Während eines Familienurlaubes am Bodensee besuchte ich im Jahre 1970 als 12jähriger Schloss Sigmaringen, das sich seit der Regierungszeit von Herzog Karl I. (1525- 1575) im Besitz der Hohenzollern befindet. Bei der Schloss-Führung hörte ich zum ersten Mal von der ebenfalls in Schwaben gelegenen Burg Hohenzollern, der erstmals 1267 erwähnten Stammburg der einstigen Grafschaft Zollern. Es sollte siebzehn Jahre dauern, bis ich die 855 Meter ü. d. M. gelegene, mehrfach zerstörte und wiederaufgebaute Burg bei Hechingen erklimmen, und die Särge der preußischen Könige Friedrich Wilhelm I. und Friedrichs des Großen besichtigen konnte, die seinerzeit noch dort aufbewahrt wurden...
Mit Dr. phil. Habil. Frank-Lothar Kroll zeichnet sich für den bereits im August 2008 in der Reihe "C.H. Beck Wissen" 2008 erschienenen Band "Die Hohenzollern" ein ausgewiesener Experte für die Preußische und Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts verantwortlich. Sowohl seine Dissertation "
Friedrich Wilhelm IV. und das Staatsdenken der deutschen Romantik" (1987) als auch seine Habilitationsschrift "
Utopie als Ideologie: Geschichtsdenken und politisches Handeln im Dritten Reich" (1995) verdeutlichen dies. Weitere Hinweise auf seine Forschungsschwerpunkte bietet das knapp siebenseitige Literaturverzeichnis (S. 118 ff.) in dem Kroll nicht weniger als zehnmal genannt wird, während Johannes Kunisch (
Friedrich der Große: Der König und seine Zeit) noch viermal, Christopher Clark (
Preußen. Aufstieg und Niedergang. 1600 - 1947) jedoch nur einmal angeführt werden.
Bereits der Klappentext lässt die Schwerpunkte des Bandes erkennen, wonach die Lebenswege der Kurfürsten, Könige und Kaiser gezeichnet, und in das kulturelle und politische Leben ihrer Zeit eingebettet werden. Neben den anschaulichen Charakterbildern und dem kulturellen Mäzenatentum der einzelnen Herrscher werden auch das Verfassungsleben, die Sozialstruktur und die außenpolitischen Aktivitäten der jeweiligen Epochen beschrieben. Hierbei werden sowohl die Leistungen als auch die Grenzen der Hohenzollern-Dynastie beschrieben und die besondere Verknüpfung ihres Schicksals mit der deutschen Geschichte herausgestellt.
Die mehr als 900jährige Geschichte der Dynastie von ihren schwäbischen und fränkischen Ursprüngen bis hin zu ihrem Nachwirken in der Gegenwart wird in neun Kapitel beschrieben. Mit dem ersten Kapitel wurden den Jahren zwischen 1061 und 1415 lediglich fünf knappe Seiten gewidmet. Dort erfährt der Leser, wie Kaiser Heinrich VI. dem "comes zolre", Friedrich III., das Amt des "Burggrafen von Nürnberg" verliehen hatte, der sich infolge seiner Rangerhöhung Friedrich I. nannte.Bereits mit seinen Söhnen Konrad I. und Friedrich II. teilte sich das Geschlecht in eine schwäbische und fränkische Linie. Nachdem Kaiser Karl IV. die Hohenzollern 1363 in den Reichsfürstenstand erhoben hatte, übertrug dessen Sohn König Sigismund im Jahre 1411 dem Burggrafen von Nürnberg, Friedrich VI., Markgrafschaft Brandenburg und bestätigte ihn im Jahr darauf während des Konzils von Konstanz auch offiziell als Markgraf und Kurfürst. Während der schwäbische Zweig der Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen 450 Jahre später mit Carol I., den ersten König Rumäniens hervorbringen sollte, musste dessen Bruder, Fürst Leopold, auf die vom spanischen Parlament in Aussicht gestellte Krone Spaniens verzichten.
Die Inhalte der Kapitel zwei bis neun befassen sich beinahe ausschließlich mit der Geschichte Brandenburg-Preußens und seiner Herrscher. Zu den Gegenständen des letzten Kapitels gehören die Beziehungen des Hauses Hohenzollern zum NS-Staat und seine Kontakte zum Widerstand. Am 30. Dezember 1947 wurde mit König Michael I. von Rumänien der letzte Monarch zur Abdankung (und zum Verlassen des Landes) gezwungen. Mit der Verwirklichung der deutschen Einheit dürfte die Hohenzollern-Dynastie, so Kroll, einerseits posthum die Bestätigung für ihren Einsatz bei der Nationalstaatsgründung erlangt, andererseits wohl auch den endgültigen Schlusspunkt ihrer geschichtlichen Bedeutung erlangt haben.
Zwei Landkarten von "Brandenburg-Preußen bis 1795" und "Königreich Preußen und Deutsches Kaiserreich 1815 - 1914" bilden mit einer Regentabelle der Kurfürsten von Brandenburg und Könige von Preußen sowie den Fürsten und Königen von Rumänien und einem Personenregister die weiteren Materialien des Bandes und machen erneut deutlich, dass die Geschichte der Anfänge der Dynastie und jene der schwäbischen Linie deutlich zu kurz gekommen ist. Auch die von Kroll herausgegebene Essaysammlung "
Preußens Herrscher: Von den ersten Hohenzollern bis Wilhelm II" scheint diesbezüglich keine weiteren Erkenntnisse zu versprechen.
Obgleich er eine exzellente Zusammenfassung der Geschichte Brandenburg-Preußens bietet, kann der Band im Hinblick auf seinen Titel "Die Hohenzollern" nur mit drei Amazonsternen bewertet werden.