Der Roman „Die Hochzeit des Dichters" liest sich fast wie ein Gedicht. Er verzaubert den Leser mit der einzigartigen „skármetadisierten" Sprache und Erzählweise, wie sie der Autor selbst bezeichnet, und lässt den Leser sich dennoch direkt in die skurrile und sinnliche Alttagswelt auf der Insel Gema einfinden - neugierig, aber ohne allzu großes Befremden. Einen derart gelungenen Orts- und Perspektivenwechsel in eine andere Welt habe ich das letzte Mal bei Gabriel García Márquez empfunden, und auch Skármetas Symbolik lässt an den Magischen Realismus Lateinamerikas erinnern, versetzt nach Europa, so z.B. die oft beachtete, viel zu große Glocke der Inselkirche mit ihrem Stellenwert insbesondere in den Schicksalsstunden Alia Emars und Stefano Coppetas. Vor allem vermag Skámeta, meisterhaft Figuren zu entwerfen, die mir in unvergesslicher Erinnerung bleiben werden: Alia Emar, die anfangs so „ist" wie ein Stück von Mozart und ähnlich ihrem Empfinden für Musik mit ihrer Liebe aus sich selbst hinaustritt, der bohemistische Aussteiger Hieronymus Franck, die Gegensätzlichkeit der Brüder Coppeta, der versponnene Erfinder Torrentes, der mir im Grunde doch genauso wenig realitätsfern zu sein scheint wie der Pfarrer... - im Gegensatz dazu Paula Franck und Admiral Mollenhauer mit ihren verkrampft-„effektiven" Neigungen und Absichten. Doch sollte man sich vom Klappentext des Buches nicht in die Irre leiten lassen: „Eine Liebeserklärung an das alte Europa, voll vitaler Sinnlichkeit und Melancholie", heißt es dort. Eine Liebeserklärung an das „alte Europa" wird im Roman nur dem Leben und den Erlebnissen auf der Insel Gema ausgesprochen. Ich hatte mir jedoch einen allgemeineren (Rück-)Blick auf Europa versprochen - nach dem Aufbruch der Reisenden in die Neue Welt, deren „1000 unbegrenzte Möglichkeiten" (USA) und deren Exotik (Chile) nur knapp geschildert werden, ohne mit Europa direkt verglichen zu werden. Was dem Leser vor der Reise gewahr wird, sind die Unterschiede zwischen der engstirnig „kultivierten" Gesellschaft in Salzburg und der Dorfgemeinschaft auf Gema. Dennoch: ein phantastisches Buch, eben „voll vitaler Sinnlichkeit und Melancholie". Und obwohl oder GERADE WEIL sich bei der Lektüre der letzten Seiten vorausahnen lässt, dass Skármeta den Leser nicht unbedingt (ganz) bis an das erdachte Ende führt, trafen mich die letzten Zeilen bis ins Mark. Das schafft bei weitem nicht jedes Buch.