Ich kann mich den vorigen 5-Sterne-Rezension leider nicht anschließen.
An und für sich hätte das Thema einiges hergeben können, aber die Umsetzung fand ich dann doch ziemlich schwach.
Erzählt wird die Entwicklung der jungen Gräfin Alberta, die nach dem Tod ihres Zwillingsbruders von den Eltern dazu gedrängt wird, seine Rolle als Jura-Student in Bologna zu übernehmen, damit die Familie als eine der wenigen adligen Familien Bayerns einen "Berater" am Hof des Herzogs stellen kann. Alberta, anfangs noch völlig von der Richtigkeit der Hexenprozesse überzeugt, muss bald selbst solche Prozesse führen und gerät mit jedem Prozess mehr in Zweifel.
Während sie sich zunehmend auch danach sehnt, als Frau auftreten und heiraten zu können, sinnt eine von ihr "als Mann" verschmähte junge Adlige auf Rache und gibt an, von einem "Dämon in Gestalt des jungen Grafen" bedrängt zu werden. Leider ist der junge Graf nicht mal ein Graf, sondern eine Gräfin...
Soweit, so gut. Eigentlich finde ich schon die Ausgangssituation der Handlung nicht sehr überzeugend - die Gründe, warum Alberta jetzt unbedingt (obwohl sie noch einen zweiten Bruder hat) als Mann studieren und leben soll, fand ich nicht plausibel. Die Familie fürchtet die Schmach durch den nicht sehr ruhmreichen Tod des älteren Bruders, wagt aber gleichzeitig eine noch viel größere und gefährlichere Rufschädigung, indem sie Sohn gegen Tochter austauscht? Überzeugt mich nicht.
Der Grund für die doch recht mageren "zwei Sterne" liegt jedoch für mich im Erzählstil der Autorin, der der Handlung jegliche Spannung raubt. Das Buch liest sich oftmals mehr wie eine Nacherzählung und benutzt vorzugsweise zur Wiedergabe besonders interessanter Passagen ausgerechnet das Plusquamperfekt. Wörtliche Rede wird sehr häufig zugunsten einer Art Zusammenfassung des Gesprächs (im Plusquamperfekt!) ausgelassen.
Eine Beispiel-Szene: Alberta wird nachts zu später Stunde von dem Mann aufgesucht, in den sie sich verliebt hat. Sie ist überzeugt, dass dieser, der sie nur als den jungen Grafen Rupert kennt, sie für einen Mann hält. Theoretisch möglich: Hochspannung!
Umsetzung (keine direkte Zitation, sondern leicht überspitzte Wiedergabe!):
In der Nacht war etwas Unglaubliches geschehen. Es hatte geklopft, und vor der Tür hatte ausgerechnet X gestanden und um Einlass geben. X hatte ihr gesagt, dass er ihre Verkleidung längst durchschaut hätte und sie über alles lieben würde. Das Gespräch der beiden Verliebten hatte sich bis ins Morgengrauen hingezogen.
Finde ich persönlich furchtbar. Ich hätte gerne das Gespräch der beiden gelesen, keine zusammenfassende Wiedergabe. Das ganze Gespräch, in dem soviel Potential gelegen hätte, wird auf drei, vier Sätze Nacherzählung heruntergebrochen, das ist alles. Eigentlich ganz praktisch, denn so muss Alberta nicht erklären, warum sie als Mann unterwegs war, Alberta muss ihre Verliebtheit nicht beichten, X muss nicht erklären, woran er überhaupt gemerkt hat, dass der Graf eigentlich eine Gräfin ist, es muss überhaupt niemand irgendetwas wörtlich formulieren...
Aber so bleibt für mich jeglicher Lese-Genuss aus.
Fast noch schlimmer wurde es einige Kapitel später: Alberta wird nach Rom geschickt, um eine Jahre zurückliegende Exkommunikation zu lösen. Um den Leser zu informieren, worum es geht, setzt die Autorin eine Art Wikipedia-Rezitation ein.
Ein Geistlicher steht auf und beginnt, ohne Pause und ohne irgendwelche Zwischenbemerkungen einen historischen Vortrag herunterzuspulen, der so auch direkt aus Wikipedia stammen könnte. Gespickt mit Jahreszahlen, streng chronologisch vorgehend, fehlen nur noch blaue, anklickbare Links.
Dann steht ein anderer Geistlicher auf, "will auch etwas sagen" und setzt den Vortrag fort: "13xx geschah dann das, .. im Jahr 13xy wurde aber, .. 13xyz einigte man sich auf, ... 13xyzz war aber schon das und das passiert..."
Auch das raubt mir jeden Lese-Genuss. Geschichtshintergründe lassen sich definitiv spannender vermitteln!
Letzte Kritik: Überall stehen "...". Gefühlt nach jedem vierten Satz wird kein Punkt gesetzt, sondern "...", egal, ob es passt oder nicht. Normalerweise würde ich so ein Zeichen verwenden, wenn der Leser selbst weiterdenken soll, man irgendein Unheil ankündigt oder ein offenes Ende andeuten will. Warum die Autorin diese drei Punkte auch hinter simple und völlig eindeutige Beschreibungssätze setzt, erschließt sich mir nicht.
Ich kann das Buch nicht wirklich empfehlen. Die Liebesbeziehung zwischen Alberta und X bleibt blass und "plusquamperfektisch", die Hexenprozesse zumeist auch. Nicht einmal die eigentlich spannende Grundgeschichte über eine Frau als "männlicher Jurist" in mitten der Hexenprozesse konnte mich überzeugen. Durch den merkwürdigen Schreibstil geht so viel Spannung und Lese-Genuss verloren, dass mich das Ende der Erzählung nicht mehr interessiert hat. Nachdem ich etwa drei Viertel des Buches gelesen habe, habe ich es tatsächlich aus Langeweile, "..."-Überdruss und vor allem aus Abneigung gegen weitere Gesprächs- und Handlungszusammenfassungen im spannungsfernen Plusquamperfekt zur Seite gelegt. (oder "..."?)