Das gibt es nicht in Deutschland? Eine Intelligenz-Forschung, die auch international Anerkennung gefunden hat? Zugegeben, Ebbe in Deutschland, seitdem 1933 die „jüdische Intelligenz-Psychologie" durch eine „deutsche Seelen-Lehre" ersetzt wurde. Auch nach 1945 hat sich niemand getraut, aus Angst um seine „political correctness", in vorauseilendem Gehorsam den Zeitgeist gegenüber.
Beinahe ist das richtig. Wenn es nicht die DDR gegeben hätte und in ihr einen unerschrockenen Biologen und Anthropologen, Volkmar Weiss. Schon 1972 legte er mit seiner Dissertation eine Arbeit vor über die Vererbung der mathematisch-technischen Hochbegabung. Eine Arbeit, die nach dem Urteil seines damaligen Chefs „auf eine Gesellschaft träfe, die damit überhaupt nichts anfangen könne". Seine „Psychogenetik" von 1982 wurde totgeschwiegen, wie es sich gehörte. Er musste sich verpflichten, nichts mehr über Intelligenz zu veröffentlichen. Aber in der BRD? Man hat nicht gehört, dass diese Arbeit die ihr gebührende Aufmerksamkeit fand.
Inzwischen legt er mit dem oben genannten Buch eine Zusammenfassung seiner Forschungen vor. Zugegeben, es ist Umstrittenes darunter. Er glaubt, durch mathematische Analyse ein für die Intelligenz entscheidendes Gen gefunden zu haben. Material für seine Forschung waren die Sieger der Mathematik-Olympiaden der DDR und ihre Verwandten. Die wurden getestet mit Intelligenz-Tests, wie sie international üblich sind. Allerdings wurden die Rohwerte nicht geglättet. Das Ergebnis war nicht die wohlbekannte Gaussche Kurve mit dem Gipfel bei 100, sondern eine Kurve mit 3 Gipfeln: bei 94, 112 und 130. Die interpretiert Weiss als Nachweis eines Gens, das für die mathematische Begabung entscheidend ist. Bei den Probanden mit IQ 94 soll es fehlen, bei 112 einmal und bei 130 zwei mal vorhanden sein. Das mag mutig sein, aber es ist bisher keine andere Interpretation dieses Befundes bekannt geworden, auch keine Widerlegung. Bis dahin muss das Ergebnis als offene Hypothese gelten und als solche anerkannt werden.
Noch manches andere teilt der Verfasser mit, was wir gar nicht wissen wollen:
- Die Intelligenz ist auf der Erde und innerhalb ihrer Bevölkerungen nicht gleichmäßig verteilt.
- Intelligenz ist zu 70 bis 80 Prozent erblich. (Eine gut verständliche Darstellung der entsprechenden Mathematik findet man in der „Psychogenetik" des gleichen Verfassers.)
- Haben beide Eltern einen IQ um 130, gilt das auch für fast alle Kinder.
- Haben beide Eltern einen IQ um 94, gilt das auch für ihre Kinder.
- Haben beide Eltern dagegen einen IQ um 112, streut der IQ der Kinder weit mehr.
- Liegt der IQ der Eltern weiter auseinander - was allerdings selten vorkommt - ergeben sich Zahlen-Verhältnisse fast wie nach den Mendelschen Gesetzen zu erwarten.
- Der IQ korreliert sehr hoch mit der Kapazität des Kurzzeit-Gedächtnisses, so dass sich aufwändige Tests meist erübrigen.
- Die Intelligenten heiraten vor allem untereinander, so dass tendenziell eine - allerdings offene - Intelligenz-Schicht entsteht.
- Die meisten Hochintelligenten kommen mit den Intelligenz-Schwachen fast nie in Kontakt, so dass sie sich leicht utopische Vorstellungen machen über deren Bildsamkeit.
- Der Anteil der Studierenden, die studierte Eltern hatten, wurde in der DDR von Jahr zu Jahr größer, nicht etwa kleiner, wie es die Ideologie verlangte.
- Für die alte und neue BRD gilt das gleiche, allerdings nicht so ausgeprägt.
- Die intelligentesten Studierenden sind - wie überall auf der Erde - überwiegend diejenigen, die Mathematik, Technik oder Natur-Wissenschaften studieren.
- Die an wenigsten intelligenten Studierenden sind - aber nein, ich verrate es nicht. Es ist zu traurig, oder zu schön, je nach Standpunkt. Das müssen Sie selbst lesen.
Das und vieles andere, was mancher nur ungern zur Kenntnis nimmt, bereitet das Buch aus in einer klaren, verständlichen Sprache, gut belegt durch eigene Forschungen und reiche Literatur-Nachweise. Und es bestätigt nebenbei die alte Erfahrung, dass man das beste Deutsch lernt durch das Studium von strengen Sachfächern. Da fällt nämlich alle sprachliche Mogelei auf.
Wer dagegen ruhig weiter schlafen möchte, wer vor unbequemen und unbeliebten Fakten Angst hat, sei vor dem Buch ausdrücklich gewarnt. Für den Mutigen aber ist es ein reiches Buch, das eine ganze Bibliothek überflüssig macht. Für die Wissenschaft könnte es Anstoß sein für ein ganzes Forschungs-Programm.
Wer glaubt dem Verfasser nicht folgen zu können, der sollte seinen Einfluss geltend machen dahin gehend, dass die vorgetragenen Fakten und Standpunkte durch eine qualifizierte Intelligenz- und Begabungs-Forschung überprüft und bestätigt oder widerlegt werden. Aber das gibt es in Deutschland noch nicht, leider. Das Buch könnte einen Anstoß dazu sein. Können wir uns das nach Pisa diesen Mangel noch leisten? Oder wollen wir lieber dumm bleiben?