Als ich vor einigen Jahren fasziniert war vom Buch 'Korrekturen' des amerikanischen Autors Jonathan Franzen, stellte sich mir die Frage, wer schreibt heute in Deutschland noch so gewaltige, umfangreiche, große (im doppelten Sinn) Romane. Und ich fand zunächst keine Antwort. Umso überraschender das Buch 'Die Insel'. Ja, dieser Roman ist gewaltig, eine wuchtige, über eintausend Buchseiten lange Prosa.
Matthias Wegehaupts fiktive Insel ist ein Mikrokosmos, der als Insel ein Spiegelbild der nicht mehr existenten Deutschen Demokratischen Republik ist. Atemberaubend wie hier der Alltag der DDR geschildert wird: Es wird gesprochen wie in der DDR, gesoffen wie in der DDR, getauscht und gehandelt wie in der DDR, die Obrigkeit ausgetrickst wie in der DDR. Hauptfigur Unsmoler, ein Künstler, ein Maler, den die Wirren des letzten Weltkrieges zusammen mit Großmutter, Mutter und Bruder auf diese Insel verbracht haben, ist ein Unangepasster, der sich an der Staatsmacht reibt und sie sich an ihm. Unangepasst, starrköpfig kompromisslos, zuweilen eigenbrötlerisch daherkommend, und doch sympathisch, ist er einer von vielen Inselbewohnern.
Den Figuren Namen wie Unsmoler (unser Maler), Deifine (die Feine), Delphine oder Bärenhäuter und Herr Akkurat zu geben, ist ein guter Einfall des Autors, der den Text lebendig macht und ihm eine großartige Echtheit verleiht. Mit einem lebensprallen Figurenensemble wird in vielen kleinen und großen Geschichten Alltägliches im Arbeiter- und Bauern-Staat nachgezeichnet, mit all seinen Grautönen, dem 'Zwischen-den-Zeilen', dem Kummer und Sorgen, Freuden, dem Humor und Witz der Insulaner, Skurilem und einer zarten Liebe.
Matthias Wegehaupts SED-Inselchef, Herr aller Inseluntertanen, möchte den neuen sozialistischen Menschen die Insel als Ferienoase herrichten, doch was als Paradies versprochen war, endet schnell an Zäunen und einer scharf bewachten Seegrenze, für manchen tödlich. Doch auch wenn dem Leser möglicherweise Unsmolers Verschwinden von der Insel und sein weiterer Weg abenteuerlich daherkommen, unglaubwürdig ist es nicht ' denn auch das konnte DDR sein: Unvorhersehbares, vom Zufall abhängig schier Unglaubliches.
Matthias Wegehaupt ist ein genauer Beobachter und hervorragender Erzähler, der an seinem Roman von 1970 bis 1989, auf der Insel Usedom lebend, geschrieben hat. Heimlich geschrieben hat, muss man dazu setzen. Wie seine Figur Unsmoler war Matthias Wegehaupt einer, der sich schwer tat mit dem politischen System DDR. Der Künstler Matthias Wegehaupt, 1938 in Berlin geboren, war nach Kunststudien in Greifswald und Berlin-Weißensee wegen nonkonformistischer Bilder in das Visier der Staatssicherheit geraten.
Das mehrere tausend Seiten umfassende Manuskript versteckte er unter den Dielen seines Ateliers, um sich und seine Familie zu schützen und erst 2005 erscheint dann 'Die Insel', ein autobiographisch gefärbter, fabelhafter Roman, dem der Heidenreichsche Imperativ gebührt: Lesen!