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Bei Tudors unterm Bett
Antonia S. Byatts Roman «Die Jungfrau im Garten»
Fünfzig und noch immer keine Krone. Die Mama durfte sie mit 27 aufsetzen, die erste Elisabeth sogar mit 25, aber für Charles ist das Rennen wohl gelaufen. Und selbst wenn er seinen Nacken doch noch zur Salbung beugt: Nie mehr wird das englische Königtum sein, was es einmal war, damals, als die junge Frau nach gewonnenem Weltkrieg ihre Herrschaft begann; oder damals, als sich die andere junge Frau ihrem Reich vermählte. «Da stand sie, eine makellose, imposante Erscheinung in prunkvoller Robe aus crèmeweissem Atlas mit goldener Rankenstickerei, korallenroten Tressen und einem lässig über die Brust verschlungenen Perlengehänge.»
So stand sie 1575 vor einem unbekannten Maler, und so steht sie noch heute, die rätselhafte Virgin Queen. Die weisse Schöne in ihrem Hilliard-Look, blickt sie hoheitsvoll oder hochmütig, verhärmt oder verschlagen? Der Dramendichter Alexander Wedderburn hat sich für eine Unschuld entschieden, die voller Sinnlichkeit ist. Und trotzdem: Als Alexander sich 1968 ins königliche Porträt versenkt und vor der «makellosen, imposanten Erscheinung» erschauert, weiss er, dass er nun ganz anders über sie schreiben würde anders als 1953, als er zur Krönung der zweiten Elisabeth ein Versdrama über die erste verfasste; ein Versdrama aus schwerem Atlas und voll güldener Rankenstickereien. Zu spät: «Zwar hatte er zuweilen mit dem Gedanken gespielt, den Topos Jungfrau und Garten, England und die Gegenwart moderner, abstrakter zu gestalten, ohne schwärmerische Sentimentalität oder plumpe Ironie. Aber versuchen würde er sich nicht daran.» Die Schöpferin dieses enttäuschten Poeten dagegen durchaus. «The Virgin in the Garden» betitelte Antonia S. Byatt ihren dritten Roman, der jetzt auf deutsch erschienen ist, und er handelt eben davon: von der Virgin Queen und der Jungfräulichkeit, von England im 16. Jahrhundert und in den fünfziger Jahren. Das alles findet wiederum im wilden Garten der englischen Provinz statt, im Kaff Blesford in den Yorkshire Moors.
Grossbritannien im Dorftheater
Die Schriftstellerin zeichnet ein Panorama von Grossbritannien im aufgeregten Krönungsjahr 1953. Das Dorftheater wird zum theatrum Britanniae. Im letzten Eckchen suchen alle noch einmal nach jenem merry old England, das es schon vor dem grossen Morden nicht mehr gab und vielleicht nie gegeben hat. Heftig prallen die Kriegs- und die Nachkriegsgeneration aufeinander, Konvention und Tabubruch, Askese und Dandytum, schöne Worte und schöne Taten. Während die Bewohner von Blesford monatelang Alexander Wedderburns Stück «Astraea» für die Feierlichkeiten vorbereiten, während sie historische Kostüme nähen, altenglische Buchweizenklösse kochen, urwüchsigen Stabwurz anpflanzen und ihre Häuser im Tudor-Look ausstaffieren, tun sie gleichzeitig das, was alle Protagonisten in einem rechten (hier fast 700 Seiten langen) Epos tun: Sie breiten sich aus. Sie träumen, streiten, gehen ihre eigenen Zickzack-Wege aus der Story hinaus und wieder in sie hinein. Allen schenkt Byatt eine eigenständige Geschichte, eine kleine oder grössere Arabeske im Gesamtkunstwerk ihres Textes, im Labyrinth ihres Gartens.
Zum Beispiel dem Rektor der örtlichen Internatsschule: Er ist ein fanatischer Kirchengegner, ein wortverliebter Missionar des Humanismus, der von seinen Kindern «bloss» eins erwartet: dass sie die besten sind. Seine Frau hat all ihre Ambitionen begraben und versumpft in der Ehe; seine ältere Tochter Stephanie flüchtet sich in die Trägheit und unterrichtet als Cambridge-Spitzenabsolventin an der kleinen Provinzpenne, die sie selbst besucht hat; die jüngere, die Abiturientin Frederica, setzt sich mit Wutausbrüchen und Grössenphantasien zur Wehr; und in welche gefährlichen Abgründe sich der jüngste, Teenager Marcus, zurückzieht, wird lange Zeit niemand wissen. Beide Schwestern schwärmen für den scheinbar unerreichbaren Ästheten Alexander Wedderburn, der am Internat ihres Vaters Englischunterricht erteilt. Alexander wiederum, der mit Worten kühn und geschliffen Liebe macht, schreckt immer zurück, wenn's zur Sache geht: Seine langwährende, aber nie vollzogene Liebschaft mit der Frau eines Kollegen erreicht während der Theaterproben von «Astraea» ihren Höhepunkt und ihr bitteres Ende. Stephanie hingegen lernt, zum Entsetzen ihres Vaters, zu dieser Zeit einen energischen Vikar kennen, der von Worten gar nichts hält, dafür um so mehr vom fleischgewordenen Evangelium. Was es mit den Mysterien des Fleisches auf sich hat, erfährt auch Frederica in den überhitzten Monaten, in denen das Theaterstück und sie selbst als Darstellerin der jugendlichen Elisabeth auf die Bühne kommt: Zumindest diese «Jungfrau im Garten» ist ironische Pointe am Schluss keine mehr.
Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden. So heisst es stets in Michael Endes «Unendlicher Geschichte». Antonia S. Byatt indessen scheut sich nicht, jeweils auch die «andere Geschichte» zu erzählen; und sie erzählt sie nicht linear, sondern unterbricht, wechselt den Schauplatz, die Perspektive, um nach drei Schlaufen (was ist die Schlaufe, was die Geschichte?) doch wieder zurückzukehren: zu Marcus und seinem verwirrten Freund, der ihn mit seiner Theorie über parapsychologische Phänomene gefangennimmt. Zu Stephanies zartfühlenden Gedichtinterpretationen und stürmischen Meerspaziergängen. Zu Fredericas intellektuellen Höhenflügen mit und ohne Alexander und ihren sexuellen Abstürzen, ebenfalls mit und ohne Alexander. Zu einer Mutter, deren Kind beim Spielen ums Leben kam. Zu einer anderen, deren Kind Autist ist. Zu einer weiteren schliesslich, deren Baby ständig herumquäkt. Und offensichtlich auch zu sich selbst: «Die Jungfrau im Garten» ist nicht nur ein Roman über Kunst, Theater und englische Identität, sondern auch ein Roman über Byatts eigene Kämpfe als Frau, Mutter und Schwester.
Warten auf den Erfolg
Kein Wunder nach ihrer ehrgeizigen Kindheit in Yorkshire mit einer frustrierten Mutter und einem fernen Vater. Die 1936 als älteste von vier Geschwistern geborene Antonia Susan wollte immer an der Spitze bleiben und wurde in den Sechzigern doch von ihrer jüngeren Schwester Margaret Drabble überholt. Diese avancierte mit «A Summer Bird Cage» prompt zum Lieblingskind der jungen Literaturszene, während Antonia sich mit schmutzigen Windeln und ihrem ersten Roman «Shadow of the Sun» (1964) herumquälte. Byatts Antwort auf Drabbles Schwestern-Studie, der Roman «The Game», verhallte rasch. Dann kam die Scheidung, und bei einem Unfall starb 1972 ihr elfjähriger Sohn, dem «The Virgin in the Garden» (1978) gewidmet ist. Schwere Jahre für die Schriftstellerin, schwere Bücher für die damalige Leserschaft. «It may seem that this novel has old fashioned ideas on character but it is the effort to make characters real that is deliberately old fashioned», verteidigt sich die Proust-Adeptin in einem Interview von 1978, ohne zu ahnen, dass in den Neunzigern die grosse Stunde des Erzählens, ihres Erzählens schlagen wird: 1990 wird die postmoderne Epikerin für «Possession» (dt. «Besessen») mit dem Booker-Preis ausgezeichnet, und heute gehört die 62jährige zu den Grossen der englischen Gegenwartsliteratur.
Gewiss, selbstgefällig ist «Die Jungfrau im Garten» bisweilen schon: klug und penetrant, genau wie Frederica. Der Reiz endloser Beschreibungen von Wahnsystemen und anderen Kunstwerken, die Grazie metapherngesättigter, anspielungsreicher, ironischer Rankenstickereien beides kennt durchaus Grenzen. Trotzdem: Der Verlag hat gut daran getan, sich nach den Übersetzungen von «The Djinn in the Nightingale's Eye», «The Matisse Stories» oder «Angels and Insects», teilweise allzu dünn gestrickten Geschichten, den frühen Romanen der einstigen Literaturprofessorin zuzuwenden. Shekhar Kapurs «Elizabeth»-Vision, welche die Sehnsüchte der Jahrtausendwende bündelt Alexander Wedderburn hat sie vorweggenommen und den Tudors unters Bett geguckt wie die Autorin ihrer eigenen Zeit: Byatts «Jungfrau» ist «serious»; der Vorwurf aus den Siebzigern nicht verkehrt. Aber ist es denn ein Vorwurf? Hier setzt sich jemand wunderbar ernsthaft mit den Gedankenreichen einer Epoche auseinander ernsthaft verspielt, ernsthaft episch und ernsthaft erotisch. Antonia S. Byatt, die «grande dame of English letters», hat ihre Krone verdient. Und einen schöneren Schutzumschlag.
Alexandra M. Kedve
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