Was berechtigt Ökonomen dazu, zu Themen Stellung zu nehmen, die weit über die ökonomische Modellbildung hinausreichen? Im Falle des Nobelpreisträgers Amartya Sen sicher zweierlei: Zum einen, dass sein Modell sich immer schon um eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Realitäten bemühte, beispielsweise in Fragen des Hungers oder der 100 Millionen "missing woman" auf diesem Globus. Zum anderen, dass er über ein explizit philosophisches Grundgerüst und Menschenbild verfügt. Insofern findet auch das Buch "Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt" eine Legitimation in seinem ökonomischen Gesamtwerk.
Aufbau und Inhalt des Buches
Das Menschenbild von Sen kommt gleich zu Beginn des Buches zum tragen: Nämlich in der zentralen These, dass aus der Leugnung der Pluralität menschlicher Identitäten, "die sich überschneiden und allen eindeutigen Abgrenzungen entgegenstehen" (S. 32) das gemeinsame Menschsein brutal (im wahrsten Sinne des Wortes) in Frage gestellt wird. Die schlimmste Beeinträchtigung sieht Sen im Beharren auf einer "alternativlosen Singularität" (a.a.O.) menschlicher Identität. Wenn Menschen auf die alleinige Zugehörigkeit zu einer Religion, Nation oder auch Klasse reduziert werden, führt das für ihn unweigerlich zur Leugnung von Vernunft und Wahlfreiheit. In neun Kapiteln, denen entsprechende Vorlesungen zugrunde liegen, knüpft er damit auch an klassische ökonomische Überlegungen an.
Was heißt für Sen "Identität"
Dass Menschen Mitglieder verschiedener (sozialer) Gruppen mit daraus folgenden Loyalitäten sein können bedeutet für Sen, dass sie verschiedene Identitäten annehmen können. Dabei erfolgt in unterschiedlicher Weise eine Identifikation mit Gruppen oder anderen Menschen. Die Gewichtung der einzelnen Identitäten im Sinne der Bedeutungszuschreibung ist dabei für Sen jeweils ein Willensakt. Sen unterscheidet dabei weiter zwischen der Selbstzuschreibung von Identitäten und der Fremdzuschreibung, also wie andere gesellschaftliche Gruppen die heterogenen Zugehörigkeiten definieren.
Die Bedeutung von Religionen und Kulturen für die Identität
Es gibt eine kulturell und religiös reichhaltige Tradition demokratischer Diskurse oder von Instrumentarien zur Konfliktbewältigung. Demokratie ist insofern keine Erfindung "westlicher" Kulturen. Aber auch die westliche Wissenschaft stützt sich auf einen "kulturellen" Traditionszusammenhang und ist für Sen das "Erbe der gesamten Menschheit" (S. 68). Insofern gilt der kulturelle Zusammenhang ebenso für die Leistungen im Bereich der Naturwissenschaften und Technik. Vor allem jedoch ist er für das gelingende Leben der einzelnen Menschen zentral.
Kulturelle und religiöse Einbindung bedeutet für die einzelnen Menschen, eine "Zweite Heimat" zu haben. Trotz der Gegebenheit einer kulturellen Heimat darf man für Sen nicht über-sehen, dass sie von Seiten der Individuen immer wieder als Willensakt bestätigt werden muss. Die Freiheit der Menschen darf also nicht dadurch negiert werden, "daß man der Kulturbewahrung unbesehen den Vorrang einräumt" (S. 125). "Es ist offensichtlich keine Ausübung kultureller Freiheit, in eine bestimmte Kultur hineingeboren zu sein, und etwas zu bewahren, womit ein Mensch qua Geburt gekennzeichnet ist, kann an sich kaum als Ausübung von Freiheit gelten" (S. 127).
Missachtung und Reduktion der kulturellen Identitäten von Menschen
Es gibt für Sen nun zwei Arten der Reduktion dieser Identitäten: Einerseits eine "Missachtung" der Identität im Sinne einer Ignoranz. Andererseits eine Reduktion von Menschen auf eine "singuläre Zugehörigkeit" (S. 34f), wie sie vor allem in Huntingtons Theorie zum Ausdruck kommt.
Ad 1) Die Missachtung führt für Sen zum "rationalen Narren", der in der mikroökonomischen Theoriebildung zumeist als Modell des "homo oeconomicus" angenommen wird. Hier wird der Mensch und seine Vernunft so modelliert, dass er zielstrebig und strikt eigennützig seine Ziele verfolgt. Empirisch lässt sich gegenüber diesem Modell immer wieder anführen, dass rationales Handeln weiter gefasst werden muss. Menschliche Rationalität ist vor allem da-durch, das individuelle Handeln von anderen Menschen oder Gruppen und ihren Werten beeinflusst wird, sehr viel umfangreicher.
Ad 2) Auch die "singuläre Zugehörigkeit" geht von falschen Prämissen aus. Menschen gehören real vielfältigen Gruppen und unterschiedlichen Kollektiven an, die ihre Identität prägen. Die Bedeutung, welche Menschen dabei den verschiedenen Angeboten zumessen heißt für Sen in der Praxis Entscheidungen darüber zu treffen und die Vernunft zu gebrauchen. M.a.W.: "Weil die alternativlose Singularität die Welt nicht angemessen beschreibt, beschneidet sie unser politisches und gesellschaftliches Urteilsvermögen in schwerwiegender Weise" (S. 32).
Kulturelle und ökonomische Globalisierung
Ist Globalisierung "an sich" schlecht? Für Sen ist diese kritische Frage verkehrt gestellt. Aber auch das (ökonomische) Argument in dem Sinne, dass es allen am Welthandel beteiligten Personen besser gehe, als denen, die nicht an den globalen Märkten beteiligt sind, lässt Sen nicht gelten. "Auffallend ist die merkwürdig verbreitete Annahme, es gebe so etwas wie 'das Marktergebnis', unabhängig davon, welche Regeln für private Unternehmen, staatliche Maß-nahmen und Nonmarket-Institutionen mit der Existenz von Märkten kombiniert werden". Mehr Bedeutung noch haben die global sehr unterschiedlichen Eigentumsformen, Ressourcenverfügbarkeiten und Verfahrensregeln. Erst in Abhängigkeit von diesen Bedingungen "wird Marktwirtschaft bestimmte Preise, Terms of Trade, Einkommensverteilungen und generell sehr unterschiedliche Gesamtergebnisse hervorbringen" (S. 145). Ergebnisse, die entweder die Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum und Partizipation im Rahmen der Kultur ermöglichen, oder in der dauerhaften Deprivation von Menschen enden.
Eine eindeutige "Kritik" ökonomischer Verwerfungen und eine politisch gestaltete Globalisierung kann zur Verbesserung der Beziehungen und Lebensbedingungen aller Menschen beitragen kann. Umgekehrt kann für Sen ökonomische Ungleichheit in Form von Armut erheblich zur "terroristischen Gewalt" beitragen, indem absolute Armut ein Rekrutierungspotential für religiöse und sonstige Fundamentalisten schafft. Mit diesem Argument schließt sich auch ökonomisch der Kreis, keinen Krieg der Kulturen vorzufinden. Dabei bleibt für Sen der Zusammenhang von Hunger und dem Gefühl von (ökonomischer) Ungerechtigkeit mit Ausbrüchen von Gewalt weder linear-kausal, noch eindeutig. "Armut kann nicht nur mit wirtschaftlicher Schwäche einhergehen, sondern auch mit politischer Hilflosigkeit" (S. 151).
Fazit und Anmerkungen
Mit der Betonung der individuellen Willensfreiheit und die Wahlakte knüpft Sen als Ökonom unmittelbar an sein Hauptwerk "Development as Freedom" (dt. "Ökonomie für den Menschen) an. Er wendet sich dabei explizit gegen einen Multikulturalismus als Kulturrelativismus, wie ihn beispielsweise die Strömung des "Kommunitarismus" vertritt. "Die Wichtigkeit der kulturellen Freiheit bedeutet nicht, daß man jedwede Form kulturellen Erbes feiert, ungeachtet dessen, ob die Betroffenen sich aus freien Stücken für die entsprechenden Praktiken entscheiden würden, wenn sie die Möglichkeit hätten, diese kritisch zu prüfen, und über andere Optionen und die tatsächlich vorhandenen Wahlmöglichkeiten hinreichend informiert wären" (S. 124). Er wendet sich weiter, am konkreten Beispiel der Integrationspolitik von Großbritannien, seiner Wahlheimat, gegen eine "Föderation von [kulturellen] Gemeinschaften", indem er von einer Gesamtheit der Menschen in einer Nation ausgeht, die, bei mannigfaltiger Unterschiedlichkeit, auch Gemeinsamkeiten verbinden (S. 128). Und schließlich gilt seine Kritik der Umdeutung sozialer Problemlagen in religiöse oder kulturelle bzw. ethnische Schwierigkeiten.
Es stellt sich, als einer der wenigen Kritikpunkte an diesem Buch die Frage, ob der Identitätsbegriff zumindest in der deutschen Übersetzung glücklich gewählt ist. Personale Identität bezeichnet in der Philosophie die Übereinstimmung von Personen mit sich selbst gerade durch unterschiedlichste Rollenanforderungen hindurch. Als "soziale Identität" im Sinne der Gesamtheit an Rollenerwartungen meint dieser Begriff sicher das, was Sen damit bezeichnet. Doch bei Sen wird er im Sinne einer individuell selbst gewählten Identifikation mit bestimmten Anschauungen oder Ideen verwendet. Insofern müsste man eher von unterschiedlichen Facetten der (personalen) Identität sprechen, denn es geht im Regelfall um gewählte Gruppenzugehörigkeiten, Rollenerwartungen und -anforderungen sowie geteilte Loyalitäten. Auch die Unterscheidung von Religion und Kultur wird nirgends explizit gemacht. Religionen sind zwar immer kulturell geprägt, gehen jedoch nicht in den Kulturen auf.
Als letztes schließlich bleibt kritisch anzumerken, dass die Widerlegung der These Huntingtons eher implizit verläuft.
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