Es ist ein unrühmliches Kapitel in der Geschichte Kolumbiens. Im Jahre 1941 schloss dieses lateinamerikanische Land im Kampf gegen die Achsenmächte mit den USA ein Geheimabkommen. Eine "Schwarze Liste" wurden eingeführt. Wer auf dieser Liste stand, deutsche Juden und deutsche Nazis, wurde auf Grund von Denunziationen, von Vorurteilen und Gerüchten interniert, zum Verlust der bürgerlichen Existenz verurteilt.
Das ist der Stoff, aus dem der 37-jährige kolumbianische Autor Juan Gabriel Vásquez einen aufregenden, einen faszinierenden Roman, eine Geschichte über die Schattenjahre in Kolumbien, gemacht hat. Ein Buch über einen Verrat und seine Folgen, über die schreckliche "Tortur der Listen", über menschliche Schicksale und eine besondere Vater-Sohn-Beziehung. Darüber schreibt er sozusagen einen Roman in einem Roman - in vier Kapiteln mit den programmatischen Titeln: "Das unvollendete Leben", "Das zweite Leben", "Das Leben gemäß Sara Guterman" und "Das geerbte Leben" sowie ein Nachwort.
"Ein Leben im Exil" heißt das Buch, das der jungen Journalist Gabriel Santoro veröffentlicht hat. Eher eine Chronik, die auf Gesprächen mit der aus Deutschland geflohenen Jüdin Sara Guterman, einer Freundin der Familie Santoro, beruht. Das Buch wird überaus gelobt, nur der Vater des Autors, ein angesehener Jurist und Rhetorikprofessor, schreibt einen fatalen Verriss. Sein Urteil über das Buch des Sohnes: "Das ganze Buch deutet auf mich. Es ist ein Buch über das Leben der Deutschen und was die Deutschen während des Krieges durchgemacht haben. Ich bin ein Teil davon... das Buch ist ein Attentat gegen mich." Dieser sich daraus ergebende Vater-Sohn-Konflikt nimmt dramatische Formen an und birgt ein dunkles Geheimnis. Das Buch, das uns jetzt vorliegt, ist sozusagen die "Fortsetzung" des Buchs im Roman. Und sein Autor damit ein "Testamentsvollstrecker".
Raffiniert verknüpft der Autor die Geschicke der handelnden Figuren zu einem einzigartigen Tableau realer und fiktiver Geschehnisse. Denn einst waren sie Freunde, Gabriel Santoro sen., Enrique Deresser und Sara Gutermann - bis es zu einem unheilbaren Bruch kommt. Enriques Vater Konrad steht plötzlich auf der "Liste", wird in das berüchtigte Hotel Sabaneta interniert - mit unsagbaren Folgen für Leib und schließlich Leben. In welchem Zusammenhang mit Santoro sen. steht diese Internierung? Verrat, Denunziation? Der Vater war an der Erstellung der Listen maßgeblich beteiligt. Nicht nur Konflikte und Abhängigkeiten zwischen den Menschen mit ihren Albträumen und Ängsten, auch moralische Verantwortung, Schuld und Sühne stehen jetzt in der Diskussion. Den Kampf mit den Schatten der Erinnerung kämpfen alle, aber aus verschiedenen Perspektiven. Auch die Opfer. Ihre Leiden sind unermesslich bis hin zu Selbstauslöschung.
Juan Gabriel Vásquez hat eine ausgewogene Darstellung dieser vielschichtigen Problematik gefunden. Der Schriftsteller, den man mittlerweile mit Garcia Márquez und Vargas Llosa - er bezeichnet Vásquez als "eine der originellsten neuen Stimmen der lateinamerikanischen Literatur" - vergleicht, hat einen äußerst komplexen, kunstvoll konstruierten, einen meisterhaften Roman in einer sehr geschmeidigen Prosa geschrieben.