Man weiß über Billy Joel im Grunde nicht sehr viel. So sehr er zu den weltweit erfolgreichsten Musikern der letzten fünfzig Jahre gehört, so sehr vermochte er dennoch stets sein Privatleben weitgehend aus der öffentlichen Berichterstattung herauszuhalten. Er ist kein permanentes Boulevard-Thema, rennt nicht über jeden roten Teppich der irgendwo ausgerollt wird und fühlt sich von Blitzlichtgewitter eher abgestoßen als angezogen. Das ist so sympathisch wie erstaunlich, denn seine wiederholten depressiven Phasen mit einhergehenden Alkoholproblemen böten den bunten Blättern der Belanglosigkeiten doch eigentlich den idealen Nährboden.
Wer nun hofft in der Familien-Biographie "Die Joel Story" von Steffen Radlmaier, in der Billy Joel ganz klar die zentrale Rolle einnimmt, endlich mehr über Privatheiten des Rockstars zu erfahren, wird bitter enttäuscht sein. Auch hier findet keine Bespiegelung des wilden Musikerlebens statt. Nicht zuletzt, weil es das in der klischeehaften Vorstellung bei Billy Joel nie gab. Immer wieder klingt sehr deutlich in den im Buch integrierten zahlreichen und ausführlichen, wörtlich wiedergegebenen Gesprächen mit Billy Joel durch, wie sehr er es zwar liebt Musiker zu sein, aber wie sehr er es haßt prominent zu sein und dieses ganze oberflächlich dümmliche Getue drum herum.
Und so erfährt man letztlich doch eine ganze Menge über Billy Joel, über seine Normalität und seine Denkweisen, auch wenn er trotz einiger Begegnungen mit dem Autor den Blick ins Privatteste nicht sehr viel weiter frei gibt als für ihn üblich. Er wirkt in den O-Tönen absolut unverstellt und authentisch, nachdenklich und reflektiert.
Radlmaier gelingt, auch durch Gespräche mit Vater Helmut, Bruder Alexander und Tochter Alexa Ray, ein weiter Bogen, der tatsächlich die gesamte Familie in diese biographische Betrachtung einbezieht. Das Buch beginnt mit der Geschichte von Billy Joels Großvater, Karl Joel, im Nürnberg der 1920er Jahre und seinem Aufstieg zum Versandhaus-Mogul, der durch die Nazis zum Verkauf (an einen aufstrebenden Deutschen namens Neckermann) und Flucht in die USA genötigt und um sein Lebenswerk gebracht wurde. Chronologisch und in aufgeräumt, sachlicher Betrachtung geht es dann über den Vater zum sicherlich ausführlichsten Teil des Buches rund um Billy Joels Lebensstationen, auch derer seines sehr viel jüngeren Halb-Bruders, dem Dirigenten Alexander Joel, bis zu den ersten beruflichen Schritten Billys einziger Tochter.
Radlmaier wahrt in der Betrachtung und Schilderung aller Generationen der Joels, trotz der spürbaren Sympathie die er ihnen entgegenbringt, eine angenehme Distanz und verfällt nicht in beweihräuchernde Star-Anbetung oder weinerliches Mitleid bei den Schilderungen von Schicksalsschlägen, die jede Generation auf ihre Weise erfahren und ertragen musste.
Wenn man das vergleichbare Familien-Epos "Der Mann mit dem Fagott" von Udo Jürgens kennt und gelesen hat, erscheint einem die Sprache in "Die Joel Story" zunächst möglicherweise etwas nüchtern. Da wo Udo Jürgens romanhaft, ebenfalls bei seinem Großvater beginnend, seine Familien-Geschichte flammend, ergreifend und sehr literarisch selbst erzählt, prägt dieses Buch ganz deutlich der Stil eines Betrachters von außen.
Wo Udo Jürgens eben seine Geschichte erzählt und die Geschichte seiner Familie, beschreibt Radlmaier die Familie Joel von außen. All die kleinen Nuancen, die emotionalisierend auf ein solches Buch einwirken, kann nur kennen (wenn er nichts erfinden will) wer sie über Jahrzehnte innerhalb der Familie wieder und wieder von Familienmitgliedern verschiedener Generationen vertraut und selbst gehört hat, oder eben selbst dabei war, als die Dinge geschahen. Diese Nuancen bleiben dem Betrachter von außen zwangsläufig verborgen. So tat der Autor gut daran, sich für den Weg der recht sachlichen, nüchternen Schilderung zu entscheiden. Die Geschichten der Familie Joel, eben die Joel-Story, sind spannend und gewürzt genug und in diesem Buch interessant dargestellt und zusammengefasst.