Ein Amoklauf an einer Schule. Sechs Menschen sterben, mehrere andere werden zum Teil schwer verletzt. Wie konnte das passieren? Wer hat schuld? Wie geht das Leben für die Überlebenden weiter?
Diesen Fragen stellt sich Jennifer Brown in ihrem beeindruckenden Debutroman. Valerie und Nick, zwei 16-jährige Schüler an der Highschool, sind seit 4 Jahren ein Paar. Sie haben zusammengefunden weil sie Außenseiter sind. Unter den Schülern gibt es viele Ungerechtigkeiten und Schikanen, zum Teil regelrechte Mobbing-Strategien. Keiner macht sich ernste Gedanken darüber. Keiner tut ernsthaft etwas dagegen. Aus Spaß führen Valerie und Nick eine Hassliste, auf der sie Personen notieren, die ihnen auf irgendeine Art und Weise das Leben schwer gemacht haben. Alles Nervensägen, Blödmänner und Idioten. Auch Valeries Vater steht auf dieser Liste. Ein harmloses Ritual, wie es scheint. Doch eines Tages wird bitterer Ernst daraus. Denn Nick läuft in der Schule Amok und tötet gezielt nach der Hassliste. Valerie kann den gewalttätigen Freund nur stoppen, indem sie sich in den Kugelhagel wirft und so selbst zum Opfer wird. Nick tötet sich selbst durch einen Schuss in den Kopf.
Als Valerie im Krankenhaus aufwacht kann sie sich zunächst an nichts erinnern. Erst langsam kommen die Erinnerungen an den traumatisierenden Alptraum zurück. Da sie sich selbst als Täter sieht und so auch von den ermittelnden Polizisten behandelt wird, macht sie die Schotten dicht und redet mit niemandem mehr. Niemand sieht die Heldin in ihr, die das Grauen unter Einsatz ihres eigenen Lebens beendet hat. Alle sehen in ihr lediglich Nicks Freundin und die Begründerin DER Liste, nach der der Amokläufer seine Opfer gezielt ausgewählt hat. Auch ihre Eltern stehen hilflos und fassungslos vor den Geschehnissen. Zudem sind sie mehr mit sich als mit ihren beiden Kindern beschäftigt. Denn Valeries Vater hat eine Geliebte und wird sich im Laufe der Geschichte auch für die neue Frau an seiner Seite entscheiden.
Das alles führt nicht unbedingt zu einer Stabilisierung von Valeries Seelenlage. So quält sie sich mit Schuldgedanken und Selbstzweifeln. Hätte sie etwas ahnen müssen? Hätte sie den Amoklauf verhindern können? Wann wurde aus der harmlosen Hassliste blutiger Ernst? Erst der Psychiater Dr. Healer findet einen Zugang zu dem völlig verstörten Teenager und zeigt ihr einen Weg auf zurück ins Leben.
Jennifer Brown hat in ihrem Roman ein ebenso brisantes wie topaktuelles Thema aufgegriffen: Was für ein Menscht steckt hinter einem Amoklauf? Wie kann es dazu kommen? Welche Rolle spielt das Umfeld: Mitschüler, Lehrer, Eltern, Freunde? Gibt es Vorboten? Kann ein Amoklauf im Vorfeld verhindert werden? Und wie?
Sie erzählt ihre Geschichte aus Sicht der 16-jährigen Valerie und so schlüpft der Leser direkt unter die Haut der Mitschülerin und Freundin des Täters. Auf diese Weise bekommen wir eine Ahnung von ihren Ängsten, Nöten und Qualen. Denn Valerie fühlt sich als Mittäterin schuldig. Sie fühlt sich zugleich als Opfer, denn auch sie wurde schwer verletzt und hat ihren besten Freund und einzigen Seelenverwandten verloren. Und sie stellt sich Fragen über Fragen. Anna Carlsson verleiht Valerie ihre Stimme und sie tut dies mit großer Intensität und Stärke. Alle Stimmungen werden deutlich herausgearbeitet, die Wut ebenso, wie das Entsetzen und die Hilflosigkeit. Und hinter all den unterschiedlichen Stimmungslagen schimmert die verletzliche Seele eines jungen Teenagers durch, der sich von der ganzen Welt verraten und verlassen fühlt. Eine großartige Leistung der jungen Sprecherin.
Valerie erzählt nicht chronologisch. Eine ungemeine Stärke des Romans, denn die Leser werden so ebenfalls mit aufgefordert, sich selbst ein Urteil zu bilden. Authentizität bekommt die Geschichte durch eine Reporterin, die aus dem Orbit die Ereignisse sachlich schildert. Jedes Opfer wird einzeln benannt, seine individuelle im Tathergang aufgezeigt. Das macht richtige Gänsehaut. Zusammen mit der Protagonistin gilt es, die Vergangenheit neu zu bewerten und aus den vielen Teilwahrheiten, die sich im Laufe der Geschichte auftun, Antworten auf die Frage nach den Motiven und Ursachen der Tat zu suchen. Ein unendlich kluger und einfühlsamer Roman zum Thema Amoklauf an Schulen, der nicht einfach Antworten auf zahlreiche Fragen bietet, sondern reichlich Diskussionsstoff für hoffentlich konstruktive Gespräche nicht nur an Schulen. Dieses spannend geschriebene, sprachlich sehr lebendige und bewegend vorgetragene Hörbuch ist ein einziges Plädoyer gegen Vorurteile und schnelle Schuldzuweisungen.