Heine trägt während seiner "Harzreise" recht schwere Gedanken im Hirn, er schweift aus und kommt vom Hundertsten ins Tausendste, und das ist dann unser Glück, dass er seine Beobachtungen (im optischen und geistigen Sinn) auch aufschreibt. Darin sind Heine und Herder einander ähnlich, nur ist Herder mehr human und weniger spöttisch als Heine, weshalb ich ihn auch bevorzuge. Heine aber hat auch wahrhaft edle Gedanken. Und wie er diese Tiefsinnigkeiten inmitten der wunderbaren Reiseerlebnisse einstreut, ist sehr schön, und selbst wenn sie manchmal sehr gemein sind, muss man wohl einigemale unwillkürlich lächeln, weil er die witzigsten Wörter findet. Sein Stil ist feuilletonartig, vergleichbar vielleicht mit Fritz Reuter oder Kurt Tucholsky, nur dichter und konzentrierter, ja, besser.
Nur stimmt meine Gesinnung nicht mit der seinigen überein, vor allem stört mich, dass er in vielen guten und bösen Dingen das "Deutsche" sieht, der Rest sei französisch, italienisch, britisch, oder sonst wie. Aber gibt es nicht eine Nibelungentreue auch in Japan, eine Gretchenfrage auch in Australien, und einen Nürnberger Trichter auch auf Island? Dennoch gebe ich Heine fünf Sterne, weil er so charmant und schön schreibt, und mir eine sehr kurzweilige Lektüre beschert hat, weswegen ich ihm sehr dankbar bin.