Friedrich Dürrenmatt, Die Ehe des Herrn Mississippi, 1952
„Die Ehe des Herrn Mississippi" ist eine zweiteilige Komödie, die erstmals 1952 in München aufgeführt wurde. Friedrich Dürrenmatt war einer der bedeutendsten Autoren der Schweiz des 20. Jahrhunderts. Er studierte Literatur, Philosophie und Naturwissenschaften in Zürich und Bern. In dieser Komödie, welche kurz nach dem 2. Weltkrieg handelt, stellt der Dramatiker fünf zentrale Figuren mit ganz verschiedenen Ideologien in gegenseitige Beziehung.
Das Drama spielt in einem einzigen Raum, welcher im Biedermeier möbliert ist. „In dieser Komödie geht es um das nicht unbedenkliche Schicksal dreier Männer, die sich aus verschiedenen Motiven nichts mehr und nichts weniger in den Kopf gesetzt hatten, als die Welt teils zu ändern, teils zu retten." Herr Mississippi, ein wegen seiner Strenge gehasster Staatsanwalt, zwingt Anastasia zu einer Ehe, welche die Sühne für ihre ermordeten Gatten sein soll. Mississippi, ein Mensch des unerbittlichen, starren Gesetzes, ist nicht bereit, der Aufforderung der Regierung, seinen Rücktritt einzureichen, nachzukommen. Der Kommunist Saint-Claude, ein Mensch der rein irdischen Gerechtigkeit, entfesselt aus persönlichen Gründen und wegen der 350 Todesurteile des Staatsanwalts einen Volksaufstand gegen ihn. Anastasia, welche die Gegenwart und das Leben verkörpert, steht im Zentrum der Hauptfiguren. Das Drama endet mit dem Tode beinahe aller Hauptfiguren, welche durch ihre eigenen „Werke" fallen.
Ich empfand die Sprache des Dramas als gut verständlich. Die Komödie ist interessant und spannend geschrieben. Auch die Handlung ist leicht zu verstehen. Dürrenmatt erläutert durch Monologe einzelner Hauptfiguren Szenen, die nicht gespielt werden. So überwindet er auch zeitliche Sprünge. In den Monologen gehen die Personen auf ihre eigenen Gedanken und Gefühle ein, sodass ich auf die Meinung des Autors schliessen kann. In den Monologen sprechen die Figuren direkt das Publikum an. Das ermöglicht dem Leser Distanz und er wird so zum Überdenken des Gesagten aufgefordert.
Ich fand es schwierig herauszufinden, was der Autor eigentlich mit diesem Werk wollte. Ich denke, das Hauptmotiv des Dramas sind die verschieden Versuche die Welt zu verändern. Dabei kann man jeder Person eine klare gesellschaftliche Haltung zuteilen. Mississippi versucht verzweifelt das Gesetz Moses' wieder einzuführen, indem er versucht als Staatsanwalt die absolute Gerechtigkeit ohne Gnade, die „Gerechtigkeit des Himmels" zu vertreten. Saint-Claude versucht mit allen Mitteln eine Weltrevolution durchzusetzen. Meiner Meinung nach haben beide viel zu hoch gesteckte Zielsetzungen, welche für eine Gesellschaft so kurzfristig unerreichbar sind. Ich denke, Mississippi und Saint-Claude müssten eher zu Kompromissen bereit sein und ihre Ziele schrittweise ansteuern, um ihre angestrebten Ziele zu erreichen. Am Ende des Dramas sterben alle samt ihren unerfüllten Visionen, mit Ausnahme von Anastasia, was meines Erachtens bedeutet, dass die gewählten Wege mit den verbissenen Denkweisen nicht zum Ziel führen. Dieses Modell lässt sich auch gut auf politische und gesellschaftliche Situationen nach einem Krieg in der heutigen Zeit übertragen. Im Text stosse ich auf viele Aspekte der Nachkriegszeit („datiert ins Jahr 47 oder 48"). Ich finde, die politischen Verhältnisse werden sehr präzise, wenn auch vereinfacht, anhand der Beziehung zwischen Saint-Claude und Mississippi gezeigt. Ich konnte mich gut in die Lagen der Hauptfiguren hineinversetzen und ihre Gedanken nachvollziehen. Trotzdem wirkten die verschiedenen Charaktere der Hauptpersonen auf mich übertrieben: Minister Diego, der zu jeder Anpassung bereite Realpolitiker, Übelohe, der die Welt von innen heraus durch die Kraft der Liebe verwandeln möchte, Mississippi, der Mensch des starren Gesetzes, Saint-Claude, der Mensch der rein irdischen Gerechtigkeit, und Anastasia, der Mensch des Augenblicks. Ich denke, mit solchen Charakteren will Dürrenmatt auf satirische Weise auf die verzweifelten Lebensansichten und auf die Umstände der Nachkriegszeit hinweisen. Ich finde, dass Dürrenmatt durch Mississippis überspitzte Haltung gegenüber der Kirche indirekt eine gewisse Kritik am Verhalten der Christen ausübt. Im Ganzen macht der Verfasser durch religiöse und philosophische Motive auf die gesellschaftlichen Probleme der Nachkriegszeit aufmerksam.
Wegen der ergreifenden, einfachen Sprache und der vielfältigen und tief gehenden Interpretationsmöglichkeiten kann ich das Stück eigentlich jedem empfehlen. Dem Anfänger bietet es eine klare Handlung mit verständlichen geschichtlichen Hintergründen, der Fortgeschrittene kann sich in die Deutung der Komödie vertiefen, die Gemeinsamkeiten zwischen Autor und Werk sowie philosophische und religiöse Aspekte herausarbeiten. Nur schon über die Aussage Dürrenmatts, der Mensch sei letztlich nicht zu ändern, könnte man Bücher schreiben.
Aron Graf, Kantonsschule Chur