Doppelmord im Ackermannesmannland
Wahnsinn, der spinnt! denkt man sich, wenn man Joachim Hammanns Kriminalroman aufschlägt und den ersten Satz liest. Da traut sich einer, eine 655 Seiten Krimischwarte anzufangen mit einem EINZIGEN Satz, der sich über endlose 13 Zeilen hinzieht, und den man gleich zu Anfang des Buches dreimal lesen muß, um ihn zu kapieren. Das geht ja gut los, denkt sich der weihnachtsbeschenkte Leser, gemütlich in die Sofaecke gekuschelt, und das soll ein Krimi sein? Der Typ soll erst mal lernen, sich in klar verständlichen, einfachen Sätzen auszudrücken, wenn er im Rheinland durch die Landschaft fährt! Was für ein seltsames Opening für einen Krimi!
Und so gehts weiter. Gleich auf Seite 7 erfährt man, wer die Mörder sind, und was für Arschlöcher, die man dann in ihrem Hochglanz-Schickerialeben begleiten darf, und das bis ins kleinste Detail ausgebreitet. Dabei schaut man ihnen zu, wie sie lustvoll und amüsiert den perfekten Mord an ihren Eltern planen, als würden sie ihren eigenen, höchst persönlichen Hollywood-Krimi inszenieren. Nur leider tun sies dann auch
Nach 83 Seiten taucht dann die Hauptfigur auf, Kommissar Claudius! Ein Vollwrack, total depressiv und schwer traumatisiert vom bis heute ungeklärten Tod seiner Frau bei einem Verbrechen, vor vielen Jahren. Und damit macht der Autor plötzlich einen zweiten Fall auf, der von da an parallel zur Ermittlungsarbeit an dem Mord der beiden Yuppiesöhne abläuft, und den Leser wie in einem Sog in die Abgründe der Psyche dieses vollkommen jenseitigen Kriminalkommissars hineinzieht. Und plötzlich entpuppt sich das eigentliche Thema dieses Romans, hinter seiner rheinländischen Krimifassade:
Die schrittweise Selbstauflösung eines modernen Menschen, der an seinem eigenen Leid und dem der Welt um ihn herum zugrunde zu gehen droht, sich aber trotzdem eben diesem immer wieder verzweifelt ausliefert. Und das auf Leben oder Tod, um schließlich in einer grandiosen Schlußsequenz des Romans innerlich zu sterben und neu geboren zu werden, in einer plötzlich geschenkten, da für kurze Zeit unmittelbar erlebten, totalen HARMONIE DER WELT.
Genial! Ein grandioses Buch! Nur tut es manchmal weh, weil es so ehrlich ist.
655 Seiten geistiger Freejazz auf höchstem Niveau, durch alle Bewußtseinsebenen, Zeiten und Kulturen, gespickt mit einem Wissen, mit dem man eine eigene Wikipedia füllen könnte: vom Rheinland über Griechenland und Indien bis zur Geschichte des modernen Möbel- oder Uhren- Designs oder eben des modernen Jazz, bezeichnenderweise der Lieblingsmusik von Kommissar Claudius.
Dieser Roman ist für mich moderne deutsche Literatur auf höchstem Niveau, und ich frage mich, warum man denkt, das sei nur ein Krimi, noch dazu ein Regional-Krimi???
Hallo!!! Das Buch schon mal richtig gelesen???
Das ist ein brillant konstruierter, nicht eine Seite langweiliger Roman. Ein super Krimi und ein superintelligentes, vielschichtiges Portrait der deutschen, hier rheinländischen Wirtschaftswundergesellschaft nach dem 2. Weltkrieg, bis hin zu den heutigen Exzessen ihrer nächsten Generation. Dieses Buch lohnt echt jede der 655 Seiten, und es macht gespannt auf mehr vom selben Autor!