Da hat man nun das Buch mit Genuss, wenn auch gepaart mit etwas Verwirrung, wie das manchmal bei Schlink so ist, gelesen und möchte es anderen Leuten empfehlen, schlägt aber vorsichtshalber erst einmal die Seite der privaten Rezensionen auf und ist überrascht. Es gibt ein paar wohlwollende Besprechungen, eine giftige auch, aber man hat das Gefühl, dass diese Leser das Buch nicht so richtig verstanden haben.
Oberflächlich betrachtet geht es natürlich um die Suche eines Kriegskindes nach dem verlorenen Vater, wobei der Leser, eher Peter Schlemihl als Odysseus gleich, durch wahre Labyrinthe geführt wird, bis sich die Dinge langsam klären und am Ende eine recht unerwartete Lösung finden: der Vater wird eigentlich nicht mehr benötigt, der Sohn hat gelernt, auf eigenen Füßen zu stehen. Wie so oft war der Weg das eigentliche Ziel und wie so oft im Leben findet man das erst am Ende des Wanderung heraus. In einer spanischen Pilgerherberge auf dem Jakobsweg hängt ein Zettel mit dem Satz: "Am Anfang ist es eine Hoffnung, am Ende eine Fußspur" - so auch hier.
Blickt man tiefer in das Buch hinein, so merkt man, dass es nicht nur um einen einzigen Vater geht, den, der in den letzten Kapiteln dann auch auftritt, sondern um eine Vielzahl von Männern, die dem Suchenden als mögliche Väter gezeigt werden: das deutsche Frontschwein, das irgendwo herumirrt, der kalt-distanziert agierende Schweizer Intellektuelle, der an Ernst Jünger erinnert, oder - horribile dictu - der NS-Gauleiter von Schlesien, Hanke, um nur einige zu nennen.
Wie ein Erwachsener auf der Suche nach den Wurzeln der eigenen Persönlichkeit meist vergeblich versucht, nach dem Tode der Eltern die verschiedenen Personen des häuslichen Bekanntenkreises zueinander in Beziehung zu setzen, so erkennt man in Schlinks Buch, wie durch einen Spiegel, die Strömungen, die das Leben aller Nachkriegsdeutschen geformt haben, ob wir das nun wahr haben wollen oder nicht.
Der Roman führt uns das in behutsamer Weise vor Augen, weniger krass, als es Günter Grass in seiner bevorstehenden Autobiographie wohl mit seiner eigenen Vergangenheit tut, und wir tun gut daran, uns damit abzufinden, mit den guten und den schlechten Eigenschaften unserer Väter, mit ihren ehrenwerten und ihren verwerflichen Handlungen, mit den Zeitumständen, in die sie hineingeworfen wurden.
In Terence Rattigans Stück "Tea and Sympathy" sagt eine Frau zu einem jungen Mann, den sie in die Geheimnisse des Lebens eingeführt hat, "wenn du an diesen Tag zurückdenkst, sei milde in deiner Erinnerung". Auch wir sollten über unsere Väter milde denken. Schlinks Buch kann uns dabei helfen.