Enzensberger erzählt chronologisch, wie sich die Idee der Kommune vom Anfang der 60er Jahre an entwickelte, wie sich das Konzept des Zusam-menlebens immer mehr politisierte und wie die Kommune 1 sich schließlich etabliert, fleißig demonstriert und am Ende in Haschischrauch, ML-Gruppen und Psychozirkeln auflöst. Parallel dazu werden die wichtigsten innen- und außenpolitischen Ereignisse der damaligen Zeit, ohne die man die Entwicklung der APO in der Tat nicht verstehen kann, aufgelistet. Für jemanden, der sich mit dem Thema zum ersten Mal beschäftigt, mag das Buch ein erster Einstieg sein, mehr aber auch nicht. Von einem, der dabei war, von einem, der zu einer Bewegung gehörte, die - mit gutem Grund - sich als kritisch gegenüber der Gesellschaft, in der sie lebte, verstand, kann der Leser mehr erwarten als eine unendliche Abfolge von Fakten (Demos, Prozesse, Happenings). Die analytische und (selbst-)kritische Tiefe des Buches ist gleich Null.
Zwei konkrete Kritikpunkte:
Man erfährt so gut wie nichts darüber, was innerhalb der K1, d.h. zwischen ihren Mitgliedern vor sich gegangen ist. Sie schienen sich ausschließlich außerhalb ihrer vier Wände auf irgendwelchen Demos rumgetrieben zu haben. Ich rede hier nicht von Diskussionen, wer den Abwasch zu machen hat, oder über irgendwelche Bettgeschichten (ein vermutlich eher tristes Kapitel...), aber die Kommune ist ja mit dem hohen Anspruch angetreten, auf politische Weise die Beziehungen zwischen ihren Mitgliedern grundlegend, d.h. in Richtung mehr Freiheit, zu verändern. Da ist man schon gespannt, wie die Kommunarden und Kommunardinnen das angegangen sind und was sie erreicht oder nicht erreicht haben. Aber da ist nur gähnende Leere.
Am schlimmsten ist aber eine politische Naivität, die schon 1968 erstaunlich war (der Rezensent schließt sich ein!), die aber heute völlig unerklärlich für jemanden ist, der auch nur regelmäßig eine Tageszeitung liest. Dass man sich für 1966/67 für die Kulturrevolution begeisterte und sich in Ost-Berlin die roten Büchlein aus der chinesischen Botschaft abholte, mag noch als Provokation des "Establishments" durchgehen, obwohl es uns auch damals gut angestanden hätte, wenn wir wenigstens 10% des kritischen Verhaltens, das wir deutschen Politikern gegenüber an den Tag legten, auch kommunistischen Diktatoren gegenüber geäußert hätten. Aber wie kann man HEUTE so etwas ohne die geringste Selbstkritik beschreiben, als ob die Roten Garden ein paar antiautoritäre Streiche gespielt hätten und nicht Tausende erniedrigt, gefoltert und getötet hätten - und zwar nicht in erster Linie Konterrevolutionäre, wie wir gerne geglaubt haben, sondern "Genossen"? Wie kann man HEUTE von einem Kaufhausbrand (in Frankfurt) schreiben, dass er ja schließlich nur Sachschaden verursacht habe (zufälligerweise, muss man hinzufügen), obwohl man weiß, was aus der damals losgetretenen Gewaltlawine in den 70er Jahren geworden ist?
Enzensberger ist anscheinend über die 70er Jahre nicht herausgekommen: Der Radikalität der Kritik der westlichen Industriegesellschaft entsprach schon damals eine erschreckende Kritiklosigkeit gegenüber allen linken Autoritäten und der eigenen Bewegung. Das hat uns damals nicht gerade glaubwürdiger gemacht. Diesen Fehler sollten wir uns aber HEUTE nicht mehr leisten.