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Die Hintergründe zu den Helsinki-Roccamatios: Stories
 
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Die Hintergründe zu den Helsinki-Roccamatios: Stories [Gebundene Ausgabe]

Yann Martel , Manfred Allie
4.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Ungestüm und voller Überraschungen - so begann Yann Martel, der Autor des Weltbestsellers Schiffbruch mit Tiger sein Leben als Schriftsteller. Auch sein Erzählband, Die Hintergründe zu den Helsinki-Roccamatios, wurde auf beiden Seiten des Atlantiks begeistert aufgenommen und zeigt Yann Martels wunderbares Vertrauen in die Kraft des Erzählens. Einer seiner Helden erfindet gemeinsam mit seinem an Aids erkrankten Freund die Geschichte der Roccamatios in Helsinki und hält ihn so am Leben: Erzählen heißt Atmen. Der Vietnam-Veteran John Morton schrubbt nachts Büros und schreibt ein Konzert für Streicher, in der seine "dissonante" Violine den Heldenpart übernimmt, denn er weiß, wie die Geige ihm half, den Krieg zu überstehen. Der Leser lernt die Alchemie der Spiegel kennen und erfährt, wie erst das END e den wahren Charakter einer Biographie enthüllt. Immer geht es in den Geschichten um den schmalen Spalt des Möglichen, den nur ein Erzähler entdeckt, der seine Figuren liebt und die zarte Farbe der Humanität versteht. >> Ein Meisterwerk<< Guardian

Über den Autor

Yann Martel, 1963 in Salamanca geboren, studierte in Kanada, arbeitete als Tellerwäscher und Nachtwächter und lebt, falls er nicht gerade auf Reisen ist, in Montreal. Sein Roman Schiffbruch mit Tiger (Fischer Taschenbuch) wurde 2002 mit den Booker-Prize ausgezeichnet und in 36 Sprachen übersetzt. Der Übersetzer Manfred Allié lebt in der Eifel. Neben Schiffbruch mit Tiger übertrug er Werke von Richard Powers, Louis de Bernières, Joseph O'Connor, Scott Bradfield, Patrick Leigh Fermor und Edith Wharton. >>Schiffbruch mit Tiger ist ein sagenhaftes Buch, es ist erfrischEND frech, originell, klug und raffiniert - und prallvoll mit Geschichten.>Alle, die glauben, die Kunst des Erzählens sei tot: lasst sie voll Erstaunen und Freude Yann Martel lesen.<< Alberto Manguel

Auszug aus Die Hintergründe zu den Helsinki-Roccamatios von Yann Martel, Manfred Allie. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Allzu lange hatte ich Paul nicht gekannt. Wir lernten uns im Herbst 1986 an der Ellis-Universität in Roetown, im Osten Torontos, kennen. Ich trieb meine Studien nur halbherzig, hatte mir Arbeit gesucht und war nach Indien gereist. Ich war dreiundzwanzig, im letzten Universitätsjahr. Paul war gerade neunzehn geworden und fing eben erst an. Am Anfang eines Studienjahres machen die älteren Jahrgänge von Ellis die Neuankömmlinge mit den Einrichtungen und dem akademischen Leben vertraut. Keine Scherze, keine Gemeinheiten; die Älteren sollen den Jüngeren helfen. Sie heißen "Amigos", die Neuankömmlinge "Amigatos", was schon zeigt, wie es mit den Spanischkenntnissen in Roetown bestellt ist. Ich war Amigo, und die meisten meiner Amigatos kamen mir munter, eifrig und jung vor - sehr jung. Aber vom ersten Augenblick an mochte ich Pauls aufmerksame Art, seine entspannte Intelligenz, seinen Hang zur Skepsis. Wir verstanden uns auf Anhieb und hockten immer zusammen. Da ich älter war und schon mehr erlebt hatte, sprach ich oft mit der Autorität eines Gurus, und Paul lauschte wie ein gelehriger Schüler - außer wenn er eine Augenbraue hob oder mir mit einer ironischen Bemerkung zu verstehen gab, wie lächerlich ich wirkte. Dann lachten wir beide, schlüpften aus unseren Rollen und wussten, was wir waren: wirklich gute Freunde.
Dann, zu Anfang des zweiten Trimesters, wurde Paul krank. Schon zu Weihnachten hatte er Fieber gehabt, und seitdem plagte ihn ein trockener Reizhusten. Anfangs machte er sich - machten wir uns - überhaupt keine Gedanken darüber. Die Kälte, die trockene Luft - sicher kam es daher.
Allmählich wurde es schlimmer. Heute fallen mir Symptome ein, bei denen ich mir damals nichts gedacht habe. Mahlzeiten, die er stehen ließ. Klagen über Durchfall. Eine Kraftlosigkeit, die sich nicht allein mit phlegmatischem Temperament erklären ließ. Eines Tages gingen wir die Treppe zur Bibliothek hinauf, höchstens fünfundzwanzig Stufen, und oben blieben wir stehen. Mir ging auf, dass wir nur deswegen stehen geblieben waren, weil Paul außer Atem war und sich ausruhen wollte. Ich hatte auch den Eindruck, dass er abnahm. Es war schwer zu sagen, bei den dicken Winterpullovern, aber ich war mir sicher, dass er Anfang des Jahres fülliger gewirkt hatte. Als offensichtlich war, dass etwas nicht stimmte, redeten wir darüber - natürlich ganz beiläufig -, und ich spielte den Arzt und sagte: "Was haben wir ... Atemnot, Husten, Gewichtsverlust, Erschöpfung. Paul, du hast eine Lungenentzündung." Das war nur so dahingesagt, aber es stellte sich heraus, dass meine Diagnose ins Schwarze traf. PCP nennen es die Eingeweihten, Pneumocystis carinii-Pneumonie. Mitte Februar ging Paul nach Toronto und konsultierte seinen Hausarzt.
Neun Monate später war er tot.
AIDS. Er sagte es mir am Telefon, mit tonloser Stimme. Ich hatte fast zwei Wochen nichts von ihm gehört. Er sei gerade aus dem Krankenhaus zurück, erzählte er. Mein erster Gedanke galt mir selbst. Hatte ich mich jemals in seiner Gegenwart verletzt? Wenn ja, unter welchen Umständen? Hatte ich je aus seinem Glas getrunken? Von einem Teller mit ihm gegessen? Ich überlegte, ob es je einen Punkt gegeben hatte, an dem sein und mein Blut miteinander in Berührung gekommen waren. Dann dachte ich an ihn. Ich dachte an schwulen Sex und harte Drogen. Aber Paul war nicht schwul. Wir hatten zwar nie direkt darüber gesprochen, aber ich kannte ihn gut genug und hatte nicht die kleinste Zweideutigkeit entdeckt. Und auch als Heroinsüchtigen konnte ich ihn mir nicht vorstellen. Aber das war auch nicht die Erklärung. Drei Jahre zuvor, mit sechzehn, war er mit seinen Eltern zum Weihnachtsurlaub auf Jamaika gewesen. Sie hatten einen Autounfall gehabt, Paul hatte sich das rechte Bein gebrochen und recht viel Blut verloren. Im Hospital vor Ort hatte er eine Bluttransfusion bekommen. Sechs Unfallzeugen hatten angeboten zu spenden. Drei hatten die richtige Blutgruppe. Einige Telefonate und ein paar Nachforschungen ergaben, dass einer von den dreien vor zwei Jahren unerwartet gestorben war. Er war wegen Lungenentzündung in Behandlung gewesen. Die Autopsie ergab, dass er an schwerer zerebraler Toxoplasmose gelitten hatte. Eine verdächtige Kombination.
Am Wochenende besuchte ich Paul in seinem Elternhaus im reichen Rosedale. Ich fuhr nicht gern; am liebsten hätte ich die ganze Sache verdrängt. Ich fragte - das war mein Vorwand -, ob es seinen Eltern denn nicht zu viel würde, wenn auch noch ein Besucher käme. Er bestand darauf. Also fuhr ich hin. Ich riss mich zusammen. Ich fuhr nach Toronto. Und die Stimmung der Eltern hatte ich ganz richtig eingeschätzt. Denn was mich an jenem ersten Wochenende am meisten schmerzte, das war nicht Paul, das waren seine Eltern.
Als er erfuhr, auf welchem Wege Paul sich aller Wahrscheinlichkeit nach infiziert hatte, hatte sein Vater Jack den ganzen Rest des Tages kein Wort gesprochen. (...)
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