Zweimal "Elisabeth", zweimal Pia Douwes, zweimal Uwe Kröger - aber zwischen der aktuellen Aufnahme aus dem Essener Colosseum, die pünktlich zur Premiere am 22.03.01 in den Läden erhältlich war, und der österreichischen Ersteinspielung aus Wien von 1992 liegen immerhin 9 Jahre. Wie haben sich die beiden Hauptdarsteller, die den Grundstein ihrer Karrieren bei "Elisabeth" legten, verändert?
Oder anders gefragt: Welche CD ist die bessere oder braucht der Musical-Fan gar beide?
Nach über 700 Vorstellungen in Wien und Scheveningen kommt die sympathische Niederländerin mit der Rolle ihres Lebens jetzt nach Essen. Wer jedoch denkt, daß diese Kaiserin der langen Reisen müde ist, wird mit der neuen CD-Einspielung eines besseren belehrt.
Frau Douwes ist schlichtweg phänomenal!
Ihre neue Interpretation der emanzipierten Sissi ist noch dramatischer und gefühlvoller ausgefallen, denn Pia singt nicht nur perfekt jede einzelne Note, sie legt auch ihre ganze Seele und ihr Herz in das nur geringfügig geänderte Libretto.
Und welch eine Überraschung ist Uwe Kröger, der in seinen bisherigen Charakteren leider leicht dazu tendierte, zu schreien anstatt zu singen. Bevor ich jetzt empörte Kröger-Fan-Post bekomme sei hier deutlich gesagt: der Mann kann wirklich toll singen. Sein Tod ist erotischer und verführerischer geworden und der eingemischte Hall verfeinert mal die Zärtlichkeit, mal die Grausamkeit in seiner Stimme.
Der restliche Cast der Einspielung wartet mit Ex-Showgirl ("Gambler") und Kommissar ("Falco meets Amadeus") Annika Bruhns, die als Zweitbesetzung von Pia Douwes ebenfalls eine würdige österreichische Kaiserin abgeben kann, als Madame Wolf auf. Carsten Lepper als gutverständlicher Mörder Lucheni, Michael Lewis als leicht Akzent-behafteter Kaiser Franz und Jesper Tyden als Sohn Rudolf stören die Perfektion der Aufnahme nicht, obwohl sie nicht ganz mit ihren Vorbildern von 1992 mithalten können.
Noch einen Tick besser (oder einfach nur perfekt modern) als das Wiener Original ist das Orchester des Circustheaters Scheveningen, welches durch Mitglieder der Münchner Philharmoniker glanzvoll verstärkt wurde.
Einfach Schade, daß die neue "Elisabeth" mit nur 16 statt 26 Titeln rund 20 Minuten kürzer als sein Vorgänger ist, denn hier beschränkt sich die Titelauswahl fast ausschließlich auf die Charakterisierung der Hauptdarsteller - Ensembelnummern sind nur im Prolog (mit der Stimme von Mario Adorf als Richter) und mit "Milch" vertreten. Trotzdem ist mit dem Lied "Nichts, Nichts, Gar Nichts", der Elisabeths Besuch in einer Irrenanstalt und ihren verwirrten Geisteszustand zeigt, ein Lied vertreten, der auf der Wien-Einspielung fehlte.
Wirklich gespannt konnte man jedoch auf das extra für die Deutschlandpremiere komponierte neue Duett zwischen Elisabeth und Tod zu Beginn des zweiten Aktes sein. "Wenn Ich Tanzen Will" ist eine interessante Variation von "Der Letzte Tanz" aus dem ersten Akt. Statt dem Tod die Führung zu überlassen, erleben wir eine lebensfrohe Sissi, die kurz nach der Befreiung Ungarns auf der Höhe ihrer Macht steht und glaubt, alles erreichen zu können. Musikalisch wird dieser Triumph über die böse Stiefmutter mit dem stampfenden Rhythmus eines Boleros (Ravel hätte seine Freude dran) umgesetzt, dessen Refrain mir schon seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf geht!
Fazit: Von wegen angegrauter Hochadel: die neue "Elisabeth" ist besser als alle Vorgänger! Wo bleibt die deutsche Gesamtaufnahme?