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Die Hochzeitsgabe: Roman
 
 
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Die Hochzeitsgabe: Roman [Gebundene Ausgabe]

Geraldine Brooks , Almuth Carstens
3.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (10 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Geraldine Brooks nimmt ihre Leser mit auf eine wunderbar sinnliche Zeitreise in die Vergangenheit." (Booklist )

"Die packende Geschichte um ein geheimnisvolles Buch - das wirklich existiert." (Kirkus Reviews )

"Intelligent und originell, anspruchsvoll und unterhaltsam!" (Washington Post )

Kurzbeschreibung

Eine ehrgeizige Wissenschaftlerin, ein geheimnisvolles Buch aus dem 15. Jahrhundert – und ein Auftrag, der ihr Leben für immer verändert.

Die Leidenschaft der jungen begabten Wissenschaftlerin Hanna gilt alten Büchern, auf menschliche Beziehungen legt sie keinen großen Wert. Als sie eines Tages nach Sarajevo gerufen wird, wo sie eine kostbare Haggadah, ein jüdisches religiöses Buch aus dem 15. Jahrhundert untersuchen soll, ahnt sie nicht, dass dieser Auftrag ihr Leben verändern wird. Denn kaum kommt sie mit dieser kostbaren Schrift in Berührung, wird sie hineingezogen in die Geheimnisse, die sie birgt: Jeder Fleck auf dem Einband, jeder Pinselstrich, jedes Haar, das darin liegt, gehört zu der Geschichte eines Menschen, letztlich zu der bewegten Geschichte Europas um Liebe, Glaubenskriege und politische Intrigen: Das Buch wurde, kurz nachdem es als Hochzeitsgeschenk angefertigt wurde, vor der Spanischen Inquisition versteckt und befand sich seitdem auf einer abenteuerlichen Odyssee durch Europa. Hannah findet im Zuge der Arbeit an dem historischen Dokument mehr und mehr zu sich selbst und erkennt eines Tages, dass auch sie bereits längst ein Teil dieser Geschichte geworden ist …

Klappentext

"Jede einzelne Geschichte, die das Buch erzählt, ist ebenso mitreißend wie bewegend. Doch erst ihr raffiniertes Zusammenspiel macht aus diesem Roman das reinste Lesevergnügen."
Library Journal

"Geraldine Brooks beweist einmal mehr ihre besondere Gabe Geschichten zu erzählen."
Publishers Weekly

"Leidenschaft, Verzweiflung und Verrat - diesen Roman möchte man nicht mehr aus der Hand legen."
Elle

Über den Autor

Geraldine Brooks wurde 1955 in Sydney geboren und bereiste elf Jahre lang als Auslandskorrespondentin des "Wall Street Journal" verschiedene islamische Länder, darunter Bosnien, Somalia und den Mittleren Osten. Heute lebt sie in Virginia. Für ihre Reportagen über die palästinensische Intifada, den Iran-Irak-Konflikt und den Golfkrieg wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

Almuth Carstens, 1948 in Kiel geboren, hat u. a. Soziologie studiert und lebte längere Zeit in Amerika. Sie ist Übersetzerin von u. a. Kathy Acker, Jane Rogers, Alice Sebold und Jeff Talarigo. Sie lebt heute in Berlin.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Ich kann es ebenso gut gleich zugeben: Es war keiner meiner üblichen Jobs.
Ich arbeite gern allein, in meinem eigenen sauberen, stillen, gut beleuchteten Labor, wo das Klima kontrolliert und alles, was ich brauche, in Reichweite ist. Zwar habe ich mir den Ruf erworben, auch außerhalb des Labors effektiv arbeiten zu können - wenn es sein muss -, weil ein Museum zum Beispiel die Transportversicherung für ein Stück nicht bezahlen will oder ein Privatsammler nicht möchte, dass irgendjemand sonst weiß, was genau sich in seinem Besitz befindet. Auch bin ich früher schon wegen eines interessanten Jobs um die halbe Welt geflogen, aber noch nie zu einem Ort wie diesem: dem Sitzungssaal einer Bank inmitten einer Stadt, deren Bewohner erst vor fünf Minuten aufgehört haben, aufeinander zu schießen.
Zunächst einmal bin ich in meinem heimischen Labor nicht von Wachen umstellt. Klar, im Museum gibt es ein paar Sicherheitsbeamte, die in aller Ruhe ihre Runden drehen, aber keinem von ihnen würde es im Traum einfallen, an meinen Arbeitsplatz vorzudringen. Ganz im Gegensatz zu hier, wo es gleich sechs waren: zwei Wachleute der Bank, zwei bosnische Polizisten, und die anderen beiden, Angehörige der UN-Friedenstruppe, die wiederum ein Auge auf die bosnischen Polizisten haben sollten. Sie alle unterhielten sich laut auf Bosnisch oder Dänisch über ihre knisternden Funkgeräte. Und als reichte das noch nicht aus, war auch der offizielle UN-Beobachter Hamish Sajjan zugegen. Der erste schottische Sikh, dem ich begegnete, sehr elegant in Harris-Tweed und mit indigoblauem Turban. Der einzige in der UNO. Ich hatte ihn bitten müssen, die Bosnier darauf hinzuweisen, dass Rauchen nicht anging in einem Raum, in dem in Kürze ein Manuskript aus dem 15. Jahrhundert eintreffen würde. Seit sie ihre Zigaretten weggesteckt hatten, waren sie noch nervöser.
Auch ich wurde allmählich nervös. Wir warteten schon fast zwei Stunden. Ich hatte die Zeit so gut wie möglich ausgefüllt. Die Wachen hatten mir geholfen, den großen Konferenztisch näher ans Fenster zu rücken, um das Licht auszunützen. Ich hatte das Stereomikroskop aufgebaut und meine Werkzeuge auf dem Tisch ausgebreitet: Kameras zur Dokumentation, Sonden und Skalpelle. Die Gelatine wurde in einem Becher auf dem Heizkissen weich, und auch Weizenkleister, Leinwandfäden und Blattgold lagen bereit, daneben einige Pergamintüten für den Fall, dass ich das Glück hatte, in der Bindung irgendwelche Rückstände zu finden - es ist erstaunlich, was man über ein Buch in Erfahrung bringen kann, wenn man zum Beispiel die chemische Zusammensetzung einer Brotkrume untersucht. Ich hatte mir Kalbslederfetzen in mehreren Varianten zurechtgelegt, Roll en handgeschöpften Papiers in verschiedenen Farbtönen und Texturen sowie Styroporformen als Stützen, in die das Buch gebettet werden würde. Wenn ich es denn je in die Hände bekam.
"Haben Sie eine Ahnung, wie lange wir noch warten müssen?", fragte ich Sajjan. Er zuckte die Achseln. "Ich glaube, der Vertreter des Nationalmuseums hat sich verspätet. Da das Buch Eigentum des Museums ist, darf die Bank es nur in seiner Gegenwart aus dem Tresor holen."
Unruhig trat ich ans Fenster. Wir befanden uns im obersten Stockwerk der Bank, eines Bauwerks, das einer österreichischungarischen Hochzeitstorte glich, und dessen stuckverzierte Fassade wie die jedes anderen Gebäudes der Stadt mit den Pockennarben von Granaten übersät war. Als ich meine Hand auf die Scheibe legte, spürte ich die Kälte. Angeblich war es Frühling; in dem kleinen Garten neben der Eingangstür zur Bank blühten die Krokusse. Allerdings hatte es kürzlich geschneit, und aus den Kelchen der Blüten quollen Schneeflocken wie Milchschaum aus winzigen Cappuccinotassen. Zumindest war das Licht im Raum durch den Schnee gleichmäßig und hell. Perfekt zum Arbeiten, falls es überhaupt dazu kam.
Nur um mich zu beschäftigen, entrollte ich einige meiner Papiere - gewalztes französisches Leinen. Ich strich mit einem Metalllineal über jedes einzelne Blatt, um es zu glätten. Das Geräusch, mit dem die Linealkante über den großen Bogen schabte, erinnerte mich an die Brandung, die ich von meiner Wohnung zu Hause in Sydney hören kann. Ich bemerkte, dass meine Hände zitterten. Das ist nicht gut in meinem Beruf.
Meine Hände sind nicht eben das Schönste an mir. Mit ihrer rissigen, zerfurchten Haut sehen sie nicht so aus, als ob sie an meine Gelenke gehörten, die, wie ich glücklicherweise behaupten kann, schlank und geschmeidig sind wie der Rest meines Körpers. Putzfrauenhände nannte meine Mutter sie bei unserem letzten Streit. Als wir uns danach noch einmal im Cosmopolitan zum Kaffee trafen - eine kurze, nüchterne Begegnung -, trug ich als spöttische Anspielung darauf Handschuhe von der Heilsarmee. Das Cosmopolitan ist wohl der einzige Ort in Sydney, wo jemandem das Ironische an so einer Geste womöglich entgeht. Meiner Mutter entging es jedenfalls. Sie sagte, sie würde mir einen passenden Hut besorgen.
In dem hellen Licht hier sahen meine Hände noch schlimmer aus als sonst, gerötet und rau vom Abschrubben des Fetts von Rindereingeweiden mit Bimsstein. Wenn man in Sydney lebt, zählt es nicht gerade zum Einfachsten von der Welt, einen Meter Kalbsdarm zu ergattern. Seit sie den Schlachthof aus Homebush ausquartiert und angefangen haben, das Gelände für die Olympischen Spiele 2000 aufzumotzen, muss man mit diesem Anliegen praktisch in die Walachei fahren. Und wenn man endlich angelangt ist, wimmelt es dort derartig von Tierschützern, dass man kaum durchs Tor kommt. Ich werfe es niemandem vor, wenn er mich für ein bisschen seltsam hält. Schließlich ist es nicht leicht zu begreifen, wofür jemand einen Meter Kalbsdarm benötigt. Wenn man jedoch mit sechshundert Jahre alten Materialien arbeiten will, muss man wissen, wie sie vor sechshundert Jahren hergestellt wurden. Dieser Meinung ist jedenfalls Werner Heinrich, mein Lehrer. Er sagte, man könne noch so viel über das Zermahlen von Farbpigmenten und das Anmischen von Gips lesen, der einzige Weg zum richtigen Verständnis sei immer noch, es selbst zu tun. Wenn ich wissen wolle, was Wörter wie Packen und Quetsche wirklich bedeuteten, müsse ich selbst Blattgold herstellen, es schlagen und falten und wieder schlagen, und zwar auf einem weichen Untergrund, an dem es nicht kleben bleibt, zum Beispiel sauber geschrubbter Kalbsdarm. Irgendwann hat man dann einen kleinen Stapel Blattgold, in dem jedes Blatt weniger als ein Tausendstel Millimeter dick ist.

Auszug aus Die Hochzeitsgabe von Geraldine Brooks, Almuth Carstens. Copyright © 2008. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

I

Ich kann es ebenso gut gleich zugeben: Es war keiner meiner üblichen Jobs.
Ich arbeite gern allein, in meinem eigenen sauberen, stillen, gut beleuchteten Labor, wo das Klima kontrolliert und alles, was ich brauche, in Reichweite ist. Zwar habe ich mir den Ruf erworben, auch außerhalb des Labors effektiv arbeiten zu können - wenn es sein muss -, weil ein Museum zum Beispiel die Transportversicherung für ein Stück nicht bezahlen will oder ein Privatsammler nicht möchte, dass irgendjemand sonst weiß, was genau sich in seinem Besitz befindet. Auch bin ich früher schon wegen eines interessanten Jobs um die halbe Welt geflogen, aber noch nie zu einem Ort wie diesem: dem Sitzungssaal einer Bank inmitten einer Stadt, deren Bewohner erst vor fünf Minuten aufgehört haben, aufeinander zu schießen.
Zunächst einmal bin ich in meinem heimischen Labor nicht von Wachen umstellt. Klar, im Museum gibt es ein paar Sicherheitsbeamte, die in aller Ruhe ihre Runden drehen, aber keinem von ihnen würde es im Traum einfallen, an meinen Arbeitsplatz vorzudringen. Ganz im Gegensatz zu hier, wo es gleich sechs waren: zwei Wachleute der Bank, zwei bosnische Polizisten, und die anderen beiden, Angehörige der UN-Friedenstruppe, die wiederum ein Auge auf die bosnischen Polizisten haben sollten. Sie alle unterhielten sich laut auf Bosnisch oder Dänisch über ihre knisternden Funkgeräte. Und als reichte das noch nicht aus, war auch der offizielle UN-Beobachter Hamish Sajl an zugegen. Der erste schottische Sikh, dem ich begegnete, sehr elegant in Harris-Tweed und mit indigoblauem Turban. Der einzige in der UNO. Ich hatte ihn bitten müssen, die Bosnier darauf hinzuweisen, dass Rauchen nicht anging in einem Raum, in dem in Kürze ein Manuskript aus dem 15. Jahrhundert eintreffen würde. Seit sie ihre Zigaretten weggesteckt hatten, waren sie noch nervöser.
Auch ich wurde allmählich nervös. Wir warteten schon fast zwei Stunden. Ich hatte die Zeit so gut wie möglich ausgefüllt. Die Wachen hatten mir geholfen, den großen Konferenztisch näher ans Fenster zu rücken, um das Licht auszunützen. Ich hatte das Stereomikroskop aufgebaut und meine Werkzeuge auf dem Tisch ausgebreitet: Kameras zur Dokumentation, Sonden und Skalpelle. Die Gelatine wurde in einem Becher auf dem Heizkissen weich, und auch Weizenkleister, Leinwandfäden und Blattgold lagen bereit, daneben einige Pergamintüten für den Fall, dass ich das Glück hatte, in der Bindung irgendwelche Rückstände zu finden - es ist erstaunlich, was man über ein Buch in Erfahrung bringen kann, wenn man zum Beispiel die chemische Zusammensetzung einer Brotkrume untersucht. Ich hatte mir Kalbslederfetzen in mehreren Varianten zurechtgelegt, Rollen handgeschöpften Papiers in verschiedenen Farbtönen und Texturen sowie Styroporformen als Stützen, in die das Buch gebettet werden würde. Wenn ich es denn je in die Hände bekam.
»Haben Sie eine Ahnung, wie lange wir noch warten müssen?«, fragte ich Sajjan. Er zuckte die Achseln. »Ich glaube, der Vertreter des Nationalmuseums hat sich verspätet. Da das Buch Eigentum des Museums ist, darf die Bank es nur in seiner Gegenwart aus dem Tresor holen.«
Unruhig trat ich ans Fenster. Wir befanden uns im obersten Stockwerk der Bank, eines Bauwerks, das einer österreichischungarischen Hochzeitstorte glich, und dessen stuckverzierte Fassade wie die jedes anderen Gebäudes der Stadt mit den Pockennarben von Granaten übersät war. Als ich meine Hand auf die Scheibe legte, spürte ich die Kälte. Angeblich war es Frühling; in dem kleinen Garten neben der Eingangstür zur Bank blühten die Krokusse. Allerdings hatte es kürzlich geschneit, und aus den Kelchen der Blüten quollen Schneeflocken wie Milchschaum aus winzigen Cappuccinotassen. Zumindest war das Licht im Raum durch den Schnee gleichmäßig und hell. Perfekt zum Arbeiten, falls es überhaupt dazu kam.
Nur um mich zu beschäftigen, entrollte ich einige meiner Papiere - gewalztes französisches Leinen. Ich strich mit einem Metalllineal über jedes einzelne Blatt, um es zu glätten. Das Geräusch, mit dem die Linealkante über den großen Bogen schabte, erinnerte mich an die Brandung, die ich von meiner Wohnung zu Hause in Sydney hören kann. Ich bemerkte, dass meine Hände zitterten. Das ist nicht gut in meinem Beruf.
Meine Hände sind nicht eben das Schönste an mir. Mit ihrer rissigen, zerfurchten Haut sehen sie nicht so aus, als ob sie an meine Gelenke gehörten, die, wie ich glücklicherweise behaupten kann, schlank und geschmeidig sind wie der Rest meines Körpers. Putzfrauenhände nannte meine Mutter sie bei unserem letzten Streit. Als wir uns danach noch einmal im Cosmopolitan zum Kaffee trafen - eine kurze, nüchterne Begegnung -, trug ich als spöttische Anspielung darauf Handschuhe von der Heilsarmee. Das Cosmopolitan ist wohl der einzige Ort in Sydney, wo jemandem das Ironische an so einer Geste womöglich entgeht. Meiner Mutter entging es jedenfalls. Sie sagte, sie würde mir einen passenden Hut besorgen.
In dem hellen Licht hier sahen meine Hände noch schlimmer aus als sonst, gerötet und rau vom Abschrubben des Fetts von Rindereingeweiden mit Bimsstein. Wenn man in Sydney lebt, zählt es nicht gerade zum Einfachsten von der Welt, einen Meter Kalbsdarm zu ergattern. Seit sie den Schlachthof aus Homebush ausquartiert und angefangen haben, das Gelände für die Olympischen Spiele 2000 aufzumotzen, muss man mit diesem Anliegen praktisch in die Walachei fahren. Und wenn man endlich angelangt ist, wimmelt es dort derartig von Tierschützern, dass man kaum durchs Tor kommt. Ich werfe es niemandem vor, wenn er mich für ein bisschen seltsam hält. Schließlich ist es nicht leicht zu begreifen, wofür jemand einen Meter Kalbsdarm benötigt. Wenn man jedoch mit sechshundert Jahre alten Materialien arbeiten will, muss man wissen, wie sie vor sechshundert Jahren hergestellt wurden. Dieser Meinung ist jedenfalls Werner Heinrich, mein Lehrer. Er sagte, man könne noch so viel über das Zermahlen von Farbpigmenten und das Anmischen von Gips lesen, der einzige Weg zum richtigen Verständnis sei immer noch, es selbst zu tun. Wenn ich wissen wolle, was Wörter wie Packen und Quetsche wirklich bedeuteten, müsse ich selbst Blattgold herstellen, es schlagen und falten und wieder schlagen, und zwar auf einem weichen Untergrund, an dem es nicht kleben bleibt, zum Beispiel sauber geschrubbter Kalbsdarm. Irgendwann hat man dann einen kleinen Stapel Blattgold, in dem jedes Blatt weniger als ein Tausendstel Millimeter dick ist. Und man hat scheußlich aussehende Hände.
Ich ballte die Hände zur Faust, um die Alte-Tanten-Runzelhaut zu glätten. Außerdem wollte ich versuchen, dem Zittern Einhalt zu gebieten. Ich war bereits nervös, seit ich tags zuvor am Flughafen Wien umgestiegen war. Ich reise viel; das muss man, wenn man in Australien lebt und an den interessantesten Projekten in meiner Branche, nämlich der Konservierung mittelalterlicher Manuskripte, teilhaben will. Im Allgemeinen suche ich aber keine Orte auf, die Kriegsreportern ihre Schlagzeilen liefern. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die so etwas tun und großartige Bücher darüber schreiben, und ich vermute, sie haben so eine Art »Mir-kann-nichts-passieren«-Optimismus, der ihnen das ermöglicht. Ich dagegen bin eine totale Pessimistin. Falls sich in dem Land, das ich besuche, auch nur ein Heckenschütze aufhält, rechne ich durchaus damit, dass ich in sein Fadenkreuz gerate.
Schon ehe das Flugzeug landete, sah ich, dass Krieg herrschte. Als wir die grauen Wolkenschwaden durchbrachen, die offensichtlich zur permanenten Verzierung des europäischen Himmels beitragen, wirkten die kleinen, rostbraun gedeckten Häuser an der Adriaküste zunächst so vertraut, als schaute ich über die Dächer von Sydney auf die tiefblaue Bucht von Bondi Beach. Hier aber waren die Hälfte der Häuser zerstört. Sie bestanden nur noch aus schartigen Stümpfen von Mauerwerk, das wie faulige Zähne in zerklüfteten Reihen aufragte.
Es gab Turbulenzen, als wir die Berge überflogen. Ich konnte mich nicht überwinden, aus dem Fenster zu sehen, als wir in den bosnischen Luftraum kamen, und zog deshalb das Rollo herunter. Der junge Mann neben mir - wohl Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, wie ich aus seinem kambodschanischen Schal und dem von Malaria ausgezehrten Gesicht schloss - wollte offenbar hinausschauen, doch ich ignorierte seine Körpersprache und versuchte, ihn mit einer Frage abzulenken.
»Und was führt Sie hierher?« »Minenräumung.«
Ich war in Versuchung, etwas echt Grenzwertiges zu sagen wie: »Läuft gut, das Geschäft, was?«, schaffte es aber untypischerweise, mich zurückzuhalten. Und dann landeten wir, und er stand zusammen mit allen anderen Passagieren auf, drängte sich in den Gang und kramte in den Gepäckfächern. Dann schulterte er einen riesigen Rucksack und brach dem Mann hinter ihm fast die Nase. Der tödliche 90-Grad-Schwenk des Globetrotters - im Bus nach Bondi sieht man ihn ständig.
Endlich ging die Kabinentür auf, und alle schoben sich vorwärts, als wären sie zusammengewachsen. Ich war die einzige, die noch saß. Ich fühlte mich, als hätte ich einen Stein verschluckt, der mich auf den Sitz drückte.
»Dr. Heath?« Die Flugbegleiterin stand vor mir in dem leeren Gang.
Ich hätte beinahe gesagt: »Nein, das ist meine Mutter«, als mir klar wurde, dass sie mich meinte. In Australien schmücken sich nur Angeber mit ihrem Doktortitel. Ich war mir sicher, lediglich als Ms. eingecheckt zu haben.
»Ihre Eskorte von den Vereinten Nationen erwartet Sie auf der Rollbahn.« Das war die Erklärung. Mir war bei den Vorbereitungen zu diesem Auftrag bereits aufgefallen, dass die UNO Wert auf solch protzige Anreden legt.
»Eskorte?«, wiederholte ich einfältig. »Rollbahn?« Man hatte mir gesagt, ich würde abgeholt, doch hatte ich eher an einen gelangweilten Taxifahrer gedacht, der ein Schild mit meinem falsch geschriebenen Namen hochhielt. Die Flugbegleiterin schenkte mir ein breites, perfektes deutsches Lächeln. Sie beugte sich über mich und ließ das Rollo hochschwirren. Ich sah hinaus. Drei große gepanzerte Wagen mit getönten Scheiben, Fahrzeuge von der Art, in denen der amerikanische Präsident herumkutschiert wird, standen hinter der Tragfläche. Dieser Anblick, der eigentlich beruhigend hätte wirken müssen, machte den Stein in meinen Eingeweiden nur noch eine Tonne schwerer. Dahinter, in langem Gras, das mit Minenwarnschildern in mehreren Sprachen gespickt war, lag der rostige Rumpf einer riesigen Frachtmaschine, die bei irgendeinem misslichen Zwischenfall von der Landebahn abgekommen sein musste. Ich schaute Fräulein Lächelgesicht an.
»Ich dachte, der Waffenstillstand wird eingehalten«, sagte ich.
»Wird er auch«, entgegnete sie munter. »Meistens. Brauchen Sie Hilfe bei Ihrem Handgepäck?«
Ich schüttelte den Kopf und beugte mich vor, um den fest unter meinem Vordersitz verkeilten, schweren Koffer hervorzuzerren. Im Allgemeinen gestatten Fluggesellschaften keine Sammlungen spitzer Metallgegenstände an Bord, doch die Deutschen haben großen Respekt vor dem Handwerk, und die Dame am Check-in-Schalter verstand, dass ich mein Werkzeug ungern aufgebe, weil es dann womöglich ohne mich auf Europa-Rundreise geht, während ich untätig dasitze.
Ich liebe meine Arbeit. Das ist auch der Grund dafür, dass ich, der größte Feigling auf Erden, eingewilligt habe, diesen Auftrag anzunehmen. Um ehrlich zu sein, kam es mir gar nicht mal in den Sinn abzulehnen. Man schlägt nicht die Chance aus, an einem der seltensten und rätselhaftesten Bücher der Welt zu arbeiten.

Der Anruf hatte mich um 2 Uhr morgens erreicht, wie so viele Anrufe, da ich in Sydney lebe. Manchmal macht es mich rasend, dass die intelligentesten Leute - Museumsdirektoren, die international bekannte Einrichtungen leiten, oder Aufsichtsräte, die einem auf die Kommastelle genau sagen können, wie hoch der Hang-Seng-Index an einem bestimmten Tag war - die simple Tatsache übersehen, dass es in Sydney generell neun Stunden später ist als in London und vierzehn Stunden später als in New York. Amitai Yomtov ist ein brillanter Mann. Wahrscheinlich der beste auf seinem Gebiet. Aber kennt er den Zeitunterschied zwischen Jerusalem und Sydney?
»Schalom, Channa«, sagte er mit seinem ausgeprägten hebräischen Akzent, der meinen Namen mit einem gutturalen »Ch« versah. »Ich habe dich doch nicht geweckt?«
»Nein, Amitai«, erwiderte ich. »Um zwei Uhr morgens bin ich immer auf; ist die beste Tageszeit.«
»Ach so, tut mir leid, aber ich dachte, es interessiert dich vielleicht, dass die Haggadah von Sarajevo aufgetaucht ist.«
»Nein!«, rief ich, plötzlich hell wach. »Das ist ja eine großartige Nachricht.« Das stimmte wirklich, doch diese großartige Nachricht hätte ich ebenso gut zu einer zivilisierten Stunde als E-Mail lesen können. Mir war nicht klar, warum Amitai mich unbedingt hatte anrufen müssen.
Amitai war wie die meisten Sabres ein recht zurückhaltender Typ, aber diese Neuigkeit hatte ihn überschwänglich gemacht. »Ich habe immer gewusst, dass dieses Buch ein Überlebenskünstler ist. Ich wusste, dass es die Bomben überstehen würde.«
Die Haggadah von Sarajevo, entstanden im mittelalterlichen Spanien, war eine berühmte Rarität, eine üppig bebilderte hebräische Handschrift, geschaffen zu einer Zeit, in der der jüdische Glaube Illustrationen jeder Art streng verbot. Man hatte vermutet, das Gebot im 2. Buch Mose, »Du sollst dir kein Gottesbild machen«, habe die figurative Kunst bei den Juden des Mittelalters unterdrückt. Als das Manuskript jedoch 1894 in Sarajevo auftauchte, widerlegten die darin enthaltenen Miniaturen diese Annahme, was sogar dazu führte, dass Teile der Kunstgeschichte neu geschrieben werden mussten.
1992, zu Beginn der Belagerung von Sarajevo, als auch Museen und Bibliotheken unter Beschuss gerieten, war der Kodex verschwunden. Die bosnisch-muslimische Regierung habe ihn verkauft, um Waffen zu finanzieren, lautete ein Gerücht. Nein, Agenten des Mossad hätten ihn durch einen Tunnel unter dem Flughafen aus der Stadt herausgeschmuggelt. Ich schenkte beiden Versionen keinen Glauben. Meiner Meinung nach war das wunderschöne Buch wohl Teil des Ascheregens aus brennenden Seiten geworden - bestehend aus osmanischen Grundbesitzurkunden, antiken Koranen und slawischen Schriftrollen -, der nach dem Abwurf der Phosphorbomben auf Sarajevo herabgeregnet war.
»Aber Amitai, wo ist es die letzten vier Jahre gewesen? Wie ist es aufgetaucht?«
»Du weißt doch, dass Pessach ist, oder?«
Das wusste ich in der Tat; mich plagten noch die Überreste eines Rotweinkaters von dem ausgelassenen, höchst unorthodoxen Pessach-Picknick, das einer meiner Freunde am Strand veranstaltet hatte. Die dazugehörige rituelle Mahlzeit heißt seder, was auf Hebräisch »Ordnung« bedeutet, aber diese Nacht war eine der angeordnetsten meiner jüngeren Vergangenheit gewesen.
»Also, gestern Abend feierte die jüdische Gemeinde von Sarajevo ihren Seder, und mittendrin wurde - sehr dramatisch - die Haggadah präsentiert. Der Leiter der Gemeinde sagte in seiner Ansprache, das Überleben des Buches sei ein Symbol für das Überleben von Sarajevos multiethnischen Idealen. Und weißt du, wer es gerettet hat? Ozren Karaman heißt er, und er ist Leiter der Museumsbibliothek. Trotz des heftigen Artilleriebeschusses hat er sich reingetraut.« Amitais Stimme zitterte vor Rührung. »Kannst du dir das vorstellen, Channa? Einen Muslim, der für ein jüdisches Buch seinen Kopf riskiert?«
Es sah Amitai nicht ähnlich, sich von Geschichten über tollkühne Taten beeindrucken zu lassen. Ein indiskreter Kollege hatte einmal angedeutet, dass Amitai seinen Wehrdienst in einem Kommandotrupp geleistet hatte, der so supergeheim ist, dass Israelis ihn nur als »die Einheit« bezeichnen. Obwohl das lange vorbei war, als wir uns kennen lernten, fielen mir damals schon sein außergewöhnlicher Körperbau und sein Auftreten auf. Er besaß die kompakte Muskulatur eines Gewichthebers und eine Art Hyper-Wachsamkeit. Wenn er mit mir sprach, schaute er mich direkt an, aber dazwischen schienen seine Blicke die Umgebung abzusuchen und alles und jeden zu speichern. Er hatte richtig verärgert gewirkt, als ich ihn auf die »Einheit« angesprochen hatte. »Von mir weißt du nichts«, fauchte er. Ich fand es trotzdem erstaunlich. Schließlich spricht man nicht oft mit Angehörigen von Sonderkommandos über Bücher.
»Und was hat der Typ dann mit dem Buch gemacht?«, fragte ich.
»Er hat es in ein Schließfach im Tresor der Zentralbank gesteckt. Du kannst dir ja vorstellen, wie das Pergament dabei gelitten hat ... in Sarajevo konnte die letzten beiden Winter nicht geheizt werden ... und dann so eine Metallkassette ... ausgerechnet Metall ... es liegt immer noch da drin ... ich darf gar nicht darüber nachdenken. Jedenfalls will die UNO, dass jemand seinen Zustand überprüft. Sie zahlen für etwaige restaurative Maßnahmen - sie wollen das Buch so bald wie möglich ausstellen, um die Stimmung in der Stadt zu verbessern, weißt du. Und als ich in dem Programm der Konferenz, die im nächsten Monat in der Tate stattfindet, deinen Namen sah, dachte ich, wenn du sowieso auf diese Hälfte der Erdkugel kommst, könntest du vielleicht auch diesen Job erledigen.«
»Ich?«, quietschte ich. Falsche Bescheidenheit liegt mir nicht; ich leiste sehr gute Arbeit. Aber für solch einen Auftrag, einen Karriereschub, der einem vielleicht einmal im Leben widerfährt, gab es mindestens ein Dutzend Personen mit mehr Berufserfahrung und besseren Verbindungen in Europa. »Warum nicht du?«, fragte ich.
Amitai wusste mehr über die Haggadah von Sarajevo als sonst jemand; er hatte Monografien darüber verfasst. Mir war klar, dass er nur zu gern die Gelegenheit gehabt hätte, mit dem Original zu arbeiten. Er seufzte tief. »Die Serben haben die letzten drei Jahre ständig behauptet, die Bosnier seien fanatische Muslime, und irgendwann haben die Bosnier angefangen, ihnen zu glauben. Sieht so aus, als wären die Saudis dort jetzt die großen Mäzene, deshalb war man dagegen, den Job einem Israeli zu geben.«

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