Das Tagebuch von Frau Bücker besticht durch seine schlichte und recht unsimentale Darstellung des Alltags einer Hartz 4- Empfängerin, die durch diverse Schicksalsschläge ganz unten angekommen ist. Beim Lesen wurde ich das Gefühl nicht los, dass die Autorin nicht nur seit Jahren um ihr Überleben, sondern auch allein schon um ihre Daseinsberechtigung kämpfen muss.
So schildert Frau Bücker nicht nur, wie sie sich beim Verkauf eines Obdachlosenblattes immer wieder gegen die männliche Konkurrenz verteidigt, sondern auch, wie sie sich mit Vorurteilen und der Verachtung durch einige Menschen konfrontiert sieht, denen es materiell (noch) deutlich besser zu gehen scheint als ihr selbst.
Die besondere Wirkung dieses Buches beruht für mich auf der Wiederholung des immer Gleichen: Kampf, Kampf, Kampf. Hier schreibt eine Kämpferin aus ihrem Alltag, der mit der "sozialen Hängematte" oder dem vermeintlichen Schmarotzertum von Hartz- 4- Empfängern nichts gemein hat.
Hier wird deutlich, wie wichtig die kleinen Gesten des Alltags sind: der Euro extra, das gespendete Brötchen oder das Lächeln, das einem Menschen den Tag trotz aller Härte verschönern kann. Aber ich lese aus dem Buch auch Frust und Verzweiflung heraus. Wer selbst nichts hat, dem fällt es per se schwer, anderen etwas zu gönnen (z. B. den im Buch erwähnten "Zigeunern", die ebenfalls das Obdachlosenblatt verkaufen). Man schielt eben so lange auf andere, bis man selbst glücklich und zufrieden ist.
Der Frust der einstigen Chefsekretärin ist durchaus nachvollziehbar. Was, so fragte ich mich beim Lesen ihres Buches, hat diese Frau auf den ersten Blick noch zu erwarten? Ein Mensch wie sie, der alles verloren hat (Freunde, Eltern, Geld...), muss schon ein hohes Maß an Selbstmotivation aufbringen, um jeden Tag aufs Neue vor die Tür zu gehen und darauf zu hoffen, dass andere ihn mit dem einen oder anderen Euro unterstützen.
Genau diese Selbstmotivation ist es, die mich dann doch optimitisch stimmte: Frau Bücker wird es heraus schaffen aus der Armutsfalle- da bin ich mir sicher, denn sie hat die Alkoholsucht überwunden, lässt sich nicht gehen und ist mündig geblieben.
Als Arbeitgeber würde ich genau eine solche Angestellte suchen, die unerschütterlich ihren Ausweg aus der "Rattenfalle" sucht und die sich nicht unterkriegen lässt! Von dieser Frau können sich viele Wohlstands- Jammerlappen in unserer Republik ein Scheibchen abschneiden!
Das fehlende Lektorat und Korrektorat dieses Buches (ursächlich für meine Vier- Sterne- Vergabe) wird durch seine Authentizität locker wett gemacht. Kaufen Sie das Buch! Hier erfahren Sie etwas über das wahre Leben "in Hartz", das die meisten von uns schneller treffen kann als ihnen lieb ist.
Hochmut kommt vor dem Fall, und nach dem Fall kommt der Wiederaufstieg. Ich wünsche Frau Bücker, dass sie möglichst viele Bücher verkauft, um endlich den Teufelskreis der Armut durchbrechen zu können!