Gut gemeint - ist etwas ganz anderes als gut gemacht. Das dachte ich immer wieder beim Lesen dieses Buches. Die beiden Autoren treten an, um eine Begegnung zwischen zwei Disziplinen, der Psychoanalyse (PA) und der Neurowissenschaft zu leben und um zu sehen, "was andere Gebiete die Psychoanalyse lehren können". (Vorwort) Beim Lesen habe ich aber immer mehr den Eindruck gewonnen, dass es eher einseitig darum geht, zu zeigen, was die Psychoanalyse (Freud, Lacan) schon lange gewusst hat, denn aufzunehmen, was die neuen Erkenntnisse der Hirnforschung für die PA bedeuten.
Zu Beginn werden Erkenntnisse der Hirnforschung über die Plastizität des Gehirns vorgestellt, dicht und in einer Sprache, von der jemand, der mit den Themen noch nicht vertraut ist, nicht profitieren kann. Noch dazu unterlaufen Fehler wenn (am Beispiel von Kandels Aplysia) nicht korrekt zwischen Konditionierung und Sensitivierung unterschieden wird. (S 69f.). Die Auseinandersetzung mit der Hirnforschung wird im gesamten Buch (fast) ausschließlich auf das Thema Plastizität reduziert, ungewürdigt bleiben andere für Lernen und die PA bedeutsame Erkenntnisse der Hirnforschung zB. über die Entwicklung und Rückentwicklung der Vernetzung bestimmter Hirnareale in dafür kritischen Lebensphasen; über Wahrnehmung als einem Vorgang, bei dem das Wahrgenommene nicht als Einheit sondern über viele Teilaspekten aufgenommen wird; über die parallele Verarbeitung von Informationen im Gehirn oder über die Konstruktion(!) von Erinnerung und Wirklichkeit. All diese Aspekte würden die im Buch wiederholt verwendete Darstellung, dass Wahrnehmungen der äußeren Wirklichkeit (gleichsam auf lineare Weise) Spuren im Gehirn hinterlassen, zwar nicht als falsch aber als zu sehr vereinfachend ausweisen. Mit dieser vereinfachenden Sicht wird aber weiter argumentiert wenn Vermutungen über das Entstehen der unbewussten inneren Wirklichkeit angestellt werden (Das Unbewusste im Unbewussten!). Dabei zieht sich als Roter Faden das Anliegen durch, die psycho-analytische Triebtheorie zu bestätigen und jedenfalls auch eine Trennung zwischen der psychischen Sphäre und der Sphäre des materiellen Gehirns durchzuhalten. Gerade diese Trennung ist aber heute nicht mehr haltbar, weist die Hirnforschung doch nach, dass alle Gedanken und jedes Gefühl auf Vorgängen in Netzwerken des Gehirns beruhen! Den Gipfel der Trennung der Ebene des Psychischen von der organischen Ebene bildet dann die Aussage, dass es eine innere Wirklichkeit gibt, "die anderen Gesetzen gehorch...(t), als denen der materiellen physikalischen und biologischen Wirklichkeit". (S. 195) Der "unbewegte Beweger" lässt grüßen...
Auch dort, wo psychoanalytische Konzepte vorgestellt werden, wird eine Sprache verwendet, die ebenfalls kaum verständlich ist. Das psychoanalytische Theoriengebäude wird nicht in Frage gestellt. Ich musste wiederholt an den Ärger und Spott von Karl Kraus über die Psychoanalytiker denken, wenn die Autoren nicht müde werden zu betonen, dass das Unbewusste (per definitionem) das Ungewusste umfasst und sie im nächsten Atemzug daran gehen, detailliert zu erklären und auch in einem linearen Modell aufzeichnen, wie genau dieses funktioniert. Was für die gewöhnlichen Menschen gilt, gilt eben nicht für Psychoanalytiker - sie sitzen mit ihrer Methode der ex-post In-terpretation halt am längeren Hebel...
Ich denke, die Herausforderung einer Begegnung zwischen Hirnforschung und PA besteht nicht darin, dass die ältere Disziplin die neuere Wissenschaft bestätigt sondern umgekehrt, dass Analytiker und Therapeuten daran gehen, die Erkenntnisse der Neurowissenschaft zu studieren und kritisch zu prüfen, welche ihrer lieb gewordenen (aber empirisch oft nicht abgesicherten) Konzepte im Lichte der neuen Erkenntnisse noch haltbar sind und welche nicht - und daher aufgegeben werden müssen! Weiters gilt es unverzüglich, Erkenntnisse der Hirnforschung in die eigene (therapeutische) Arbeit einzubauen! Der Genialität Freuds, der wesentliche Phänomene erkannt hat, tut es keinen Abbruch, wenn heute mit neuen Methoden präzisere Erkenntnisse über das Gehirn (und damit über die Psyche) gewonnen werden. Er selbst hat ja die Metapher verwendet, dass man das (sichtbare) Gerüst nicht mit dem Bauwerk verwechseln soll!
Ich habe mich beim Lesen dieses Buches immer wieder geärgert, habe mir gedacht, dass es besser wäre, das Buch wegzulegen und eines zu lesen, das mir neue Erkenntnisse bringt statt Spekulationen zu folgen. Es muss wohl ein gewisser Masochismus mitgespielt haben, dass ich mich bis zum Schluss durchgequält habe...