"Die heiligen Männer schwätzen alle nur, hier wie bei den Christen.
Eigentlich sind sie heilige Schwätzer."
(Herkus Monte in den Mund gelegt; Seite 154)
Anders als es das Buchcover mit der Abbildung eines roten Tatzenkreuzes und eines Schwertes mit Tatzenkreuz am Knauf suggerieren oder vielleicht vermuten lassen, spielen bei Claudius Crönerts Romanerstling keine Tempelritter mit. "Die Herren der Schwerter" sind auch keine Angehörigen des Schwertbrüderordens, also keine Brüder der Ritterschaft Christi von Livland........
Der Dominikanermönch und altpreußische Geschichtsschreiber Simon Grunau (um 1470 - 1530/37) berichtet, dass der prußische Edelmann aus dem Stamm der Natanger Erkus Mants (1225/1230 - 1273) von Rittern des Deutschherrenordens als Kind nach Magdeburg gebracht wurde. Dort habe er den Taufnamen Henricus erhalten und auf der Klosterschule studiert. Seine und die Erziehung anderer Edelknaben, auch aus anderen Prußenstämmen, zielte allein darauf ab, später in der Heimat bei der Vertretung der Interessen des Deutschritterordens mehr Akzeptanz zu erzielen. Rückkehrer wie Heinrich oder Herkus Monte wurden jedoch von den Prusai, wie sich die Prußen selbst nannten, argwöhnisch betrachtet als potentielle Verräter betrachtet. Nachdem der Deutsche Orden im Jahre 1250 mit seinem ersten Unterwerfungsversuch gescheitert war, erhoben sich die Natanger, vor allem aus Empörung über nicht eingehaltener Versprechen in Glaubensdingen, sechs Jahre später erneut. Im Jahr darauf schlossen sich fünf weitere Prußenstämme der Rebellion an. Wie nach ihm Simon Grunau, berichtet auch der Chronist des Deutschen Ordens, Peter von Dusburg in seiner "Chronicon Terrae Prussiae" (1326), dass der Aufstand gerade von jenen Edlen der Prusai angeführt wurde, die fern der Heimat auf deutschen Schulen ausgebildet worden waren und sich zudem in der Kampfführung des Ordens bestens auskannten. Nachdem Herkus Monte mit Hilfe von Belagerungsmaschinen die Kreuzburg und die Burg Bartenstein eingenommen hatte, übernahm er im Jahre 1260 die Führung des Prußenaufstandes. Die Kräfte der Prusai erschöpften sich angesichts einer endlos nachströmende Übermacht von Ordens- und anderer Kreuzritter. Nachdem Herkus Monte gegen Dietrich von Meißen in den Schlachten von Braunsberg und Brandenburg (1272) zwei verheerende Niederlagen erlitten hatte, zog er sich mit seinen wenigen, verbliebenen Getreuen in die Wälder zurück. Dort wurde er vom Komtur von Christburg, der mit einem Gefolge auf der Jagd war, zufällig aufgespürt und ohne viel Federlesen exekutiert....
....mit Peter von Dusburg und Simon Grunau sind die Quellen nicht nur fünf Jahrzehnte, bzw. ein Jahrhundert nach dem Tode von Erkus Mants entstanden, sie sind zudem auch Chroniken der Sieger und damit in keiner Weise besonders objektiv....
Claudius Crönert lässt Erkus' Gefährten, den Natanger Norelis/Nikolaus, daher eine ganz andere, fiktive Geschichte aus der Sicht der Prusai erzählen, die er als Rückblick im Sommer des Jahres 1271 im März 1245 beginnen lässt. Diese beiden Jahreszahlen (Seite 31) sind jedoch die einzigen zeitlichen Fixpunkte, die der Roman bietet. Neben Herkus/Heinrich Monte sind lediglich der Jadwigerfürst Skomand (um 1225 - um 1285) und der Ordensvogts Volrad Mirabilis (S. 340) als historische Gestalt überliefert. Alle anderen Akteure lassen sich, wie auch bestimmte Ereignisse (Hungernot, Feldzüge, Belagerungen, Schlachten pp.), nicht in einen geschichtlichen Kontext einordnen. Der Protagonist des Ritterordens, Bernhard von Klingenberg (S. 228) ist eine Fantasiegestalt.
Von dem russischen Spielfilm "Gerkus Mantas" (1973) einmal abgesehen gibt es wenige, bzw. überhaupt keine (deutschsprachigen) Romane, die sich mit dem Prußen, auch Prussen, Pruzzen und ihrem Kampf gegen den Deutschen Ritterorden befassen. Anders als die zu den Slawen gehörenden Polen, den späteren Gegnern des Deutschen Ordens, und die zu den Germanen zählenden Deutschen, gehörten die später von beiden Völkern assimilierten Alt-Preußen zum indoeuropäischen Zweig der Balten, zu denen auch die heutigen Litauer und Letten zählen. Der Autor betritt daher ein in Romanen kaum beackertes Feld....
....macht dabei auch einige der klassische, anachronistische Fehler: Da gibt es Kürbisse (S. 106), obwohl deren Heimat Amerika noch nicht entdeckt war. Das Wort Schnaps (S 433) stammt aus dem 18., Branntwein aus dem 16. Jahrhundert. Der Begriff Tee (S. 461) sollte erst im 17. Jahrhundert in die deutsche Sprache übernommen werden. Auch als Aufguss mit anderen Pflanzen wurde er erst im 18. Jahrhundert gebräuchlich. Aber auch Thema gibt es einige sachliche Ungenauigkeiten. Den Titel Ordensmeister (S. 276) gab nicht, vielmehr einen Hochmeister, einen Deutschmeister oder einen Landmeister von Preußen. Die eigentlichen Waffen der Prußen, Wurf- und Schlaghölzer werden nur peripher erwähnt (S. 411, 470). An Ritterrüstungen des 13. Jahrhunderts prallt kein Pfeilhagel ab (S. 428), sondern einige Pfeile durchschlagen sicherlich auch ein Kettenhemd. Sicherlich im Prußenland auch nicht die Rede von Arabern (S. 467), bestenfalls von Mauren oder Sarazenen. Der oberste Gott der Prußen Deiwas wurde nicht, wie dargestellt (S. 561, 566) angerufen. Die Erklärung des Begriffes Niederlande, als ein Land das tiefer als das Meer liegt (S. 472) ist anachronistisch. Romowe, der einstige religiöse Mittelpunkt der Preußen lag nicht im Gebiet der Jadwiger (S. 493), sondern im Samland.
Die vom namentlich nicht bekannten Autor der "amazon-Kurzbeschreibung" fälschlicherweise nach Masuren verlegte Heimat des Herkus Monte, ist sicherlich nicht dem Romanautor anzurechnen. Das Stammesgebiet der Natanger lag nordwestlich des Flusses Alle/Alna/Lyna, Masuren liegt hingegen im Südosten.
Leider bietet der Roman auch keine Materialien wie eine Landkarte, Zeittafel oder ähnliches. Die zum allergrößten Teil, beinahe gänzlich frei ersonnene Romanhandlung, lässt das vom Ullstein Verlag verliehenen Attribut "historisch" fragwürdig erscheinen. Dennoch ist Claudius Crönert eine spannende, letztlich überzeugende Geschichte von Freundschaft, Liebe und Freiheitskampf mit ausgeprägten Charakteren - historischen, wie auch fiktiven - gelungen und auch seine Pionierarbeit in Sachen "Prußen und Deutscher Orden" verdient, gewürdigt zu werden. Im besonderen die Darstellung des prußischen und gemeinbaltischen Pantheons.
3,5 Amazonsterne.