Aus der Amazon.de-Redaktion
Mediengeschichten und Medientheorien haben gegenwärtig Konjunktur -- kein Wunder, leben wir doch nach einhelliger Meinung in einer so genannten Mediengesellschaft. Doch das Verhältnis zwischen Mensch und Medien erscheint auch heute immer noch reichlich unaufgeklärt. So ist einer beliebten These zufolge der unaufhaltsame Aufstieg der Medien in der Moderne mit bedrohlichen Verlusten für den Menschen verbunden. Je stärker die Wirklichkeitsbilder und Identitätsmodelle der Medien in das Bewusstsein treten, desto unsicherer erscheinen menschliche Erkenntnis und Wahrnehmung, desto fragmentierter und instabiler tritt das moderne Individuum sich selbst und anderen gegenüber.
Doch dieser Befund, so weist Stefan Rieger in seiner imposanten Darstellung über Die Individualität der Medien nach, ist das nachhaltige Resultat einer für die Moderne bestimmenden Rhetorik, die Mensch und Medium in ein ganz spezifisches Verhältnis fassen will. Die gegenseitige Abhängigkeit der Begriffe und der Vorstellungen, die sich damit verbinden, bezeugen, so Rieger, dass "die fragmentierte Gestalt, die dem Menschen krisenhaft für die Moderne immer wieder attestiert wird, ebenso ein Diskurseffekt ist wie seine Ausrichtung an Ganzheit, Geschlossenheit und Integrität". Was Rieger besonders interessiert, ist die seltsame Komplizität von Anthropologie und (Medien-)Technik in der Moderne, die den Menschen selbst zum Medium wissenschaftlicher Diskurse und Versuchsanordnungen werden ließ. Mit dem Ergebnis, dass der Mensch seit der Zeit Goethes anhand der Leistungen von Medien als Mensch vermessen, beurteilt und gewertet wird: "es sind Medien, nach deren Kriterien die Rede über den Menschen erfolgt".
Riegers fulminante historische Medienanthropologie der Moderne versucht, anhand einer Fülle von Beispielen aus den unterschiedlichsten Feldern -- von der Psychologie über die Soziologie bis hin zur Literatur und Kunstgeschichte -- die vergessenen und unbewussten kulturellen Kodierungen sichtbar zu machen, die den Begriff der Medien und ihr Verhältnis zum Menschen heute bestimmen. Der Verweis auf Michel Foucaults Archäologie der Humanwissenschaften in Die Ordnung der Dinge mag zunächst reichlich unbescheiden erscheinen, doch die eingehende Lektüre von Riegers anspruchsvoller und materialreicher Untersuchung ist in jeder Hinsicht der Mühe wert. Die Individualität der Medien ist ein wesentlicher Beitrag zur Kulturgeschichte der Mediengesellschaft. --Peter Schneck
Kurzbeschreibung
Die Individualität der Medien ist ein aktueller Beitrag zur Diskussion um die neuen Medien. Unternommen wird der Versuch einer medienwissenschaftlichen Fundierung der Kulturwissenschaften oder umgekehrt einer kulturwissenschaftlichen Fundierung der Medienwissenschaften. Dabei werden Anthropologie und Technikentwicklung nicht gegeneinander ausgespielt, sondern in vielfacher Weise miteinander verbunden. Am historischen Material und in der Theorie wird gezeigt, wie technische und anthropologische Aussageformen in einem wechselseitigen Bedingungsverhältnis stehen und - im historischen Rückgriff - immer schon standen.