In Anne Brontes Roman "Die Herrin von Wildfell Hall" wird eine starke Frau in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt, die sich gegen das vorgegebene Rollenbild als Ehefrau auflehnt und sich schließlich sogar von ihrem verkommenen Ehemann trennt, um sich und ihren Sohn zu schützen. Die bitteren Erfahrungen lassen ihr Herz jedoch nicht ganz erhärten und so öffnet sie sich zögerlich für eine neue Liebe. Wird diese jedoch überhaupt eine Chance haben, sich zu bewähren?
Eine wunderschöne Fremde ist die neue Herrin von Wildfell Hall. Die Nachbarn, allen voran die Familie Markham, ist sehr darauf bedacht, die junge Dame kennen zu lernen. Gilbert Markham ist der Beau der Grafschaft und hat eigentlich bereits ein Auge auf die jüngste Tochter des Pfarrers der Gemeinde geworfen, sehr zum Missfallen seiner geliebten Mutter, die sich für ihren Lieblingssohn eine bessere Partie wünscht. Nun aber ist sein Interesse ganz auf die geheimnisvolle Helen Graham gerichtet, um deren Gunst er und sein Freund Lawrence ringen. Doch dann machen boshafte Gerüchte über Mrs. Graham die Runde. Gilbert ist empört und versichert Helen, alles in seiner Macht stehende zu tun, um ihren Ruf zu retten. Als Helen erkennt, welch starke Gefühle der junge Mann für sie entwickelt hat, gesteht auch sie sich ihre Liebe zu Gilbert ein. Doch eine Beziehung zwischen den Liebenden ist unmöglich. Um Gilbert ihre Lage zu erklären, vertraut sie ihm ihr Tagebuch an.
In diesem Tagebuch enthüllt sich die jüngste Vergangenheit. Helen ist behütet bei ihrem Onkel und ihrer Tante aufgewachsen und findet in ihrer ersten Saison gleich mehrere Verehrer. Ihr Herz aber schenkt sie dem verwegenen Schönling, Arthur Huntigdon. Trotz der Warnungen und Ratschläge ihrer Tante und den Bedenken ihrer Freunde wil-ligt sie in die Verlobung mit ihm ein. Sie glaubt fälschlicherweise mit ihrer Liebe das Herz des wilden Mannes zu bezwingen und ihn auf den Pfad der Tugend zu führen. Die ersten Ehejahre belehren sie eines Besseren. Arthur ist ausgelassen, trunksüchtig und schließlich sogar untreu. Als auch noch der gemeinsame Sohn unter den Eskapaden seines Vaters zu leiden hat, entschließt sich Helen zu einem mutigen Schritt: Sie verlässt ihr Heim und findet unter falschem Namen eine Zuflucht in einem abgelegenen Anwesen, das ihr Bruder ihr zur Verfügung stellt.
Gilberts Liebe und Verehrung werden durch die Lektüre der Aufzeichnungen noch gestärkt. Doch seine Gefühle finden kein Ventil, da Helen ihm für ein halbes Jahr die Anwesenheit in ihrer Gegenwart untersagt hat. Dann erfährt er auch noch, dass Helen zu ihrem Ehemann zurück gekehrt ist, da dieser schwer krank geworden ist. Allein auf die Berichte ihres Bruders angewiesen, glaubt Gilbert daran, seine große Liebe mehr und mehr zu verlieren. Kann es überhaupt noch eine Hoffnung für die Liebenden geben, oder werden sich die Seelen, wie Helen vermutete, erst nach dem Tode miteinander verbinden?
Der tief verwurzelte und unerschrockene Glaube der Anne Bronte ermöglichte es ihr, eine starke Heldin zu erschaffen, die frei von den Vorstellungen der damaligen Gesellschaft, unabänderlich ihrem eigenen Gewissen folgt und durch die gelebten moralischen Grundsätze die Scheinheiligkeit und die Grausamkeit der dominant männlichen Gesellschaft entlarvt. Junge Damen wachsen behütet auf und werden nicht auf die raue Wirklichkeit vorbereitet. So folgen sie wie Schlachtlämmer dem Rat der Mutter und machen eine sogenannte gute Partie. Eine gut gefüllte Börse oder ein hochtrabender Titel nützen der gequälten Ehefrau aber recht wenig, die den Entgleisungen des egoistischen Ehemannes wenig entgegenzusetzen hat. So verblüht so manch englische Rose schnell dahin und wird zu einer verhärmten Frau. Obwohl Helen selbst nicht in eine Ehe verkauft wird, geht es ihr ähnlich wie vielen ihrer Leidensgenossen. Ihre große Liebe ist nicht der treu sorgende Ehemann, den sie sich in ihren Träumen vorgestellt hat. Während der ihr Angetraute sein Verhalten als völlig normal betrachtet, begehrt Helen auf und kämpft entschieden gegen ihr Schicksal an.
Anne Bronte hat einen mutigen, schonungslos entlarvenden Roman geschrieben, der ihre Mitmenschen bei Veröffentlichung ihres Werkes nicht wenig schockiert haben muss. Es ist für den heutigen Leser ein großes Glück, dass er ein so offenes Zeugnis der damaligen Lebensumstände in den Händen halten darf. Auch der Schreibstil ist so eindringlich, schwungvoll und dabei so elegant, dass es die reinste Freude ist, diese Lektüre zu genießen. Anne Brontes Werk muss sich wahrlich nicht hinter den berühmten Werken ihrer Schwestern, Charlotte und Emily, verstecken. Mit ihrem Roman hat sie sich selbst ein unvergessliches Denkmal gesetzt.