Bei Tonga und Fidschi, nahe Tuvalu und Samoa, Bora Bora und Tahiti grüßen von der Ferne, Südsee und Exotik, türkisblaues Meer, Träume von Wärme, von Sonne und von Fruchtbarkeit, kommen wir dem Stereotyp des Paradieses doch ziemlich nahe. Es bedarf schon eines Umberto Eco, uns die Giftschlangen und Kannibalen in Erinnerung zu rufen.
Dort, mehr oder weniger bei den Längen der 180sten, liegt irgendwo denn auch die Datumsgrenze, die für den vorliegenden Roman sowie seinen Titel "Die Insel des vorigen Tages" ihre nicht unbedeutende Rolle spielt.
Die Hauptrolle jedoch übernimmt Roberto de La Grive, ein sich von Umberto Eco erdachter Zeitgenosse des 17. Jahrhunderts aus norditalienischem Landadel - Umberto Eco, der mal wieder so tut, als handele es sich bei seinem Roberto um eine reale Person jener Tage. (Was bei den Phantasiegestaltungen der zusammengewirkten Handlung allerdings leicht fällt, es nicht zu glauben.)
"Und doch erfüllt mich meine Demütigung mit Stolz, und da zu solchem Privilegio verdammt, erfreue ich mich nun gleichsam einer verabscheuten Rettung." Wo sind wir denn?, wenn es sprachlich so beginnt, womöglich in diesem Stile fortsetzt? "Ich glaube, ich bin seit Menschengedenken das einzige Wesen unserer Gattung, das schiffbrüchig ward geworfen auf ein verlassenes Schiff." Sogleich nimmt uns unser Literaturbegleiter - ist es jener unbekannte Ich-Erzähler?, ist es Herr Eco höchstpersönlich? - bei der Hand und weist auf den "unverbesserlichen Manierismus" hin: jene barockartige Manier, die sich in den Zeiten, die auf die Renaissance folgten, in Malerei, Architektur, Bildhauerei, Musik- und Sprachstil als fast eigenständige Kunstform einfand.
"Seit wie vielen Tagen war er auf den Wellen getrieben, an ein Brett gebunden, tagsüber mit dem Gesicht nach unten, um nicht von der Sonne geblendet zu werden, den Hals unnatürlich verrenkt, um kein Wasser in den Mund zu bekommen, verätzt von der Salzlauge, sicherlich fiebernd?" Die Geschichte beginnt mit einem außergewöhnlichen Schiffbruch. Außergewöhnlich und nicht wenig anspruchsvoll ist auch der Aufbau der Handlung, wie ihn Umberto Eco zu unser aller Anstrengung strukturierte.
Schiff, Schiffbruch, Schiff und Insel. Von der "Amarilli" auf die "Daphne". Rückblenden, Erinnerungen: Erbfolgekrieg im Piemont, Duelle und kriegerische Auseinandersetzungen. Phantasien und Verluste. Paris zu Zeiten von Richelieu und Mazarin. Colbert. Verrat, Anschuldigungen, Erpressung und Auftrag. Spion im Dienste seiner Majestät, des Königs von Frankreich, bzw. des statthaltenden Kardinals. Christliche Seefahrt, unchristliche Eroberung der maritimen Welten. Vom Atlantik zum Pazifik, von der Nordsee in die Südsee. Liebesbriefe an Lilia. Das sind die abenteuerbezogenen Zugaben des Romans. Und dazu: Navigationswissenschaften und viel Philosophisches.
Es geht um die Ermittlung der Längengrade, die, neben der schon bekannten Feststellung geografischer Breiten, die zweite unabdingbare Säule bildet, um die Zielfindung auf Seereisen zu perfektionieren. Mit allerhand Tricks, die teilweise ins Absurde reichen, ist man auf vermeintlichen Wegen dabei Fortschritte zu erzielen.
Ein Orkan. Der Schiffbruch. Aus der Traum. Die Datumsgrenze, die rund dreihundert Jahre später einem literarischen 80-Tage-Reisenden einen zusätzlichen Tag zum Gewinn einer Wette verschaffen wird, liegt vor den Augen unseres Helden. Und gegenüber ihm: Die Insel des vorigen Tages. Doch wer an dieser Stelle einen historischen Zeitreiseroman erwartet, liegt voll und ganz daneben.
Und dass es sich letztlich um keine Zeitreisegeschichte handelt, ist vielleicht genau die Krux, die Ecos Erzählung zum Nachteil gereicht. Die spannende Idee, direkt am Meridian der Datumsgrenze hingestrandet, aufgelaufen, schiffsgebrochen, angespült zu sein, wird nicht genutzt. Was hätte man daraus nicht alles machen können?
Stattdessen: Wunderliche Dinge, Kuriositäten, Phänomene. Auf einem Narrenschiff ins Paradies des Südens. "Die Tage verliefen gleichförmig. Wie Mazarin vorausgesehen hatte, konnte Roberto sich nur mit den Leuten seines Standes unterhalten. Die Seeleute waren finstere Gesellen, bei denen man erschrak, wenn man einem von ihnen nachts an Deck begegnete. Die Reisenden waren hungrig und krank und beteten an einem fort."
Umberto Eco lässt keinen barocken Zeitgenossen aus. Weder die zeitgeistigen Philosophen, noch die schreibenden Kollegen jener Epochen, weder die politischen Drahtzieher noch die Eroberer und Entdecker. So findet sogar einer meiner Lieblinge, der unsägliche Seeoffizier William Bligh (der von der Bounty) kurzen Einlass auf "Die Insel des vorigen Tages".
Es blieb letztlich noch die Frage, ob es nicht richtiger "des vorherigen Tages" hätte heißen müssen. Nachdem Recherchen ergeben haben, dass es zwischen "vorigen" und "vorherigen" keinen Bedeutungsunterschied gibt, und "vorigen" lediglich die Kurzform von "vorherigen" darstellt, sind wir dankbar um so erfolgte Kürzungen. Da Buch hat damit exakte den rechten Umfang und ist um keine Seite zuviel geraten.