Neue Zürcher Zeitung
Touristische Literatur
«Lesereisen» in berühmte Städte
egt. Eine schöne und eigentlich naheliegende Idee ist es, ortskundige Korrespondenten oder kunst- und lebensbeflissene Personen aufzufordern, die über Jahre gesammelten Betrachtungen über ihren zeitweiligen Lebensort zu sichten und in eine lesbare Fassung zu bringen. Der Blick von Klaus Brill auf Rom kommt von aussen und bietet doch Innenansichten aus dem Alltag, der Gesellschaft und aus dem politisch-sozialen Leben der Römer. Lange Zeit hat er hier als Korrespondent für eine süddeutsche Zeitung gearbeitet, und da fallen neben dem politischen Alltagsgeschäft eben auch kluge Betrachtungen über die Kochkunst, die italienische Handy-Manie, über den Latin-Lover als Muttersöhnchen und über die römische Vetternwirtschaft ab.
Klaus Brills römische Begegnungen sind mit liebevoller Ironie geschildert. Seine Porträts von Berühmtheiten wie dem Papst oder dem umstrittenen Angeklagten bleiben ohne endgültige Verurteilungen, lassen also dem Leser sein eigenes Urteilsvermögen. Anrührend am Ende die Beschreibung der Beerdigungsfeierlichkeiten um Fellini und Marcello Mastroianni. Ähnliche Einsichten in das Wesen der Stadt und ihrer Bewohner geben Rudolph Chimelli über Paris und Wolfgang Koydl über Istanbul. Meistens wird sehr sachlich reportiert, doch wird der Leser nicht selten mit verblüffenden Einsichten oder Kuriositäten konfrontiert. Dass Rolf Osang aus seinem Lissabon mehr fiktive und poetische Funken schlägt, liegt sicherlich daran, dass er kein Journalist ist. Für Lissabon passt seine einfühlend melancholische Art durchaus.
Schade, dass eine der wenigen Frauen in den «Lesereisen» nur einen oftmals sehr albernen und banalen Ton findet, um von Florenz zu schwärmen. Susanne Friedmann zeigt mit ihren «Florentiner Flirts» leider nur einen sehr beschränkten Ausschnitt von Florenz. Sicherlich ist es eine Kunst, die Klischees über berühmte Städte gleichzeitig aufzurufen und gegen den Strich zu bürsten. Den meisten Autoren der Reihe gelingt das spielend und ohne bunte Bildchen.
Perlentaucher.de
Pressenotiz zu : Die Zeit, 16.03.2000
In einer Sammelrezension bespricht Jeanette Stickler drei Bücher, die sich mit dem Vatikan und der Liebe (oder auch Hass-Liebe) zu Rom befassen.
1) Klaus Brill: "Die Köchin, die Pornodiva und der Papst" (Picus Verlag)
Diesen Band streift Stickler zwar nur kurz, dafür mit um so mehr Begeisterung. Seine Reportagen, "ein Kaleidoskop aus Eindrücken und Beobachtungen", sind nach ihren Worten nicht nur von beeindruckendem Unterhaltungswert. Auch ist ihnen Brills Faible für die "Dolce Vita" deutlich anzumerken, wie sie sehr angetan feststellt. Indem Brill der Frage nachgeht, was mit den Münzen aus dem Trevi-Brunnen passiert oder was er - neben einer Mülltonne sitzend - in einer Trattoria-Küche beobachtet, erfahre man allerhand über Rom und das Leben in dieser Stadt.
2) Klaus Brill: "Beim Papst im Zimmer brennt noch Licht" (Picus Verlag)
Stickler ist die Freude, die sie beim Lesen dieses Buches verspürt hat, deutlich anzumerken. Brill schaue hier mit dem Blick des Außenstehenden "durch das Schlüsselloch des Vatikans". Den Papst konnte er nach eigenen Angaben zwar nicht interviewen, dafür aber etliche Mitarbeiter in seinem Umfeld. Und so sei Brill dennoch ein überzeugendes Porträt gelungen. Darauf hat sich der Autor aber keineswegs beschränkt. Sie lobt die Mischung zwischen Bedeutendem und Trivialem, zwischen Geschichte und "Klatsch und Tratsch", der Beschreibung des Vatikans mit seinen archaischen Ritualen und Strukturen und einen gleichzeitig äußerst hohen technologischen Standard. Und manchmal scheint ihr keine Information auch eine Information zu sein. Zum Beispiel dann, wenn der Schneider Gammarelli, "der Armani der Kirchenfürsten", über seine Kundschaft vielsagend schweigt.
3) Margit Knapp (Hrsg.): "Rom" (Wagenbach Verlag)
Stickler stellt zunächst einmal fest, dass sich Italiener in ihrem Urteil über Rom offensichtlich weitaus weniger gnädig zeigen als Außenstehende. So wird denn in Knapps Zusammenstellung aus Romanauszügen, Gedichten und Geschichten italienischer Autoren auch vor allem gejammert. Bei der Frage nach dem "Wieso eigentlich?" fällt der Rezensentin als mögliche Erklärung Pier Paolo Pasolini ein, der Rom für eine - vorsichtig ausgedrückt - sehr widersprüchliche Stadt hielt: Sie sei "die hässlichste, die gastfreundlichste, die dramatischste, die reichste, die elendste."
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