Die Ausbildung zu ihrem Beruf der Hochstaplerin wurde Felicitas in die Wiege gelegt. Schon ihr Vater hat bis zu seiner Verhaftung über seine Verhältnisse in prächtigen Kulissen gelebt. Ein Umzug folgte dem anderen, eine noble Behausung löste die nächste ab und zurück blieben immer eine Reihe geprellter Geschäftsleute, Ärzte und Architekten, die ihm ihr Geld für hochspekulative Finanzgeschäfte anvertrauten und der Reihe nach von ihm hinters Licht geführt wurden.
"Das Leben war ein großer Spaß, solange die Kugel rollte, die Banken Kredite gaben und die Häuser wuchsen, um Gewinne abzuwerfen. Ein Objekt finanzierte das nächste, so war das Spiel."
Kein Wunder, daß Felicitas dieselbe Laufbahn einschlägt. Halt, man sollte ihr zu Gute halten, daß sie, als sie die Schule abgebrochen hat, einige Monate auf St. Pauli gekellnert hat. Das war die Zeit, als sie ihrem Vater zeigen wollte, daß sie durchaus auf eigenen Beinen stehen konnte, doch ihre Bleibe war alles andere als nobel und schnell war ihr klar, daß sie ihr Geld leichter verdienen konnte. Gut, immer läuft ihre Masche nicht reibungslos. Da findet sie sich, als sie einen vor Geld nur so strotzenden Manager abgeschleppt hat, plötzlich bei ihm zu Hause in Handschellen wieder. Eine Herausforderung an ihre Improvisationsgabe. Und ob der letzte große Deal um zehn Millionen klappen wird, das kann an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden.
Die Hochstaplerin ist ein vergnüglich zu lesender Unterhaltungsroman gespickt mit einigen amüsanten, sehr zugespitzten Formulierungen. -- Manuela Haselberger
Das gesunde Mass an Verzweiflung
Christine Gräns erstaunlicher Roman «Die Hochstaplerin»
Brillante Menschen und Bücher überraschen besonders, wo keiner sie erwartet, etwa in befremdlicher Gesellschaft am Bahnhofskiosk oder im Verlagsprogramm. Glänzend rächt sich am literarischen Standesdünkel der Roman «Die Hochstaplerin» von Christine Grän. Die geborene Grazerin ist durch die ARD-Verfilmung ihrer Anna-Marx-Krimis auch einem Publikum bekannt, das die noblen Adressen der deutschen Dichtkunst nicht frequentiert. In ihrem letzten Roman verdichtet sie die Bekenntnisse einer ramponierten Frauenseele zu einer furiosen Erzählung, mit wilderem Feminismus als Elfriede Jelinek, mit mehr Weltgewandtheit als Josef Haslinger und allemal unterhaltsamer als die beiden zusammen. Ihr schlagfertiger Sprachwitz meistert selbst die ganz dick aufgetragene Kolportage.
Es erzählt in erster Person die Hochstaplerin Felicitas Wondraschek, die nur dem Namen und dem Gewerbe nach eine ferne Nachfahrin von Felix Krull ist. Sonst hält sie es lieber mit den Sentenzen «des grossen Brecht» als mit dem spiessigen Thomas Mann. Sie beginnt ihre Geschichte von hinten zu erzählen, von dort, wo ihr grossspuriges Leben beinahe geendet hätte, weil diesmal sie ein Opfer geworden ist. Bisher waren reiche Männer ihre Beute gewesen, die sie blasiert und fetischistisch nach ihrem Schuhwerk taxierte, die entweder geil oder geizig waren, «widerwärtig oder auch nur lächerlich». Bis sie einem Ungeheuer namens Johannes begegnet, einem leibhaftigen Sadisten mit Lust auf wirkliches Blut. Sollte sie das überleben, so werde sie bei ihren Betrügereien nie wieder den «Sex als Waffe» verwenden, so schwört sie sich und uns.
Gleich auf den ersten Seiten fährt Christine Grän imposante Geschütze auf, zeigt die Erzählerin die Krallen ihrer Prosa und ihrer Gesinnung in einem Gewimmel von bunter Intertextualität und Gespött, Klassenkampf und Philosophie aus dem Boudoir: Der Mann ist Jäger und «Baal». Seine «Gier» ist jetzt noch dezent und seine Konversation nur «hochstaplerisch», noch verrät er nichts von seiner Perversion. Noch scheint er eine «Stütze der Gesellschaft», während er bei einem noblen Italiener in Düsseldorf speist, umgeben von melancholischen Kellnern, die vielleicht «mutlose Revolutionäre waren, die das feine Gesindel verachteten». Es ist ein Auftakt mitten in jenem fiesen Rossini-Deutschland, das vor einigen Jahren ein Film kritisieren wollte, es aber nur noch mehr etabliert hat. In diesem Roman hingegen wird damit Ernst gemacht, wenn auch nur mit der Schreckpistole, mit Brecht und Grosz.
Im zweiten Kapitel folgt ein tristes Lob des Herkommens. Felicitas ist die Tochter eines «gnadenlosen Optimisten» und Betrügers, der im Gefängnis stirbt. Die Mutter ist eine katastrophale Selbstverwirklicherin, die immer noch in einem Londoner Pub auf der Gitarre klimpert. Aufgezogen wurde Felicitas von der Haushälterin Klara, die aus der DDR geflüchtet und Kommunistin geblieben ist, die ausser dem Theater nur ihren Brotgeber liebt, der sie erst heiratet, als er dahinsiecht. Felicitas versucht es zunächst als Kellnerin in einer Hamburger Hafenkneipe, liiert sich mit einem Boxer das gibt Stoff für grobe Romantik wie in «Mahagonny». Später verschlägt es sie in die «Münchner Küsschenküsschengesellschaft», von dort flüchtet sie nach Frankfurt, wird kurz Taxifahrerin und macht im kleinen Stil die ersten Lügen zu Geld. Immer besser lernt sie ihren «Machiavelli für Frauen», mit ihrem giftigen Charme übertölpelt sie dumme Reiche mittleren Kalibers, die sicher «Thomas Mann gelesen» haben. Erst langsam kommt sie in einen Racherausch gegen alles Männliche, gegen «dieses dumme Schwanzlächeln» ihrer Gönner und Gegner. So richtig methodisch wird die feministische Freibeuterei erst, als Felicitas' Vater stirbt und die treue Klara ihre Genossin wird, die nun endlich zu ihrem weltweiten Klassenkampf kommt, in der Karibik, auf Hawaii, im biederen Freiburg und in Bonn. Hier hat der Roman auch einen zeitlichen Kick bekommen: Eben noch hatte sich die 24-jährige Felicitas in Leonard Cohen verliebt, und «Nixon stürzte über Watergate». Nun trillern plötzlich die Handys, und in der «verlorenen Hauptstadt» macht man krumme Geschäfte mit Parteienspenden, ohne dass die Schelmin wesentlich gealtert wäre. Die Hochstaplerin spielt ihre Jahre herunter, oder der Erzählerin ist das egal, oder die Autorin bringt was durcheinander. Aber die chronologische Plausibilität ist noch das geringere Problem bei so einer Räuberpistole. Die Stärke dieses Romans liegt sowieso nicht in der Glaubwürdigkeit des Ganzen, sondern in den beissend realen Details.
Der psychologische Röntgenblick von Christine Grän durchleuchtet aber nicht nur die Phantasien von Männern einer gewissen Sorte. Auch von manchen Frauen entwirft sie erschütternd lächerliche Bilder. Etwa von der alternden Hippiemutter, die «von Liebe über Rauschgift bis hin zur Religion so ziemlich alles ausprobiert hat, was selig machen könnte, und Mutterschaft zählte eben nicht dazu». Oder von der Marx-trunkenen Klara und ihrer «lustvollen Blindheit», ihrer Aversion gegen die zwei Geisseln der Menschheit, die Herrenwelt und das Kapital. Daher auch ihr leidiges Dilemma: «Klara mochte ihre Wirkung auf Männer, aber sie mochte die Männer nicht.» Auch die Erzählerin selbst, die nach aussen hin elegant lebt wie Vicki Baums «Menschen im Hotel», ist drinnen elend zerfahren wie «Die Tigerin» von Walter Serner. Ihre Desolation, «das gesunde Mass an Verzweiflung», tarnt sie notdürftig als lustvollen Zynismus.
Im reichlichen Zitatengepäck dieses Buches ist auch Helene von Druskowitz, die Freundin und Feindin von Nietzsche, eine der Urmütter des modernen Feminismus, die der «Sakkorausch», der Kampf gegen die Herrschaft der Sakkoträger, ins Irrenhaus brachte. Die Hochstaplerin Felicitas träumt sich während einer Zugfahrt in einen Mordrausch hinein: «Zuerst sollte man die Männer mit braunen Schuhen erschiessen, dann die Goldkettchenträger (. . .). Dann diejenigen mit gelbgepunkteten Krawatten. Darauffolgend die mit karierten Socken.» Ob die Träumerin mit solchen Phantasien, mit den schneidigen Sprüchen und ein paar Millionen Mark das definitive Glück findet, ist am Schluss dieses hochliterarischen Unterhaltungsromans gar so nicht sicher.
Franz Haas