„Jeckes" - das sind jene deutschen Juden, denen es gelang, bis zur Entfesselung des Zweiten Weltkrieges ins damalige Palästina zu gelangen. Es waren etwa 50.000 Menschen, die aus der Mitte Europas in den Nahen Osten kamen, und es waren vor allem die jungen deutschen Juden, die von zionistischen Idealen angetrieben wurden. Die deutschen Juden machten lediglich etwa 33 Prozent der Einwanderer zwischen 1933 und 1939 aus, doch sie prägten das öffentliche Leben, die Entwicklung des Landes und das Antlitz des 1948 gegründeten Staates Israel wie keine andere Gruppe. Heute ist vieles von dem, was deutsche Juden Israel einem Stempel gleich aufgedrückt hatten, verwischt. So, wie viele im Stil des Bauhauses errichteten Gebäude in Tel Aviv zerfallen, wird auch irgendwann einmal nur ein Schemen dessen zurückbleiben, was deutsche Juden mitbrachten. Noch vor wenigen Jahren war in vielen Straßen und in vielen Cafés in Tel Aviv und Jerusalem Deutsch zu hören, und das Hebräische rollte den Jeckes noch beim Bestellen schwer von der deutschen Zunge, die Heinrich Heine perfekt zitieren, aber einen „Cafe Hafouch" kaum bestellen konnte. Das Antiquariat „Stein" auf der King George Street in Jerusalem, das Antiquariat Pollak und die Buchhandlung Landsberger in Tel Aviv waren die dazugehörigen Fundgruben, hatten doch die Einwanderer aus Deutschland Bücherkisten dabei, in denen sich zugleich der Traum ihres Deutschland befand. Früher fanden sich dort Erstausgaben und Werkausgaben, die gesammelten deutschen Klassiker, Bücher aus den Verlagen der Weimarer Republik, aus dem alten Jüdischen Verlag, von Else Lasker-Schüler und Martin Buber. Heute sind diese Antiquariate mit hebräischen, russischen, spanischen Büchern bestückt, und man muss entweder auf staubigen Dachboden in noch staubigeren Plastiktüten nach den alten Büchern wühlen. Die Jeckes haben Spuren hinterlassen, doch ihre Enkel können kein Deutsch mehr, und heute sind es die orientalischen und die russischen Juden, die nach und nach an Einfluss gewinnen und dieses Erbe der Gründerzeit zu Geschichte gerinnen lassen. Im grellen Licht der israelischen Sonne verblassen die Bücher, vergilben die Fotografien und sind die Spinnweben der Pionierzeit besonders deutlich zu sehen. Genau wie die Falten, die sich in die Gesichter der Jeckes im Laufe der Jahre eingegraben haben. Die zarte Haut der einst jungen Frauen und die rasierwasserverwöhnten Wangen der einst jungen Männer aus Deutschland sind nun ihrerseits Lebensbücher geworden, in denen sich, Kapitel für Kapitel, Ängste, Hoffnungen, Träume, Enttäuschungen, Mühsal, Trauer und nicht zuletzt die vielen Kriege eingegraben haben. Die Gesichter der Jeckes sind zu den ersten israelischen Landschaften geworden. Diese Gesichter sind es zuerst, die den Leser beim Blättern in diesem Buch fesseln. Die Fotografien von Colin McPherson sind außergewöhnliche Porträts, die die Menschen zwar oft in Nahaufnahme zeigen, aber ihnen niemals schamlos zu Leibe rücken, sie sind nicht aufdringlich, denn die Porträtierten haben sich geöffnet, und das ist zu sehen. Knapp 70 Jeckes erzählen ihre Geschichte, und die Herausgeber Weinbaum und Greif haben nicht die Interview-Form gewählt, wie sie gerade en vogue ist, um Zeitzeugenberichte zu transkribieren. Das ist ihnen zu danken, denn so ist ein erzählerischer Redefluss entstanden, der nicht unterbrochen wird, sondern sich gerade wegen der in sich abgeschlossenen Form zu persönlichen Aussagen mit jeweils eigener Note geworden ist. Jeder erzählt seine oder ihre eigene Geschichte, und es liest sich so, dass man die Stimmen fast schon zu hören glaubt. Die Berichte der Jeckes sind vielfältig, und doch ist immer wieder vom schmerzhaften Verlust der einstigen Heimat Deutschland die Rede. Manche der Jeckes sind nie ganz heimisch geworden in Israel, manche wieder haben sich im Kibbuzleben eingerichtet, andere leben in der Stadt, manche machten eigene Läden auf, andere engagierten sich in der Politik. Viele haben ihre Familie in der Schoah verloren. Dieses Geschichtsbuch spannt einen Bogen über das 20. Jahrhundert. Wer es aufmerksam liest - und das sollte man tun! -, der wird einige der Jeckes besonders ins Herz schließen, manchmal mit ihnen lachen oder auch weinen müssen. Viele von ihnen haben die Publikation nicht mehr erleben dürfen, oft, viel zu oft steht unter den Bildern: „Er/sie starb 1998, 1999..." Die knapp 60 Seiten umfassende Einleitung in das Thema ist flüssig und informativ geschrieben. Sie gibt Auskunft über die historische Ausgangssituation im deutschen Kulturkreis und die Auswanderung aus Nazideutschland, die Fremdheit im Orient und die ersten zaghaften Kontakte zu Deutschland nach 1945. Das ganze ist gewürzt mit Anekdoten und Zitaten, die den Text auf angenehme Weise launig machen. Nach den Berichten der Jeckes folgen ein Glossar, ein Personenregister und ein Ortsregister, sodass keine Frage offen bleibt. Das Buch ist rundherum empfehlenswert. Und damit genug der Worte, sagte doch schon Kurt Tucholsky: „Aber das Buch ist nicht geschrieben, damit es besprochen, sondern damit es gelesen wird." Susanne Urban-Fahr, Redaktion TRIBÜNE (zeitschrift zum Verständnis des Judentums)