selbst bestimmen kann, nicht einmal Hochzeit oder ein Minimum an Privatsphäre. Seine Regierungszeit führt den Absolutismus ad absurdum. Angesichts der Regierungsunfähigkeit Christians VII. stellt niemand das System an sich in Frage. Eine Clique nicht legitimierter Ratsmitglieder reißt die Staatsgewalt unter dem Mäntelchen des Gottesgnadentums an sich. Die Darstellung Struensees ist weit entfernt von einer Heldenverehrung. Er bleibt ein Mann in seinen Widersprüchen, der über die Beziehung zur Königin lügt und damit seinen wichtigsten Freund verprellt. Auch die Ungeduld des Reformers zeigt sich, der auch schon mal recht barsch werden kann und der die schleichende Entmachtung des Königs betreibt.
Lohn der Mühen: zwei Silberne Bären bei der 62. Berlinale (bestes Drehbuch, bester Darsteller Mikkel Boe Folsgaard) und eine Nominierung bei den Oscars 2012 für den besten nichtenglischsprachigen Film.
Zur Ausstattung: Das Bild liegt im Breitwandformat vor. Neben der Originalfassung (Dänisch) und der Synchronfassung gibt es optionale deutsche Untertitel, drei Interviews (mit Mikkelsen, Vikander und Arcel), Trailer, Wendecover.
Fazit: Einer der besten Filme der letzten Jahre, der Herz und Hirn berührt. Weiterdenken erwünscht! Die im Film geschilderten Probleme mögen für Europa gelöst sein, weltweit sind sie es noch lange nicht.