Aus der Amazon.de-Redaktion
Chantal, zum zweiten Mal verheiratet, hat in ihrer ersten Ehe ihren Sohn verloren und sucht jetzt bei Jean-Marc Rückhalt. Eines Tages stellt sie erstaunt fest, daß die Männer auf der Straße aufgehört haben, ihr hinterherzusehen. Da fängt sie an, über das drohende Alter nachzugrübeln. Jean-Marc möchte ihr über ihre Depression hinweghelfen und schickt ihr einen anonymen Brief. Doch die Geschichte entwickelt sich völlig anders, als er es erwartet hatte. Chantal hält den Brief geheim und beide beginnen, sich gegenseitig zu belauern.
Kundera spielt virtuos mit den Möglichkeiten der unterschiedlichen Identitäten in wunderschön gedrechselten Sätzen. --Manuela Haselberger
Neue Zürcher Zeitung
Der Globalschriftsteller
«Die Identität»: Milan Kundera synthetisiert Geheimnisse
Ist der Schriftsteller Milan Kundera unterwegs vom Besonderen zum Allgemeinen, vom Akzidentiellen zum Essentiellen, von der Geschichte zum Sein? Vergegenwärtigt man sich die Titel seiner Romane, drängt sich diese Vermutung auf: Von «Der Scherz» (1967), «Das Leben ist anderswo» (1973) und «Abschiedswalzer» (1976) geht die Reihe über «Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins» (1984) zu «Die Unsterblichkeit» (1990), «Die Langsamkeit» (1994) sowie seit kurzem in makelloser Übersetzung auf deutsch vorliegend «Die Identität» (1996). Die biographische Zäsur des Exils bestätigt diese Sicht der Dinge. Seit der 1929 in Brünn geborene Autor 1975 aus Prag nach Paris entkam, hat er sich nicht nur allmählich von den tschechischen Themen verabschiedet, sondern auch von seiner Muttersprache abgewandt. Mittlerweile hat sich Kundera als französischer Schriftsteller etabliert, und die grosse, weite und schnelle Verlagswelt, stets auf der Suche nach dem neusten Bestseller, dankt es ihm. Japanisches und italienisches Kritikerlob prangt vom deutschen Cover gemessen daran mutet die hiesige Rezeption des jüngsten Werks geradezu verschlafen an.
Im postmodernen Feld
Es ist, als wolle Kundera mit seinem Internationalismus jene Lügen strafen, die ihn anno 1968 in den Topf der Dissidentenbewegung um den Prager Frühling warfen. Dabei lassen sich seine Romane sehr wohl politisch lesen, im Gegensatz zu vielen Generationskollegen aber hat es sich dieser Autor stets verbeten, im Dienst der gerechten Sache die Ästhetik der Politik unterzuordnen. Dem Stigma des Exilanten vermochte sich Kundera ebenso geschickt zu entziehen wie dem Nachteil, als Osteuropäer geboren zu sein. Derzeit kann es kein tschechischer Schriftsteller mit seinem Ruhm aufnehmen. Während so hochkarätige Autoren wie Ivan Klíma, Pavel Kohout, Ludvík Vaculík und Ota Filip nach 1989 zu Schatten der Geschichte geworden sind, hat sich Kundera in einem Raum installiert, in dem die Zeit geronnen scheint: Sein Feld ist der rasende Stillstand der Postmoderne, sein Objekt der zerebral wie medial fixierte Mensch des ausgehenden 20. Jahrhunderts, dessen Leben zunehmend aufgeht in Ersatzhandlungen und der sich daher nach dem Ursprung, nach Gemeinschaft und authentischen Gefühlen, kurz nach Entgrenzung sehnt, ohne jedoch den Preis der Selbstpreisgabe bezahlen zu wollen.
Der Kult der «Identität» ist hier symptomatisch. Dass am Ende der Selbstverwirklichung das wahre Ich stehe, die Arbeit am Ego also mit Eigentlichkeit belohnt werde, ist eine ebenso populäre wie illusionäre Denkfigur als ob man ein dynamisches Fliessgleichgewicht anhalten könne, ohne es zu zerstören. In der Liebe bündeln sich sämtliche Aporien heutigen Machbarkeitsdenkens: Was einzig gelingen kann als Balanceakt zwischen Fremdheit und Nähe, gerät immer mehr zur Glücksreligion. Kundera wiederum hat sich stets gegen jede Art von Totalitarismus gewandt, ob der Ideologie oder des Gefühls. Seine poetologischen Schriften wie seine Romane stehen ein für eine Welt der unendlichen Geschichten, Farben und Formen. Der zeitgenössische Mensch, so ihre Botschaft, geht nicht auf in der Theorie daher kann ihm, als Medium der Kontingenz, einzig die Literatur gerecht werden.
«Die Identität» könnte als Novelle Boccaccios «Decamerone» entnommen sein. Vorgeführt wird vor existentialistischer Kulisse am Meer der Normandie jeder für sich, doch nicht ohne den andern ein Paar um die Vierzig: Chantal und Jean-Marc und da fällt er schon, ihr Satz, der das langjährige Beziehungsgefüge ins Rutschen bringt: «Die Männer drehen sich nicht mehr nach mir um.» Jean-Marc nämlich wird Chantal das Gegenteil beweisen wollen, indem er Briefe eines Unbekannten an sie verfasst, die sie wiederum im Allerheiligsten ihres Wäscheschranks versteckt, was er seinerseits bemerkt, bis sie herausfindet, dass er es war, der ihr die Liebesschwüre zukommen liess. Am Ende sind beide die Verratenen, doch zu einem klärenden Gespräch will es nicht kommen. Aus Spiel ist Ernst geworden, die Entfremdung nimmt ihren zerstörerischen und gleichzeitig phantasmagorischen Lauf. Sollte am Ende alles ein Traum gewesen sein?
Eine Art Panik
Glaubt man diesem Buch, kann es zwischen zwei Menschen keine Wahrheit geben. Was das Paar einte, trennt es auf einmal «eine Art Panik», dem Leben nicht gewachsen zu sein. Vor dem Zwang des Einzelnen, sich zu entscheiden, flüchtete es in die Symbiose. Während Chantal als Personalchefin einer Werbeagentur im Zentrum der Gesellschaft verkehrt, kultiviert der verhinderte Mediziner Jean-Marc von ihr finanziert ein ambitionsloses Dasein «am Rande der Welt». Während sie an ihren widersprüchlichen Rollen leidet, soll er seine Authentizität pflegen, denn sie «brauchte einen Mann, der das Inbild eines anderen Lebens war», so wie er sie braucht als «einzige gefühlsmässige Verbindung mit der Welt». Jeder ist dem andern Alibi und auch Garant, dass alte Geschichten von Kindstod, Scheidung und Freundesverrat keine Gegenwart gewinnen.
Es ist eine klassische Doublebind-Situation, die Kundera mit Lakonik und Melancholie, doch nicht ohne forcierte Psychologie entfaltet. Virtuos wie stets spielt er auf der Klaviatur der Wahrnehmungsdifferenz zwischen den Geschlechtern: Jeder erlebt die Situation anders, jeder hat eine Theorie über den anderen und dessen Theorie, hinzu kommen Obsessionen weltanschaulicher Art. In kalkulierter Hin- und Herblendung entsteht ein ironisches System unendlicher Spiegelung, in dem die Realität wenn nicht ganz verschwindet, so doch etwas Schwebendes erhält. Es ist jene Leichtigkeit, die alle Romane Kunderas auszeichnet und ihnen eine ganz eigene Poesie verschafft. Essayistische Einschübe den Figuren als innerer Monolog eingeschrieben fügen dem Text zusätzliche Komplexitätsmomente hinzu. Meditationen über die Freundschaft und die Langeweile, über die Erotik und den Tod, die Tyrannei des Privaten und die Theodizee, die Werbung und «Papaisierung» der Männer entfalten im Grundsatz die Dialektik des Wohlstands: Ein kalkulierbares Dasein kann kein leidenschaftliches und auch kein ich-starkes Dasein sein. So gesehen ist auch die grassierende Identitätssucht nichts als eine Ersatzbefriedigung.
Die Kehrseite der Polyphonie
Dass er das Innerste seiner Protagonisten bis hin zum Voyeurismus aufdecken muss, ist die Kehrseite von Kunderas polyphonem Erzählverfahren. Als intellektuellen Statthaltern des Autors fehlt es seinen Menschen gewiss nicht an Tiefe, jedoch am Geheimnis, das wirklich grosse Romanfiguren auszeichnet. Kunderas Helden sind synthetische Kopfgeburten und führen ein Eigenleben nur insoweit, als es die poetische Konstruktion erlaubt. Wirken Chantal und Jean-Marc als neurotisch sich bedenkendes Paar noch einigermassen plausibel, erstarren sie in Konfrontation mit der Aussenwelt sogleich zu Schemen. Wie die Werbung das Produkt in den «Zauberkreis der [sexuell konnotierten] Bilder», so stellt Kundera seine Figuren in jenen der Hyperreflexion. Der Roman mag ja das imaginäre Paradies der Individuen sein, dennoch dürfte nicht ausgeblendet sein, dass es noch immer etwa als common sense ein Ganzes gibt, das den Einzelnen übersteigt.
Mehr denn je, so der Eindruck, schreibt dieser Autor der eigenen Theorie hinterher: er setzt die Themen, anstatt sich Themen auszusetzen, kultiviert die Abstraktion auf Kosten der Einfühlung. Mag Kundera als Globalschriftsteller reüssieren, der Preis für die Allgemeinverbindlichkeit ist letztlich eine entsubstantiierte Kunst. Gekonnt weiss Kundera zu erzählen, klug sind seine Gedankengänge, doch verhält es sich mit seinen Romanen wie mit Taschenspielertricks: Hat man sie einmal durchschaut, beginnen sie fad zu werden. Das Leben man suche es anderswo.
Andreas Breitenstein