Die Bundesrepublik wird von einer geheimnisvollen, todbringenden Seuche heimgesucht - niemand weiß, wo sie herkommt, niemand weiß, wie sie übertragen wird - Fakt ist nur, dass die Infizierten mit einem Lächeln sterben, ihr Leben vor ihrem geistigen Auge Revue passiert und sie zusammenbrechen und in die Foetushaltung zurückkehren. Die Politik greift zu rabiaten Mitteln, um eine Pandemie zu verhindern - auch Zwangsisolationen der bereits vermeintlich infizierten Personen werden
angeordnet. Das kann und will sich Glücksritter und Würstchenverkäufer Heribert (Ulrich Wildgruber) nicht bieten lassen. Gemeinsam mit dem Arzt Sebastian (Helmut Griem), der naiv-introvertierten Ulrike (Carline Seiser - die ein Jahr später Konstantin Wecker heiratete) und dem Rollstuhlfahrer Ottokar (Fernando Arrabal) tritt er die Flucht an. Zunächst wollen sie mit Heriberts Senf-Mobil nach Lüneburg, weil dort die Schwester von Sebastian wohnt und er dort auch Forschungen betrieben hatte, die mit der Seuche in Zusammenhang stehen könnten. Sie fliehen durch menschenleere Dörfer, über leere Autobahnen. Sie treffen auf den esoterischen Wohnwagen-Überführer Alexander (Kommunarde Rainer Langhans) und den manischen Fritz (Tilo Prückner), zerstreiten sich, entzweien sich und treffen immer wieder aufeinander. Jeder wurschtelt sich durch, doch alle auch die Flucht in die Berge Bayerns kann sie nicht vor ihren Häschern bewahren...
Die Zukunftsutopie aus der Feder von Peter Fleischmann, Otto Jägersberg und Roland Topor aus dem Jahr 1979 ist ein surreales, unglaublich trashiges Stück Science Fiction mit wie auch immer gearteten satirischen Seitenhieben auf die Gesellschaft der BRD, begleitet von den futuristischen Synthesizerklängen von Jean-Michel Jarre. Die Dramaturgie ist chaotisch, die Ausrichtung des Films nie klar umrissen. DIE HAMBURGER KRANKHEIT sucht den gewaltsamen Stilbruch, nimmt keine Rücksicht auf ästhetische Verluste. Seine "Helden" sind Subkultur-Klischeebilder: Der schmierige Wurstverkäufer, der aus der Katastrophe noch Geld schlagen will, die schäfchenhaft naive 17-jährige, der Arzt mit Vision, der nervige Krüppel, der immer nur wild gestikulierend für Unruhe sorgt, der Wohnwagen-Überführer, der ob allen Chaos' um ihn herum in sich zu ruhen scheint (einen Eindruck, denn Rainer Langhans ja auch im Dschungelcamp bei ICH BIN EIN STAR, HOLT MICH HIER RAUS hinterlassen hat - allerdings hat er hier eine schlimme New-Wave Frisur!). Der immanente Humor bewegt sich auf dem Niveau der deutschen Klamauk-Filme der 1970er Jahre und irritiert heute mehr, als dass er wirklich witzig ist. Überhaupt weiss man bei dem Film nicht, ob er sich selbst und sein Thema ernst nimmt, oder eigentlich eine Satire sein will. Etwas deutlicher wird der Streifen in einer recht plakativen Party-Sequenz, in der u.a. auch Sängerin und Performerin Romy Haag (Fleischmann kam nicht umhin sie in entkleidetem Zustand zu zeigen: Busen und Penis inklusive) und Evelyn Künneke zu sehen sind. Hier wird der sozialkritische Ansatz nur allzu sichtbar.
Man fühlt sich bei Ansicht des Films an die späteren Arbeiten von Christoph Schlingensief erinnert - in all ihrem überzogenen Groteskerie und ihrer Gradwanderung zwischen Trash-Epos und Botschaftsfilm. Und an die Arbeiten seines Zeitgenossen Herbert Achternbusch natürlich.
Ein Film, der mehr als nur ein Kopfschütteln hervorruft. Komisch ist dabei, dass sowohl ich, als auch meine Freundin unabhängig von mir, den Film damals zur Erstaufführung gesehen hatten, und KOMPLETT anders abgespeichert hatten - eher als bedrückend und realistisch. Das, so steht es nach nochmaliger Sichtung fest, ist er beides nicht. Für Wagemutige in jedem Fall ein Tipp.