Der alte Traum vom Übermenschen. Diesmal träumt ihn ein pensionierter Lehrer der klassischen Sprachen. Zur Umsetzung sucht er sich eine namenlose Frau, mit der er eine Tochter zeugt. Denn bei Knaben hat er beobachtet, daß ihr Interesse für Latein mit der Pubertät abrupt endet. Ein Seitenhieb gegen Nietzsche? Besagte Tochter wird nach platonischen Reinheitsidealen erzogen; in diesem Rahmen darf sie keine Bindungen an Menschen eingehen, die dem alltäglichen Schmutz verhaftet sind. Bereits ihre Amme wechselt monatlich, und natürlich wird sie vom Vater zu Hause unterrichtet. Erst als diese Erziehung zu vermeintlicher psychischer Stabilität geführt hat, wird sie auf die Menschheit losgelassen. Hiermit wären wir beim Kontrastprogramm angelangt, in Form einer Berliner Zeitungsredaktion, in der die Protagonistin ein Praktikum macht. Ihre Gegenspielerin ist eine glücklose Reporterin, und neben allem Schmutz der Welt (es trieft nur so von Sex und Alkohol) treten so skurrile Gestalten auf wie ein weltfremder österreichischer Kulturreporter, der die Reporterin anschmachtet, eine grünhaarige hysterische Lesbe aus der Hausbesetzerszene, die dies ebenfalls tut, ein geiler Bock von Chefredakteur, der die gesamte weibliche Belegschaft der Redaktion als Privateigentum betrachtet. Dessen verirrte Seele wird, ganz im platonischen Sinne, als erste aus dem Gefängnis ihres Körpers befreit. Die Protagonistin ist so weltfremd, daß sie beim Betrachten seines Gehirns in einem Einmachglas ihren Orgasmus weder genießt noch überhaupt erkennt, sondern einen "Unterleibskatarrh" befürchtet. Weitere Befreiungsaktionen folgen, als letzter muß der Kulturreporter dran glauben. Dieser ach so wahrscheinliche Plot wird von hinten aufgerollt, damit die Spannung erhalten bleibt. Bei einem Krimi erwarte ich allerdings ein Mindestmaß an Verträglichkeit mit der Realität, sonst kann ich gleich Science Fiction lesen. Man gewinnt den Eindruck, daß die Autorin krampfhaft ein noch nie dagewesenes Sujet gesucht hat, vor dessen Hintergrund sie ihre klassische Bildung heraushängen lassen kann.