Neue Zürcher Zeitung
Die Büchse der Pandora
Peter Balakian entdeckt seine armenische Familiengeschichte
East Orange im Staat New York, Anfang der sechziger Jahre. Nafina, die armenische Grossmutter, steht zusammen mit ihrem Enkel in ihrer altmodischen Küche und bäckt choereg, süsses Brot mit der Beigabe von gemahlenen Wildkirschkernen. «Eench? Eench-eh? Eench-goozes?» (Alles okay? Geht's dir gut? Was magst du?) drängt und liebkost sie ihn. Sie versorgt ihn und redet mit ihm, als er Masern hat und fiebert.
«Meine Grossmutter kommt ins Zimmer, heisser Spätjuli, die Klimaanlage kaputt, die Fenster offen und der schrille Klang der Zikaden in den Bäumen. Die Seele, sagt meine Grossmutter, verlässt den Körper. Sounch (Atem), Ott (Luft), Hokee (Seele). Die Seele macht sich durch den Mund davon, wenn man stirbt, und findet einen Ort zum Leben. Seelen sind entweder gut oder böse. Gute Seelen sind mit Engeln und Heiligen verbunden. Böse Seelen mit Selbstmördern oder Verbrechern oder Türken.»
Nafina gibt Rätsel auf: Wie kann sie solch aberwitzige Geschichten erzählen (eine Hinterbänklerin, eine christliche Orientalin) und dabei ganz auf der Höhe ihrer Zeit sein: politisch interessiert, zupackend und gegenwärtig (ein Synonym für «amerikanisch»)? Im Bus kreuzt sie ihre Krücke mit dem Stock eines Mannes, der ihr den Hut vom Kopf geschlagen hat. Gerade noch erzählt sie vom Elch, der die Leber der jungen Frauen frisst, und spricht dann mit unverminderter Verve über die Entwicklung der Aktienkurse oder über die Spielergebnisse «ihrer» Baseball-League, der Yankees.
Poesie und Präzision
Bedros, der Enkel, ist zugleich Peter, der Junge mit der braunen Baseballmütze, der kleine Amerikaner, der (unter all den jüdischen Nachbarn) am liebsten Jude sein möchte. Der Vater schickt den Vierzehnjährigen auf eine Privatschule, um ihn aus dem Ostküsten-Partysumpf zu ziehen. Zwei Jahre später geht eine seltsame Verwandlung mit ihm vor: Er verliebt sich in Gedichte. «Es war, als flöge mir ein Vogel aus der Dunkelheit in den Kopf . . . Und weder Football noch Haskells Halbstarkenoase konnten seinem Flug in mein Leben Einhalt gebieten.»
Peter Balakian, heute Professor für Literaturwissenschaft, erzählt in «Die Hunde vom Ararat» die Geschichte seiner Herkunft, seiner Familie und ihrer Assimilation. In seiner Darstellung behauptet sich die Kraft des lyrischen Gedächtnisses neben wacher Intellektualität. Es entstehen poetisch eindringliche Schilderungen des familiären Treibens, farbige, sinnenfrohe Tableaus des bürgerlichen Alltags. Eindrucksvoll beschreibt Balakian die verschiedenen Familienrituale: die fabelhaften Kochkompositionen seiner Mutter, mit der sie ihr Herkommen gegen die Fast-food-Kultur behauptet, die gemeinsamen Besuche mit dem Vater im Footballstadion (im Leben seines Vaters bilden der Berg Ararat und das Baker-Field-Stadion «zwei seltsame Buchstützen») und die literarisch-weltanschaulichen Dispute seiner Tanten diesseits und jenseits der George Washington Bridge: Auseinandersetzungen zwischen literarischer Romantik und Mittelschichtprotestantismus, zwischen Hochkultur und demokratischer Suburbia.
Über die armenischen Ursprünge wird in der Familie kaum oder nur sehr zurückhaltend gesprochen. Die Grossmutter stirbt, bevor ihr Enkel bewusst Fragen stellen kann. Der Vater macht unverständliche Andeutungen, um sich gleich darauf, besorgt oder beleidigt, wieder ins Schweigen zurückzuziehen. Manchmal gebraucht die Mutter den Ausdruck «Das alte Land» hinter dem sich etwas Geheimnisvolles, Jenseitiges verbirgt, unerreichbar in Worten. Ein Kontinent des Schmerzes.
Aber die Erinnerung an die Grossmutter, an ihre Worte, Gebärden und Gesichte, wirkt über Jahre im Enkel nach und lässt ihn zum Erforscher und Entdecker dieses Landes werden, das man mitsamt seinen Menschen von den Karten dieser Welt gelöscht hat.
Während seines Studiums beginnt er mit der Lektüre von Henry Morgenthaus Erinnerungen, der während des Ersten Weltkriegs amerikanischer Botschafter in der Türkei war. Und genau an dieser Stelle zieht sich ein Riss durch das Buch, so unvermittelt und schmerzhaft, wie er im Leben von Peter Balakian selbst verlaufen sein muss. Das Gelesene überschwemmt ihn, als hätte er die Büchse der Pandora geöffnet. Er tritt ein in den «Friedhof der Vorfahren» und Zug um Zug durchbohrt ihn das Menschenelend. In sein Blickfeld tritt die Türkei von 1915 mit den endlosen Blutkarawanen der Armenier. Anatolien als das Schlachtfeld der Wehrlosen, auf dem anderthalb Millionen Menschen hingemetzelt, erdrosselt und lebendigen Leibes verbrannt wurden. Der Euphrat als ein fauler, stinkender Strom von Leichen. Die Zitate aus seinen Lektüren machen sich selbständig, treten neben und über ihn und bilden einen Damm gegen den mehr und mehr versiegenden Fluss seiner Erzählung. Andere, die schon lange vor ihm gesprochen haben, nehmen seine Stimme auf: die Tanten, eine Cousine der Grossmutter, Bischof Balakian Grossmutter Nafina selbst, die damals als einzige Überlebende ihrer Familie das syrische Aleppo erreichte.
Aber das Verstummen des Erzählers vor diesem Orkus an Grausamkeit und Tod ist kein endgültiges. Im letzten Kapitel seines Buches, es trägt die Überschrift «Gedenken», benennt er die offene Wunde, die die Leugnung des Genozids an den Armeniern von Seiten der Türken darstellt: «Die türkische Leugnung des armenischen Völkermords zu betrachten heisst, eine Gesellschaft zu betrachten, die nicht zivilisiert ist.» Hatte der türkische Botschafter in den USA nicht bereits 1935 zu verhindern gewusst, dass Metro-Goldwyn-Mayer Franz Werfels «Die vierzig Tage des Musa Dagh» verfilmte? Der Film, der den erfolgreichen armenischen Widerstand auf dem Mosesberg und die glückliche Errettung von 4000 Armeniern ins Bild setzen sollte, wurde bis heute nicht gedreht. Die Türkei, die als junger Nationalstaat 1923 buchstäblich auf den Knochen der ermordeten Armenier erbaut wurde, errichtet heute noch Denkmäler nicht für die armenischen Opfer, sondern für die «Opfer der Armenier». Sie droht den Regierungen (wie der französischen), die den armenischen Genozid beim Namen nennen, mit Boykott und Ächtung. Sie verleugnet die Tat und schmäht die Ermordeten, sie schafft fortlaufend eine falsche Wirklichkeit, mittels deren sie sich zu rehabilitieren sucht.
Wahre Vergebung, schreibt Balakian, kann nur gewährt werden, wenn der Täter sie anstrebt. «Doch wenn die Täterregierung die Opfer heimsucht im Bemühen, die Gedenkakte der Opfer zu vereiteln, kann es keine umfassende Heilung geben. Die Kultur der Opfer bleibt Geisel in einer Ödnis aus Trauer und Zorn, und ihr moralischer Platz in der Geschichte wird ihr versagt.»
Schutt und Asche
In der Geschichte, die Grossmutter Nafina dem kleinen Jungen erzählt hat, ist diese Ödnis in knappen Worten zusammengefasst. Ein Mann kommt aus Anatolien nach Konstantinopel und trifft einen andern, der aus dem selben Dorf stammt wie er, aber schon «eine Zeit lang» nicht mehr zu Hause gewesen ist. Zuerst fragt der, der schon länger in der Stadt lebt, den andern nur nach seinem Hund. Aber der Hund ist tot. Das Maultier, von dessen Fleisch der Hund gefressen hat, ist tot. Der Vater, dessen Grabstein das Maultier gezogen hat, ist tot. Und so die Mutter und die Geschwister. «Warum kommst du nicht gleich damit heraus und sagst es: Meine ganze Familie ist tot, mein Zuhause in Schutt und Asche!» «Ich weiss nicht, ob dein Zuhause in Schutt und Asche liegt», sagte Hadji Ovan, «aber als ich das Dorf verliess, bestellten die Türken den Boden, wo dein Haus einmal stand.»
Kurt Kreiler