Sicherlich, es ist auch ein Buch über die Praxis des Schreibens. Aber es ist vor allem ein Buch der Schreibenden, der vielen Teilnehmerinnen an den Kursen und Workshops, die Herrad Schenk seit einigen Jahren anbietet. Und ganz offensichtlich ist das Vertrauensverhältnis zu dieser Fachfrau so groß, dass ihr die "Schülerinnen" das Abdrucken ihrer Texte erlauben. Und sicher waren sie auch dazu bereit, weil Autoren mit ihren Texten an die Öffentlichkeit wollen. Allerdings betont Herrad Schenk gleich auf den ersten Seiten, dass es verschiedene Beweggründe gibt, seine Lebensgeschichte oder Teile davon in Worte zu fassen. Es kann der Wunsch nach Selbstrechtfertigung sein, Traumbewältigung, Protest gegen die Vergänglichkeit oder der Mangel an Zuhörern. Da die wenigsten Kursteilnehmerinnen literarische Ambitionen haben, ist weder der Aufbau, noch die Durchführung der Kurse mit Creativ Writing-Angeboten vergleichbar. Obschon auch in diesem Buch Tipps und nachahmenswerte Beispiele zu finden sind, um Texte näher an künstlerische Formen heranzuführen.
Da der Wunsch nach schriftlichem Festhalten eigener Lebensgeschichten in den letzten Jahren stark zugenommen hat, sind inzwischen auch zahlreiche How to do-Bücher auf dem Markt. Doch dieses unterscheidet sich klar von der Konkurrenz, weil Herrad Schenk die Bühne großzügig ihren Kursteilnehmerinnen überlässt und selber scheinbar nur am Rande steht. Scheinbar, weil diese Nebenrolle letztlich doch nicht stimmt. Herrad Schenk hat die Fäden fest in der Hand, gibt der Inszenierung eine klar nachvollziehbare Ordnung und entscheidet, welche Details besondere Beachtung verdienen. Ist das Buch ein Spiegelbild ihrer Kurse, verstehe ich das große Interesse an diesem Angebot.
Nachdem der Leser weiß, was den Wunsch weckt, über das eigene Leben zu schreiben, wird er quasi als stummer Gast in die Schreibwerkstatt mitgenommen. Das finde ich auch deshalb klug gemacht, weil Herrad Schenk ihre Kursteilnehmerinnen für die Kunst des Beobachtens gewinnen will. Und ohne jemanden davon abhalten zu wollen, vor allem dem eigenen Stil zu vertrauen, ermuntert sie die Schreibenden auch zum Kopieren beispielhafter Vorlagen, von denen es ja viele gibt. Der stille Gast erfährt, wie die Autorin es schafft, Lernenden den Einstieg zu vereinfachen und Schreibblockaden zu lösen. Es ist dabei, wenn Herrad Schenk und fremde Texte von Kindheitserinnerungen, Kriegserlebnissen, Ängsten, belastenden Erfahrungen und Elternbilder sprechen. Und so erfährt er ganz nebenbei, welche Erinnerungsspuren Menschen geprägt haben, die oft nicht mehr im Arbeitsalltag eingespannt sind und sich nun Zeit nehmen, auf ihre Lebensgeschichten zurückzublicken. Und so erstaunt es ihn auch nicht, wenn in solchen Kursen nicht nur laut gelacht, sondern auch still geweint wird. Ein Kapitel heißt denn auch "Die Heilkraft des Schreibens: Schreiben als sinnstiftender Prozess". Dabei überraschte es mich nicht, dass die Kursteilnehmerinnen ihren Erinnerungen eine Form geben wollen, die sich vom Alltäglichen abhebt. Denn auch das Ringen um die passende formale Gestaltung von Inhalten löst Prozesse aus, die sowohl nach innen wie nach außen wirken. Und ganz offensichtlich begleitet Herrad Schenk diese Wegfindungen so gekonnt, dass sich die vielen Beispieltexte von schnell hingeschriebenen Blitzlichtsätzen wohltuend unterscheiden.
Mein Fazit: Gar nicht so einfach, diesem Buch den passenden Titel zu verleihen. Der von Herrad Schenk gewählte weist zwar auf einen wesentlichen Aspekt des Inhalts hin, könnte aber Leser mit einer Esoterikphobie unglücklicherweise vom Kauf abhalten. Der Untertitel "Wie man vom eigenen Leben erzählt", gefällt mir besser, auch wenn er dem "Was?" zu wenig Rechnung trägt. Sicher ist das Buch kein Creative Writing Kurs, sondern einfach ein schöner Begleiter für Menschen, die sich mit dem Gedanken tragen oder schon dabei sind, ihre Lebensgeschichten in Sprache zu hüllen.