L. Frank Baums Oz-Romane sind Klassiker, die an Popularität nie einbüßen. Sie haben Hollywood inspiriert, Fantasy-Autoren, Comiczeichner und Musicalkomponisten. "Die Hexen von Oz" ist keine Adaption von Baums originären Bücher (und auch keine Filmversion des erfolgreichen Broadway-Musicals "Wicked"), sondern eine moderne Fortsetzung eben dieser, die in der Gegenwart spielt. Zwar gibt es im Verlauf des 160minütigen Streifens einige kurze Rückblenden nach Oz, größtenteils jedoch spielt der Film im Kansas und New York unserer Zeit und einige Wesen aus der Welt der Smaragdstadt tauchen hier zu Besuch auf.
Das ist gut so, denn - man kann es leider nicht anders sagen - die Special Effects sind richtig schlecht. Hier stand den Produzenten offensichtlich nicht viel Geld zur Verfügung und wenn auch einige Masken und Kostüme durchaus gelungen sind, wirken die Außenansichten der Gebäude von Oz und die animierte Armee der bösen Hexe des Westens, die zu Beginn des Films vor dem Schloss des Zauberers aufmarschiert, als sei sie einem Low Budget-Computerspiel entsprungen. Das ist billigstes TV-Niveau und selten habe ich schlechteres gesehen. Wer Fantasyfilme deshalb vor allem aufgrund ihrer opulenten Bilder schätzt, dem sei von den "Hexen von Oz" definitiv abgeraten.
Der Film selbst, und das ist eine Kunst, ist dennoch für Freunde von Oz und phantastischen Fernsehspielen sehr zu empfehlen! Wie das? Auch an den Schauspielern liegt es nicht, denn die agieren von ansprechend (Ari Zigaris als Allan) über durchschnittlich (Paulie Rojas als Dorothy, Eliza Swenson als Billie und Mia Sara als Langwidere), überzogen (Christopher Lloyd als Zauberer) und blass (Billy Boyd) bis hin zu nervig (Sean Astin).
Es ist die Story, die überzeugt. Sie kommt zwar nur langsam in die Gänge, versprüht dann aber überraschend viel Charme. Der Film erzählt ein modernes Märchen für die ganze Familie, ähnlich wie etwa der (graphisch ansprechendere, aber inhaltlich wesentlich schlechtere) "Duell der Zauberer".
Anders als "Tin Man", ebenfalls eine relativ neue Oz-Fortsetzung, die allerdings eher in eine punkige Richtung geht und daher vor allem ein jugendliches Publikum anspricht, konzentriert sich "Die Hexen von Oz" auf Familienwerte. Nicht nur gibt es zahlreiche Referenzen zu Baums Büchern, in der zweiten Hälfte des Films wird zudem deutlich, dass einige Ungereimtheiten zu Anfang nicht auf ein schwaches Drehbuch zurückzuführen sind, sondern durchaus Sinn ergeben. Einen Sinn, der sich sowohl für Dorothy als auch die Zuschauer erst spät erschließt, aber dafür umso mehr überrascht. Da verzeiht man auch das eine oder andere altbacken wirkende Klischee, das hier bedient wird, und einige eher fade als gelungene Szenen wie etwa die Auftritte der Zwerge. Wenn auch nicht immer hervorragend animiert, so machen doch die Reisen in Seifenblasen und die Magie, die mit Regenschirmen, Zauberstäben, Schneekugeln und silbernen Schuhen gewirkt wird und die Rückblenden nach Oz Spaß. Und im letzten Drittel wartet die Geschichte zudem noch mit einigen Wendungen und Überraschungen auf, mit denen man nicht gerechnet hat. Eine Versöhnung im Hinblick darauf, dass man recht schnell herausfindet, wo sich die Hexe des Westens verbirgt.
Rätselhaft bleibt, wie es RTL geschafft hat, den Zweiteiler für die TV-Ausstrahlung um fast eine komplette Stunde zu kürzen. Die ungeschnittene Fassung weist zwar in der ersten Hälfte einige kleine Längen auf; diese machen jedoch sicher nicht 60 Minuten aus. Es bleibt fraglich, wie bei solch einer radikalen Schnittfassung Sinn und Charme des Films erhalten bleiben sollen. Wer den Film also nur aus dem Fernsehen kennt, darf der DVD-Fassung gern eine zweite Chance geben. Er erzählt eine nette, gut durchdachte Geschichte mit einigen Schwächen, die inhaltlich den Oz-Mythos gut für sich zu nutzen weiß und so über die zugegebenermaßen unterirdischen Special Effects weitgehend hinwegtröstet.